Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 12

*** Der Pfotenkrieg ***

„Die Hunde und Katzen Fernlands – wir nennen sie auch die Pfotenvölker, oder kürzer einfach Pfoten – sind im Gegensatz zu denen auf Urland von bürgerlicher Intelligenz. Warum das so ist, weiß niemand – vielleicht ist es auf die Gabe eines Grenzenlosen, der nach Fernland geflüchtet ist, zurückzuführen, oder es hängt irgendwie mit dem Land selbst zusammen. Manche sagen auch, dass Intelligenz bei den Pfotenvölkern normal ist, und dass diese in der Tagmokratie mit irgendeinem Trick zu einfachen Tieren gemacht wurden, weil es der tagmokratischen Vorstellung einer geordneten Welt widerspricht, dass vierbeinige Wesen mit Intelligenz begabt sind. Wenn dies wahr sein sollte, ist es vielleicht das schlimmste der zahlreichen Verbrechen, welche die Tagmokratie fortgesetzt im Namen ihres unsinnigen, unabänderlichen Kodex begeht.“

Tirvo sog hörbar die Luft ein, als er derlei ketzerisches Gedankengut so selbstverständlich vorgetragen hörte, während Aurora sich besser unter Kontrolle hatte. Aber waren sie denn jetzt nicht auch Ketzer? Sollten sie vielleicht damit beginnen, ebenso zu denken?

„Pfoten leben mit den Arkheimer Bürgern gleichberechtigt zusammen“, fuhr Petra fort, „und viele Bürger sind Hunde- oder Katzenfreunde. Außerhalb bürgerlicher Siedlungen leben Pfoten in wilden Rudeln, aber ein großer Teil der fernländischen Pfoten sind Stadthunde und Stadtkatzen. Sie übernehmen häufig wichtige Aufgaben für Bürger – Hunde zum Beispiel insbesondere Wach- und Spürdienste, während Katzen… naja, Mäuse und Ratten jagen und so, und herumspionieren, denke ich. Dafür erhalten sie von den Bürgern Essen und Pflege. Manche Stadtpfoten leben direkt in bürgerlichen Familien, während andere durch die Städte und Straßen Arkheims streunen.

Pfoten verstehen die Gemeinsame Sprache, können sie aber nicht sprechen. Stattdessen sprechen sie ihre eigenen Sprachen, Hunde- und Katzensprache, welche nur die allerwenigsten Bürger jemals erlernen. Mit ein bisschen gutem Willen und etwas Übung kann sich aber jeder zumindest grundlegend mit ihnen verständigen. Viele Pfoten haben sich auch einige typische bürgerliche Gesten angewöhnt, so wie zum Beispiel Kopfschütteln oder Schulterzucken.“

Oder das Gesicht in der Hand verbergen, wenn jemand etwas sehr Dummes gesagt hat, dachte Aurora, als die peinliche Erinnerung daran, wie sie sich vorhin im Wohnzimmer blamiert hatte, zu ihr zurückkehrte.

„Pfoten zu bestehlen, zu misshandeln oder gar zu töten wird im Buch des Wandels ebenso unter Strafe gestellt, wie die entsprechenden Handlungen gegenüber einem Bürger. Darüber hinaus gesteht das BdW den Pfoten in solchen Fällen auch ausdrücklich ein Racherecht zu. Benehmt euch Pfoten gegenüber deswegen besser anständig – Pfotenquäler werden üblicherweise irgendwann mit zerbissener oder zerschnittener Kehle aufgefunden.“

Tirvo warf einen Blick auf das knappe Dutzend Hunde, welches um sie herum saß und lauschte, und dann durch das Fenster hinaus in den Garten, wo sich noch einmal zehn Mal so viele Hunde befanden. Nein, es war wohl keine gute Idee, sich Pfoten zu Feinden zu machen.

„Es heißt, zuerst bestand Freundschaft zwischen den Pfotenvölkern, auch wenn wir uns das heute kaum vorstellen können. Doch ungefähr ein Jahrhundert nach der Gründung Arkheims verrieten die Katzen diese Freundschaft in einer unendlich niederträchtigen, absolut unverzeihlichen Weise.“

Petra goss sich einen weiteren Becher Wein ein.

„Was haben die Katzen getan?“, fragte Aurora leise.

