Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 1

Vorspiel – Die Tagmokratie

„LEBE ALLZEIT GERECHT UND WIDERSTEHE DER VERSUCHUNG DES GRENZENLOSEN!“

der erste und letzte Satz des Tagmokratischen Kodex

zu einem ersten Überblick über die Welt

*** Luft ***

Ich bin ein Blatt im Wind.

Aurora Yirell sprang nach vorne, täuschte einen Stich an, glitt dann jedoch mitten im Sprung beiseite und landete aus der Drehung heraus einen Treffer bei ihrem imaginären Gegner. Noch bevor sie wieder auf ihren Füßen war, wich sie bereits wieder zurück, in einer geschmeidigen, gleitenden Bewegung. Sie war leicht wie Luft, unberechenbar wie eine Bö im Herbst. Erneut sprang sie, erneut wechselte sie im Flug die Richtung, attackierte dann aus einem unmöglich erscheinenden Winkel.

Vielleicht bin ich auch eine Libelle?

Ein drittes Mal sprang sie, senkrecht diesmal, weit höher als zuvor, blieb einen endlos erscheinenden Moment in der Luft stehen, drehte sich um sich selbst und stach dann blitzschnell mit ihrem Schwert zu, bevor sie, getragen von ihrem eigenen Schwung, mehrere Schritte entfernt beinahe gewichtslos auf ihre Füße fiel.

Die junge Elbin trainierte weiter. Jeden zweiten Tag erhielt sie Unterricht von ihrem Kampfkunstlehrer, aber das genügte ihr nicht – und ihr Lehrer verstand auch nicht, dass es ihr weniger auf das Erlernen der Kampftechnik ankam, auf den Wechsel zwischen Attacke und Parade, Finte und Gegenfinte, sondern auf die Lust an der Bewegung; auf die Schwerelosigkeit, welche ihren Körper zu ergreifen schien, wenn sie ihre Kampfübungen absolvierte.

Mit ihren 33 Lebensjahren war sie gerade erst in das Alter gekommen, in dem ihr Körper weibliche Formen bekam. Nach der offiziellen tagmokratischen Altersumrechnungstabelle entsprachen 33 Elbenjahre 14 Menschenjahren – ein Schüleralter. Sie würde noch über sieben Jahre Schülerin blieben, bis sie das 41. Lebensjahr erreichte. Dann würde sie erwachsen sein, und für eine Yirell bedeutete dies, dass sie in die Politik gehen würde. Ihr Vater, Jomal Yirell, war Mitglied im tagmokratischen Konzil, jenem Gremium, welches dem Tagmokraten die alltägliche politische Arbeit abnahm und bei dessen Ableben seinen Nachfolger bestimmte. Die Yirells waren somit eine der reichsten Familien Urlands. Damit gingen gewisse Privilegien einher: Unter anderem hatte ihr Vater eine Schwerterlaubnis für sie erwirken können, sowie das Recht ein eigenes Pferd zu besitzen. Feuerschweif, der junge, etwas ungestüme Hengst, den Ihr Vater für sie ausgesucht hatte, weil sein Fell beinahe die gleiche leuchtend rote Farbe hatte wie Auroras Haar, stand ein wenig abseits und graste. Sie waren nur wenige hundert Meter vom Haupthaus des Yirellschen Anwesens entfernt, und Aurora hätte den Weg hierher in kurzer Zeit auch zu Fuß zurücklegen können, aber sie verpasste keine Gelegenheit, ihr Pferd zu reiten, auch wenn es nur für wenige Minuten war.

Feuerschweif wieherte, und Aurora drehte sich schuldbewusst zu ihm um – um ihn stundenlang angepflockt stehen zu lassen, hätte sie ihn nicht aus seiner Koppel holen müssen. Doch sein Wiehern hatte nicht ihr gegolten: Neben ihm stand der mächtige Rappen ihres Vaters, und aus dem Schatten eines Baumes heraus beobachtete ihr Vater sie mit unbewegten Gesicht. Wie lange war er wohl schon hier gewesen? Sie bekam ihn nicht allzu häufig zu Gesicht, da seine Pflichten im Konzil ihm nur selten Zeit für seine Familie ließen. Scheinbar untätig, so wie jetzt, hatte sie ihn noch nie gesehen.

