Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 9

Auftakt – Kaperstadt

Ankunft

„Ein Grenzenloser ohne Fürsprecher jedoch ist vogelfrei, und jeder Bürger und jede Pfote besitzt das Recht, ihn auf Grund seiner Gefährlichkeit zu töten wie ein wildes Tier.“

Das Buch des Wandels, Kapitel 56, Abschnitt 37, Satz 14

*** Ein neues Leben ***

Erneut waren Aurora und Tirvo Gefangene auf einem Schiff, aber nach ihren vorherigen Erfahrungen erschienen ihnen die nächsten Tage beinahe wie ein Erholungsurlaub: Sie konnten sich in ihrer kleinen Kajüte frei bewegen, bekamen durch eine Fensterluke Tageslicht und frische Luft, schliefen in richtigen Betten und benutzten für ihre Notdurft Nachttöpfe. Ihre Wunden waren versorgt worden, sie erhielten drei Mal am Tag ordentliche Mahlzeiten – die gleichen, wie die Mannschaft, glaubten sie – und ausreichend frisches Wasser zum Trinken und Waschen. Ihre Gefangenenkleidung wurde gereinigt und geflickt, und nach dem Mittagessen durften sie sogar jeden Tag, wenn auch unter Aufsicht zweier bewaffneter Matrosen, für eine Stunde an Deck, um sich die Beine zu vertreten und aufs Meer hinauszusehen.

Sie hätten sich allerdings gewünscht, dass jemand mit ihnen gesprochen hätte, doch die Besatzung schien die Anweisung erhalten zu haben, sich nicht mit ihnen zu unterhalten. Nur ein junger Zwerg, der in den Abendstunden vor ihrer Kajüte wachte (sie bemerkten rasch, dass sie rund um die Uhr im Auge behalten wurden), wechselte gelegentlich durch die Tür hindurch ein paar geflüsterte Worte mit ihnen.

Von ihm erfuhren sie, dass der Meerdrache aus Kaperstadt stammte, einem großen Hafen an der Küste Westfernlands, von dem aus Schiffe der Arkheimer Flotte häufig nach Westen segelten, um die Schiffe des Meerbundes zu attackieren und entweder zu versenken oder aufzubringen. Der Begriff „Arkheim“ verwirrte sie zunächst, bis sie verstanden, dass er einerseits für den Staat stand, welchen die aus der Tagmokratie geflohenen Urländer in Fernland gegründet hatten, und der den größten Teil der westlichen Hälfte dieses Kontinentes einnahm, andererseits aber auch für dessen größte Stadt.

Der Meerdrache befand sich nunmehr auf der Rückfahrt nach Kaperstadt, und deswegen wurden sie ebenfalls dorthin gebracht. Auf ihre Fragen nach der Anstalt sagte ihnen der Zwerg lediglich, dass sie sich nahe Arkheim (der Stadt) befand, und dass sie ein Ort sei, wo Grenzenlose lebten. Alles weitere würde ihnen jedoch ihr Fürsprecher erklären, sobald dieser sie als Schüler akzeptiert hätte.

In Arkheim wurde offenbar eine Variante der Gerechten Sprache gesprochen, welche die Arkheimer die Gemeinsame Sprache nannten. Sie war der Gerechten Sprache ähnlich genug, dass ihre Sprecher einander ohne größere Mühe verstanden, aber man hörte doch recht deutlich den Unterschied zwischen einem in Urland und einem in Fernland aufgewachsenen Sprecher.

Aurora und Tirvo brannten zahllose Fragen auf der Zunge, doch die Gespräche mit dem Zwerg waren kurz und hastig und erfuhren viele Unterbrechungen, wann immer ihr Gesprächspartner jemanden kommen zu hören glaubte. Außerdem stellte er ihnen mehr Fragen, als er beantwortete – über das Leben in ihrer Heimat, über die tagmokratische Gesellschaft und über politische Angelegenheiten. Meistens übernahm Aurora, die sich in solchen Dingen weit besser auskannte, dann das Antworten, während Tirvo ungeduldig ihren Ausführungen lauschte und auf die Gelegenheit wartete, eine Gegenfrage anzubringen. Nach ein paar Tagen jedoch endeten auch diese Unterhaltungen, als ein anderer Matrose ihre abendliche Bewachung übernahm.