Petra nahm einen tiefen Zug aus dem Becher, bevor sie zur Antwort ansetzte. „Das weiß heute niemand mehr, und wenn die Pfoten es noch wissen sollten, teilen sie es uns Bürgern nicht mit. Der Ehrlichkeit halber will ich erwähnen, dass die Katzen diese Geschichte genau andersherum erzählen, aber ihr werdet gewiss bald selbst lernen, dass ihr diesen hinterhältigen, verlogenen kleinen Biestern nicht so weit trauen dürft, wie sie mit einem um den Hals gebundenen Mühlstein schwimmen können.“

Die umsitzenden Hunde kläfften laut und zustimmend.

„Für die Bürger Arkheims jedenfalls begann der Pfotenkrieg ohne jede Vorwarnung. Von einem Tag auf den anderen gingen Hunde und Katzen in ganz Arkheim einander in jedem Haus und auf jeder Straße auf Sicht an die Kehlen. Gnade wurde weder erbeten noch gewährt. Landesweit spielten sich die schrecklichsten Massaker ab, die es jemals zuvor auf arkheimischem Boden gegeben hatte oder später geben würde. Allein in der Stadt Arkheim ging die Zahl der Kadaver bereits nach wenigen Tagen in die Zehntausende, und das Jaulen und Winseln sterbender Pfoten erfüllte Tag und Nacht die Luft. Bürger, die einzugreifen versuchten, riskierten schwerste Verletzungen oder den Tod. Hunderudel schnüffelten systematisch die Häuser nach Katzen ab, um diese zu zerreißen. Katzen schlichen nachts über Dächer auf der Suche nach schlafenden Hunden, denen sie mit ihren Krallen die Kehle durchschnitten.“

In der Küche war es still geworden. Einige der anwesenden Hunde jaulten leise. Petra nahm einen weiteren Schluck Wein und fuhr fort:

„Während der Arkheimer Magistrat noch voller Fassungslosigkeit und Entsetzen zusammentrat, um sich zu beraten, eskalierte der Konflikt weiter: Wolfsrudel aus den nördlichen Wäldern fielen in die Städte Arkheims ein, um auf Seite der Hunde in den Kampf einzugreifen. Den Katzen wiederum kamen Berglöwen aus dem Süden zu Hilfe. Diese wilden Tiere rissen jedoch auch Bürger. Das öffentliche Leben kam komplett zum Erliegen. Die meisten Bürger verbarrikadierten sich. Einige aber griffen nun aktiv in den Pfotenkrieg ein, und zuvor befreundete Arkheimer Bürger fanden sich als erbitterte Gegner wieder. Der Riss zwischen Hunde- und Katzenfreunden ging häufig durch Familien hindurch. Geschwister und Eheleute bekämpften einander.

Das Arkheimer Heer bemühte sich, die Ordnung wieder herzustellen. Greifenreiter zerstreuten durch Beschuss aus der Luft Scharmützel. Bodentruppen besetzten umkämpfte Ansiedlungen in dem Versuch, sie zu befrieden. Doch der Hass zwischen den Pfotenvölkern war zu groß, und ein Waffenstillstand ließ sich nicht erreichen. Ein Dreifrontenkrieg drohte auszubrechen. Nie zuvor und nie wieder danach befand sich das Land Arkheim so nah am Abgrund wie in jenem Chaos, welches als die Schlacht der Schreie in die Geschichte einging.“

Die Hunde hatten sich aneinander gekuschelt und leckten einander die Gesichter. Auch Aurora und Tirvo waren unwillkürlich ein wenig näher zusammen gerückt.

„Niemand weiß, was geschehen wäre, wenn nicht die Orks in dieser Situation in Arkheim eingefallen wären. Tatsächlich jedoch versuchten sie, die Gelegenheit zu nutzen, um die Gebiete zurückzuerobern, aus denen wir sie vertrieben hatten und fielen in großer Zahl über Arkheimer Ansiedlungen her.

Das jedoch brachte die Bürger und Pfoten Arkheims schließlich zur Besinnung, denn die Orks sind natürlich unser gemeinsamer schlimmster Feind. Unter der Vermittlung des damaligen Meisters der Anstalt, Beroal Nalandur, dessen Gabe Worte waren, wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt und eine Gegenoffensive organisiert, in deren Verlauf wir die Orks systematisch zurückdrängten, und die schließlich mit unserem triumphalen Sieg am Blutfluss endete.“

Die beiden Schüler nahmen mit Erleichterung zur Erkenntnis, dass nicht alle ordentlichen Prinzipien in Arkheim auf den Kopf gestellt waren – NIEMAND machte mit den Orks gemeinsame Sache, nicht einmal die fernländischen Ketzer!

Mit sichtbarem Bedauern schüttelte Petra den letzten Tropfen Wein aus der Flasche.