Lächelnd lief sie auf ihn zu. „Vater – welch eine Freude! Ich hatte Euch erst Anfang nächster Woche zurückerwartet!“ Sie wollte ihn umarmen, doch etwas in seinem Blick, vielleicht auch die besondere Steifheit seiner Haltung, hielt sie zurück. „Ist etwas geschehen, Vater?“

Er sah ihr ohne zu lächeln in die Augen, prüfend, so als suchte er etwas. Dann sprach er sie an: „Dein Lehrer informierte mich, dass du… erstaunliche Fortschritte machst.“

Aurora spürte, wie ihr Röte ins Gesicht schoss. Ein Lob ihres Vaters war eine Seltenheit – noch kostbarer als die gelegentlichen Zärtlichkeitsbekundungen, die ihr nur zu besonderen Anlässen zuteil wurden. „Ich gebe mir Mühe, Vater!“, antwortete sie stolz. Aber warum war sein Blick so streng? Hatte sie etwas falsch gemacht?

Ihr Vater drehte sich um und ging zu seinem Pferd. „Folge mir, Aurora, und stelle keine Fragen.“ Verwirrt gehorchte sie. Sie stiegen auf, und er lenkte seinen Rappen in Richtung des Hügellandes, welches den Besitz der Yirells im Osten begrenzte.

Das Gut der Yirells umfasste ein Gebiet von über 100 Quadratmeilen. Außer dem eigentlichen Anwesen befand sich ein Dutzend kleiner Dörfer darauf, in denen Bauern und Handwerker als Pächter lebten und den Reichtum ihrer Familie erwirtschafteten. Vor zwei Jahrhunderten war dies alles noch Besitz der Yamilles gewesen, doch als diese – natürlich ohne die Erlaubnis des Tagmokraten – Urland verließen, war es, ebenso wie der Sitz im Konzil, den Yirells zugefallen. Unter den mächtigen Elbenfamilien der Tagmokratie galten sie deswegen als Emporkömmlinge. Und trotzdem hatten sie, woran ihr Vater sie immer wieder erinnerte, Feinde – Neider, welche ihnen ihre Stellung und ihren Wohlstand missgönnten. Auch deswegen hatte Jomal Yirell zugestimmt, als seine Tochter ihm den Wunsch vorgetragen hatte, die Kampfkunst zu erlernen. Sollte Aurora etwas zustoßen, ginge die Linie der Yirells mit ihm zu Ende – sie war sein einziges Kind, und seine Frau, Ariana, würde kein weiteres Kind austragen können. Aurora wusste gar nicht genau, welcher Art die Krankheit eigentlich war, welche ihre Mutter ans Bett fesselte und es ihr unmöglich machte, außer für ein paar Stunden an den bedeutendsten Festtagen ihre Gemächer zu verlassen.

Während sie schweigend im Trab dahin ritten, dachte Aurora an ihre Mutter, die sie zuletzt vor mehreren Monaten gesehen hatte. So schwach hatte sie ausgesehen, so traurig und voller Leid – ihr blasses, eingefallenes Gesicht, welches trotz sorgfältiger Schminke die häufigen Tränen, welche es hinab flossen, nicht verleugnen konnte, verhöhnte das Feuer ihrer Haare, welches sie Aurora vererbt hatte. Wären diese Haare und die smaragdgrünen Augen, die sie sich ebenfalls teilten, nicht gewesen, wäre es Aurora schwer gefallen zu glauben, dass diese ausgezehrte, freudlose Gestalt ihre Mutter war.

