Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 13

*** Hartmut Widermann ***

Mit dem Sonnenaufgang erwachten sie. Obwohl sie keineswegs besonders viel Lärm verursachten, übertrug sich doch die Unruhe von Dutzenden aufbrechenden Pfoten auf die beiden Schüler und weckte sie. Aurora und Tirvo standen auf und streckten sich. Petras Wohnzimmer und Garten leerten sich zusehends, als sich die Hunde einzeln oder in kleinen Gruppen zur Straße begaben. Rudi allerdings blinzelte nur kurz in Auroras Richtung, gähnte dann herzhaft und drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen, und auch einige andere Pfoten schienen zunächst noch eine Weile bleiben zu wollen.

Petra war bereits in der Küche damit beschäftigt, Frühstück zuzubereiten. Einigen in der Küche anwesenden Hunden schnitt sie dabei ein paar Scheiben vom Schinken ab und servierte ihnen diesen auf kleinen Tellern. Für Aurora und Tirvo gab es Spiegeleier mit Schinken, ein wenig Salat und ein paar Käsebrote. Als sie Petra dann beim Abwasch halfen, kündigte Gebell aus dem Garten einen Besucher an – einen Türklopfer benötigte ihre Gastgeberin gewiss nicht!

„Das wird Hartmut sein“, mutmaßte Petra, als sie zur Tür ging. Die Schüler folgten ihr. Sie öffnete, und noch bevor sie die Gestalt des davor stehenden Mannes erkennen konnten, schlug ihnen ein strenger, beißender Geruch entgegen – nicht unähnlich dem des kleinen Kabuffs auf dem Schiff, wo sie tagelang eingesperrt gewesen waren, nur nicht so faulig und feucht.

„Hallo, Hartmut! Deine neuen Schüler sind bereit.“

Der Mann, der ihr Fürsprecher werden sollte, wandte sich von einigen Hunden, die er gerade begrüßt hatte, ihr zu.

„Guten morgen, Petra. Gisela hat den üblichen Preis erhalten?“

Er war klein, fett und glatzköpfig, wohl um die vierzig Jahre und trug eine dreckstarrende, fleckige Kutte, die möglicherweise vor einigen Jahren einmal weiß gewesen war. Sein Gestank erfüllte von einer Sekunde auf die andere den Raum, obwohl er das Haus nicht betrat, und als er sprach, waren seine gelblichbraunen Zähne zu erkennen.

„Den üblichen“, bestätigte Petra.

Hartmut zog einen kleinen, offensichtlich mit Münzen gefüllten Lederbeutel hervor und überreichte ihn ihr. „Vielen Dank im Namen der Anstalt!“

Petra wandte sich Aurora und Tirvo zu. „Ihr geht am besten gleich mit Hartmut mit. Habt keine Angst – tut einfach alles, was er sagt und stellt keinen Unfug an, dann habt ihr nichts zu befürchten!“

Sie traten nacheinander vor und gaben dem Mann die Hand, wobei sie kurz die Luft anhielten.

„Aurora Yirell.“

„Tirvo Banrus.“

„Schön, euch kennen zu lernen!“ Der Mann lächelte ihnen zu, während er sie prüfend ansah. „Ich bin Hartmut Widermann, euer neuer provisorischer Fürsprecher. Ihr seid im Besitz provisorischer Grenzenloser Zeichen, habe ich gehört?“

Sie bejahten dies und zeigten sie vor.

„Gut. Behaltet sie, bis ihr ein ordentliches Fürsprechverhältnis eingegangen seid. Was das alles bedeutet, erkläre ich euch unterwegs.“

Hartmut nickte Petra kurz zu und drehte sich dann um. Auf dem Weg zum Gartentor blieb er jedoch mehrmals stehen, um mit verschiedenen Hunden zu sprechen, deren Namen er alle zu kennen schien. So dauerte es eine Weile, bis sie Petras Grundstück schließlich endgültig verließen.

Ihr Weg führte sie weiter von der eigentlichen Stadt fort. Nach einigen hundert Metern auf der Straße bogen sie in einen kleinen Fußpfad nach Süden ein, der zwischen baumbewachsenen Felsen hügelan verlief. Hartmut begann zu sprechen.

„Im Unterschied zur Tagmokratie wird in Arkheim Grenzenlosigkeit nicht als Sünde und Verbrechen angesehen, sondern als ein besonderer Geisteszustand mancher Bürger, der für sich genommen nicht gut oder schlecht ist, jedoch besondere Gefahren, sowie besondere Möglichkeiten mit sich bringt. Grenzenlose sind ein wichtiger Bestandteil der Arkheimer Gesellschaft, besitzen aber besondere Pflichten. Insbesondere bedarf jeder Grenzenlose eines Fürsprechers, welcher für ihn verantwortlich, ihm gegenüber aber auch weisungsbefugt ist. Bis ihr der Anstalt zugeführt werdet, wo ihr lernen werdet, eure Fähigkeiten und insbesondere eure spezielle Gabe zu entfalten, werde ich euer provisorischer Fürsprecher sein. Der Unterschied zwischen einem provisorischen und einem ordentlichen Fürsprechverhältnis ist, dass ein provisorisches Verhältnis von vornherein zeitlich befristet geschlossen wird und vom Fürsprecher jederzeit ohne Rücksprache mit dem Meister der Anstalt wieder aufgekündigt werden kann.“