„Es heißt, dass in ganz Fernland nach der Schlacht der Schreie nur noch wenige Tausend Pfoten am Leben waren, obwohl ihre Zahl vorher auf das Hundertfache geschätzt worden war. Selbst jetzt weigerten sich beide Völker immer noch, den Pfotenkrieg zu beenden, akzeptierten jedoch einen dauerhaften Waffenstillstand. Dessen Bedingungen, die noch heute gelten, sind folgende: Bürger können Hunde- oder Katzenfreunde sein (aber natürlich nicht beides) oder neutral bleiben. Ein Pfotenfreund kann seine Behausung zur Freistatt für das entsprechende Volk erklären, als Hunde- bzw. Katzenland. Dort dürfen seine Angehörige nicht angegriffen werden, und Angehörige des anderen Volkes dürfen es nicht betreten. Auch größere Gebiete können vom Magistrat zu solchen Freistätten erklärt werden.

Neutrale Gebiete innerhalb von besiedelten Bezirken – insbesondere auch Straßen – gelten zwischen Sonnenauf- und untergang als Hundeland, in der Nacht als Katzenland. Pfoten, die zur falschen Zeit dort unterwegs sind, dürfen gerissen werden, ohne dass ihrem Volk ein Racherecht zusteht. Gebiete außerhalb von Siedlungsbezirken sind weiterhin Kriegsgebiet.

Pfoten in der Begleitung von Bürgern, oder zu Besuch bei diesen, dürfen allerdings nicht angegriffen werden – der Bürger stellt in diesem Fall eine mobile beziehungsweise temporäre Freistatt dar. Dieses Recht darf jedoch nicht missbraucht werden – zum Beispiel, indem sich Pfoten kurzfristig unter den Schutz zufällig anwesender Bürger stellen – und es ist eine Provokation, es ohne besonderen Grund in Anspruch zu nehmen. Ein Bürger, der leichtfertig und ohne guten Grund eine solche Freistatt bietet, riskiert als Kriegsteilnehmer betrachtet und entsprechend behandelt zu werden.“

„Es ist nämlich allen Bürgern, egal ob Pfotenfreunde oder neutral, verboten aktiv in den Pfotenkrieg einzugreifen. Verletzte Pfoten zu pflegen ist allerdings gestattet“, fügte Petra mit einem Seitenblick auf Aurora hinzu.

„Bürger, welche gegen dieses Neutralitätsgebot verstoßen, werden offiziell als Pfotenquäler eingestuft – das bedeutet, dem jeweils benachteiligten Volk steht ein Racherecht zu. Freistätten eines Volkes müssen dessen Angehörigen nachts (im Fall von Hunden) bzw. tagsüber (bei Katzen) jederzeit offenstehen. Einer Pfote hier den Zugang zu verweigern, gilt als aktives Eingreifen in den Krieg auf Seiten des anderen Volkes. Der Pfotenfreund ist dabei jedoch nicht verpflichtet, fremde Pfoten mit Nahrung oder anderweitig zu versorgen – er muss lediglich einen Rückzugsort bereitstellen. Eine Pfotenfreistatt kann aufgelöst werden. Dies muss jedoch mindestens einen Monat zuvor bekannt gegeben werden.

Falls sich Orks in der Nähe befinden, oder falls der Magistrat einen Notstand ausgerúfen hat, sind sämtliche Aktivitäten im Pfotenkrieg sofort einzustellen, bis die Orks getötet oder vertrieben worden sind bzw. der Notstand wieder aufgehoben wurde, und sie dürfen erst nach Ablauf eines vollständigen Tages wieder aufgenommen werden.

Diese Regelungen ermöglichen es Pfoten und Bürgern, zumindest in den Siedlungsbezirken wieder größtenteils friedlich zusammenzuleben, auch wenn zwischen Hunden und Katzen weiterhin eine unversöhnliche Feindschaft besteht und wohl für alle Zeit bestehen wird.“

Petra stand auf. „So, genug erzählt für heute! Eigentlich ist ja euer Fürsprecher dafür verantwortlich, euch über die Arkheimer Gesellschaft aufzuklären. Also ab ins Bett mit euch, damit ihr morgen früh einen guten und ausgeschlafenen Eindruck macht!“

Sie brachte ihnen Kissen, mit deren Hilfe sie es sich auf den Liegen im Wohnzimmer, inmitten von bestimmt zwanzig Hunden, bequem machen konnten. Als Aurora sich gerade hingelegt hatte, sprang Rudi zu ihr auf die Liege und kuschelte sich an sie. Sie legte den Arm um ihn und schlief ein.

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Veröffentlicht on Januar 12, 2011 at 4:50 pm  Schreibe einen Kommentar  

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