Am Morgen ihres siebten Tages an Bord des Meerdrachen betrat dann die Kapitänin ihre Kajüte und informierte sie, dass sie in kurzer Zeit Kaperstadt erreichen würden. Ihnen wurde erlaubt, sich an Deck zu begeben und die Einfahrt in den Hafen zu beobachten.

Die Sonne schien an einem beinahe wolkenlosen Himmel, und das Wetter war sehr warm – deutlich wärmer als die meisten Sommertage in Schattenland. Tirvo, der sich in der Schule ein wenig mit Karten beschäftigt hatte, schätzte, dass sie sich in den Breiten des Südmeeres, vielleicht sogar Nordwildlands befinden mussten. Sie hatten gelernt, dass die Welt nach Süden hin bis zum Äquator immer wärmer wurde. Gelangte man darüber hinaus, geriet dieses Prinzip jedoch in Unordnung, und alle Regeln der Welt kehrten sich um: Nach Süden hin wurde es kälter, im Winter war es Sommer, und die Winde wehten in die falsche Richtung. So weit waren sie jedoch wohl nicht nach Süden gelangt, wie Tirvo mit einer gewissen Erleichterung schloss – auch, wenn sie offensichtlich grenzenlos waren, genügte es ihm vollauf, mit dem Ozean der Versuchung EINE ihm gesetzte natürliche Grenze überquert zu haben.

Bald kam die fernländische Küste in Sicht. Kaperstadt besaß tatsächlich ein sehr ausgedehntes Hafengebiet, in dem Hunderte kleinere und größere Schiffe vor Anker lagen oder darin einfuhren oder es verließen – kaum weniger groß als das von Heiligenhafen, schätzte Tirvo. Als sie sich den Molen näherten, erhielten sie einen ersten Eindruck der Stadt selbst: Sie erschien ihnen bunter als tagmokratische Städte, vielfältiger, aber auch ungeordneter. Wo in Heiligenhafen die Gebäude in gleichmäßigen, oft schnurgeraden Reihen verliefen, vermittelte Kaperstadt das Gefühl, dass seine Bürger ihre Häuser überall dorthin gebaut hatten, wo es ihnen gerade passte, ohne einem übergeordneten Plan zu folgen. Auch die Häuser selbst waren uneinheitlich, von weit unterschiedlicherer Größe und Form als die in tagmokratischen Städten und schienen teilweise sogar aus verschiedenen Baumaterialien gefertigt zu sein – selbst dann, wenn sie offensichtlich gleichartigen Zwecken dienten.

Der Meerdrache warf den Anker aus, und die Mannschaft begann damit, mehrere Boote zu Wasser zu lassen. Aurora und Tirvo wurde bedeutet, zusammen mit der Kapitänin und vier weiteren Seeleuten in eines davon einzusteigen. Zwei von diesen übernahmen das Rudern, während die beiden anderen ihre Armbrüste im Anschlag hielten. So gelangten sie schließlich zu einer Anlegestelle an der Kaimauer.

Dann machten sie sich, begleitet von der Kapitänin und den beiden bewaffneten Matrosen, auf den Weg durch die Stadt. Ihr erster Eindruck verstärkte sich, als sie die Bürger Kaperstadts aus der Nähe sahen: Auch deren Kleidung war bunter und vielfältiger, als sie dies aus der Tagmokratie kannten, und Angehörige der vier gerechten Völker bewegten sich bunt gemischt untereinander. Außerdem schienen weitaus mehr Frauen unterwegs zu sein, als es in einem tagmokratischen Hafen der Fall gewesen wäre (und kamen sie nicht gerade von einem Schiff mit einer Kapitänin, was in der Tagmokratie eine absolute Rarität gewesen wäre?), und eine große Zahl Bürger erschien unbeschäftigt. In der Tagmokratie sah man selten Bürger, die über das Schüleralter hinaus waren, auf offener Straße dem Müßiggang frönen – das war gegen die Regeln des Kodex.