Tirvo setzte zu einer Frage an, doch Hartmut schien zu ahnen, was er sagen wollte und fuhr fort:

„Grenzenlose, die keinen Fürsprecher besitzen – entweder aus eigener Entscheidung, oder weil ihnen das Fürsprechverhältnis gekündigt wurde und sie kein neues eingehen konnten oder wollten – sind vogelfrei. Das bedeutet, dass sie keinerlei bürgerliche Rechte besitzen, und dass jeder Bürger und jede Pfote sie, falls er sich von ihnen bedroht fühlt – was natürlich ein sehr subjektives Gefühl ist – wie wilde Tiere zu töten befugt ist. Gerade in kleineren Siedlungen werden Vogelfreie häufig von Bürgern gelyncht. Andererseits setzt die Anstalt aber auch eine großzügige Belohnung für Bürger aus, welche dabei mithelfen, vogelfreie Grenzenlose in ein Fürsprechverhältnis zu überführen, doch da dies nicht gegen den Widerstand der Grenzenlosen möglich ist, betrifft es normalerweise nur solche Bürger, deren Grenzenlosigkeit gerade erst entdeckt wurde, oder die – so wie ihr – Flüchtlinge aus anderen Ländern sind.“

Aurora kam ein Gedanke, doch bevor sie ihn aussprechen konnte, hatte Hartmut sich ihr bereits zugewandt:

„Ja, Aurora, Fürsprecher sind ebenfalls Grenzenlose – tatsächlich ist das eine notwendige Bedingung dafür – und benötigen daher ebenfalls einen Fürsprecher. Das ist so geregelt: Alle nicht vogelfreien Grenzenlosen gehören offiziell der Anstalt von Arkheim an, auch wenn sie sich nicht dort aufhalten. Ich zum Beispiel bin ein so genannter reisender Fürsprecher, dessen Aufgabe es ist, Grenzenlose ausfindig zu machen und zur Anstalt zu bringen. Die meisten Grenzenlosen besitzen den Status von Schülern der Anstalt, was keineswegs bedeuten muss, dass sie sich auch tatsächlich noch im Schüleralter befinden – tatsächlich bleiben einige Grenzenlose ihr Leben lang Schüler. Einige jedoch werden vom Meister der Anstalt in den Rang von Fürsprechern berufen. Diese besitzen das Recht, Fürsprechverhältnisse mit Schülern einzugehen, aber ihr Rang ist nicht an das tatsächliche Bestehen solcher Verhältnisse gekoppelt. Fürsprecher wiederum befinden sich in einem Fürsprechverhältnis mit dem Meister der Anstalt. Dieser schließlich ist in seinem Handeln unmittelbar dem Magistrat von Arkheim verantwortlich, auch wenn er – oder, genauer, zur Zeit SIE – diesem selbst angehört.“

Wieder wollte Tirvo etwas einwerfen, und wieder kam ihm Hartmut mit der Antwort auf seine unausgesprochene Frage zuvor:

„Selbstverständlich können Grenzenlose sich jederzeit weigern, ein Fürsprechverhältnis einzugehen, oder ein bestehendes beenden. Nur wenige entscheiden sich jedoch freiwillig dafür, vogelfrei zu sein, und ihr beide gehört nicht dazu.“

Da hat er wohl Recht, dachte sich Aurora, aber wie kann er sich da so sicher sein?

Hartmut blieb stehen und sah sie beide durchdringend an. „Denkt nicht, dass ihr irgendwelche Heimlichkeiten vor mir haben könnt! Was immer ihr planen mögt – ich werde es wissen. Verlasst euch darauf.“

Dann setzte er seinen Weg fort. Sie folgten ihm schweigend. Bald darauf nahm die Anzahl und Größe der umstehenden Felsen ab, und sie erreichten eine Art Plateau im sie umgebenden Hügelland. Vor ihnen erstreckten sich Wiesen bis zu einem einige Kilometer entfernt liegenden See, umrahmt von bewaldeten Abhängen zu ihrer Linken und steil ansteigenden Felsen zu ihrer Rechten. Sie überquerten die Wiesen und steuerten auf einen einzeln stehenden, zehn bis fünfzehn Meter hohen Turm zu.

Plötzlich bemerkten sie einen sehr großen, verwegen aussehenden Hund, welcher auf sie zustürzte. Unwillkürlich blieben sie stehen, aber Hartmut ging ihm unbeirrt entgegen. Der Hund sprang an ihm kurz hoch und lief dann weiter zu Aurora und Tirvo, die steif dastanden und sich von ihm beschnüffeln ließen. Seine Schulterhöhe entsprach derjenigen der Elbin, so dass ihr Gesicht und das des Hundes sich auf gleicher Höhe befanden. Sie konnte zahlreiche Narben an seinem ganzen Körper erkennen.

„Das ist Rogo“, rief Hartmut ihnen zu. „Er ist ein Freund von Ludwig.“ Er zeigte auf einen sehr großen, blassen, etwas fettleibigen, aber gleichzeitig auch sehr muskulösen Jungen mit nacktem Oberkörper und einer geschulterten Axt, der ihnen ebenfalls entgegenkam. „Ludwig wird euch mit den übrigen Schülern bekannt machen. Ich werde derweil im Turm etwas vorbereiten. Wir sehen uns beim Abendessen.“

Dann ging er weiter und ließ sie mit Rogo und Ludwig allein.

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Veröffentlicht on Januar 18, 2011 at 1:01 am  Schreibe einen Kommentar  

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