Ihre Erziehung hatten ihre Eltern in die Hände einer menschlichen Zofe gelegt, Jessika. Bei Auroras Geburt war sie noch eine recht junge Frau gewesen. Als Aurora vier Jahre alt war, wurde ihre bisherige Erzieherin entlassen, und Jessika war an ihre Stelle getreten. Mit ihr hatte sie gespielt und gelacht, und bei ihr hatte sie geweint, wenn sie Kummer hatte. Heute war Jessika eine Frau in ihren Fünfzigern, was über 300 Elbenjahren entsprach. Wie kurzlebig die Menschen doch waren! Aurora hatte beobachten können, wie Jessikas Gang gebeugter, ihre Haut faltiger und ihr Haar grauer geworden war, während sie selbst ihre Kindheit durchlebte. Der Gedanke, dass Jessika längst tot sein würde, wenn Aurora ihr erstes Lebensjahrhundert erreichte – was dem Alter entsprach, in dem die meisten Menschen begannen, Familien zu gründen – erschien ihr unwirklich und unerträglich. Vielleicht hatte ihr Vater dies gemeint, als er sie gewarnt hatte, sich mit den kürzerlebigen Völkern, und insbesondere den Menschen, zu sehr gemein zu machen. Aurora spürte, dass ihm ihr enges Verhältnis zu Jessika nicht recht war. Aber wer sonst hätte ihre Freundin, hätte ihre Vertraute sein sollen, wenn doch sonst niemand Zeit für sie hatte?

Sie folgten nun einem sich windenden Pfad, welcher zu einem kleinen Plateau führte, das sich gute fünfzig Meter über dem besiedelten Gebiet des Guts befand. Dort hielt ihr Vater an und bedeutete ihr abzusteigen. Er führte die Pferde ein Stück beiseite und band sie an einen Baum. Die fragenden Blicke seiner Tochter ignorierte er.

„Gib mir dein Halstuch, Aurora.“

Sie gehorchte, und er faltete es zu einem breiten Streifen, mit dem er ihr die Augen verband. Dann drehte er sie um sich selbst, immer wieder, minutenlang, bis ihr schwindlig war, so wie es Jessika früher manchmal mit ihr gemacht hatte, als sie noch ein kleines Elbenkind gewesen war.

Schließlich nahm ihr Vater sie an die Hand. „Folge mir.“

Wieder gehorchte sie. Was hatte dies nur zu bedeuten? Wohin gingen sie? Welches Geheimnis würde ihr Vater ihr offenbaren?

Dann blieb er stehen. „Geh‘ weiter, Aurora.“ Seine Stimme klang seltsam, durchdrungen von einem Gefühl, das sie an ihm zuvor nie bemerkt hatte. War es etwa …Angst? Stand ihr eine Prüfung bevor, und er sorgte sich, dass sie sie nicht bestehen würde? Langsam, aber entschlossen schritt sie weiter voran. Sie würde ihren Vater nicht enttäuschen. Was immer ihr bevorstand, sie würde damit fertig werden.

Aurora spürte, wie der Wind an ihren Kleidern zerrte. War sie noch auf dem richtigen Weg? Durch die Drehungen hatte sie jegliche Orientierung verloren. Jetzt blieb sie doch stehen. „Vater?“, fragte sie zögernd. Angestrengt lauschte sie, doch sie erhielt keine Antwort. Jedoch – war dies nicht das Geräusch von Pferdehufen? Plötzlich überfiel sie eine schreckliche Ahnung – so absurd, so unvorstellbar, dass sie sie nicht in klare Gedanken fassen konnte, und doch so mächtig, dass sie ihren Geist komplett anfüllte. „Vater?“ fragte sie noch einmal, lauter diesmal, und mit einem Anflug von Panik. Doch sie hörte nur die Stimme des Windes, der sie umspielte.

Aurora nahm ihre Augenbinde ab. Sie befand sich frei schwebend in der Luft, ein Dutzend Meter vom Rand des Felsplateaus entfernt. Weit unter ihren Füßen, klein wie Holzspielzeug, sah sie ihren Vater im wilden Galopp zum Yirellschen Anwesen zurückreiten.

Aurora schrie. Den Bruchteil einer Sekunde später begann sie zu stürzen.

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Veröffentlicht on Dezember 8, 2010 at 12:09 am  Schreibe einen Kommentar  

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