Am merkwürdigsten fanden sie aber die große Anzahl Hunde verschiedenster Rassen, die einzeln oder in Rudeln durch die Straßen streiften oder am Wegrand dösten, und von denen nur die wenigsten in Begleitung eines Bürgers zu sein schienen. Einige von ihnen blieben kurz stehen, als sie vorbeigingen und schienen sie interessiert zu beobachten, nicht anders als einige Bürger. Es gab jedoch keinen größeren Auflauf, und niemand sprach sie an, auch wenn sie sich gewiss nicht einbildeten, dass sie im leisen Raunen der Passanten manchmal die Begriffe „grenzenlos“ und „vogelfrei“ vernehmen konnten.

Es dauerte eine Weile, bis ihnen etwas Sonderbares auffiel: Obwohl Kaperstadt insgesamt einen eher unordentlichen und ungepflegten Eindruck machte und sowohl die Gebäude, als auch die Straßen ein wenig schmutziger schienen, als dies in einer tagmokratischen Stadt der Fall gewesen wäre, bemerkten sie zwar Pferdeäpfel und die Ausscheidungen von Ochsen und Maultieren auf der Straße, aber keine Haufen mit Hundekot. Offenbar waren die fernländischen Hunde weitaus besser erzogen als ihre urländischen Verwandten!

Nach ungefähr einer Stunde Fußweg verließen sie das Stadtgebiet bereits wieder. Kaperstadt bestand augenscheinlich zum größten Teil aus seinem Hafen, während das restliche Stadtgebiet mit einer tagmokratischen Metropole wie Heiligenhafen flächenmäßig nicht mithalten konnte. Sie folgten noch einige Minuten einem ungepflasterten Weg, von dem auf beiden Seiten in unregelmäßigen Abständen Pfade zu kleineren Häusern abgingen, bis sie schließlich in einen dieser Pfade einbogen und vor einem flachen Sandsteinhaus mit großzügig umzäuntem Garten anhielten. Viele der Bäume und sonstigen Pflanzen, die in dieser Gegend wuchsen, waren ihnen unvertraut oder bestenfalls aus Schulbuchzeichnungen bekannt: Palmen, Zypressen, Kakteen und große Farne, sowie zahlreiche fremdartige bunte Blumen. Auf den Rasenflächen dieses Gartens lagen mehr als ein Dutzend Hunde und sonnten sich.

„Ihr wartet hier“, kommandierte die Kapitänin. „Wenn alles glattgeht, bin ich in ein paar Minuten wieder zurück.

Sie öffnete das Tor und ging, begleitet von einigen Hunden, die sie mit Gebell begrüßten, zur Eingangstür, die ihr rasch geöffnet wurde. Tatsächlich blieb sie nur kurze Zeit im Haus, dann kehrte sie in Begleitung einer blonden Frau in Lederkleidung zurück. Aurora konnte erkennen, dass sie unter ihrer Kapitänstracht jetzt einen prall gefüllten Lederbeutel am Gürtel trug.

„Das ist Petra Eichler. Sie ist eine gute Bekannte eures zukünftigen Fürsprechers und wird euch aufnehmen, bis dieser euch abholt. Seid brav, tut was sie euch sagt – und macht keinen Blödsinn!“

Mit diesen Worten verabschiedete die Kapitänin sich, und sie und die beiden Matrosen ließen sie mit Petra Eichler – und dem Dutzend Hunde, das um sie herumstand und sie beschnüffelte – alleine.

Petra lächelte sie freundlich an und gab ihnen beiden die Hand. „Aurora? Tirvo? Kopf hoch! Was immer ihr in der Tagmokratie erlebt habt – es liegt nun hinter euch. Kommt herein! Heute beginnt euer neues Leben in Arkheim!“

Unsicher betraten Aurora und Tirvo das Haus.

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Veröffentlicht on Dezember 30, 2010 at 3:36 pm  Schreibe einen Kommentar  

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