Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 14

*** Schwimmen und Malen ***

„Hallo“, begrüßte Ludwig sie. „Jede Wette, dass ihr aus der Tagmokratie kommt!“

„Sieht man uns das so deutlich an?“, fragte Tirvo.

„Klar“, grinste Ludwig. „Außerdem hat Hartmut uns schon von euch erzählt.“

„Wer ist ‚uns‘?“, hakte Aurora nach.

„Naja, uns Schülern halt. Also allen jedenfalls, die beim Frühstück dabei waren. Mareike und Tideline schlafen ja noch. Wetten, dass die beiden bis Mittag nicht aufstehen werden?“

„Und wer sind die anderen Schüler?“ fragte Tirvo, ohne sich ablenken zu lassen, während sie gemeinsam langsam weiter Richtung Turm gingen.

„Oh, also, da ist einmal Bikkapuna, ein Dunkelmensch. Der wuselt hier irgendwo durch die Gegend. Erschreckt euch nicht – er sieht ziemlich merkwürdig aus und trägt meistens keine Kleidung, aber er ist ganz in Ordnung. Nur sein Gemein ist noch nicht so gut.“

Während er sprach, tätschelte Ludwig Rogo, der nicht von seiner Seite wich, beiläufig die Flanke.

„Und dann Hargor, ein Zwerg. Ihr werdet nie erraten, welche Farbe sein Bart hat!“

Weder Aurora noch Tirvo nahmen die Aufforderung zum Raten an, also fuhr er fort:

„Er hat nämlich gar keine Haare – nirgends! Er mag halt keine Haare – ihr wisst schon.“

Nein, dachte Aurora, wir wissen nicht. Wir wissen fast gar nichts über dieses Land und die Bürger – und Pfoten! – die hier leben, und schon gar nichts über Grenzenlose. Wir wissen ja selbst Vieles über uns selbst nicht.

Ein Zwerg ohne Haare, das muss komisch aussehen, dachte Tirvo.

„Der ist aber gerade nicht da. Er ist sehr schnell, wisst ihr, und deswegen ist er auch viel im Auftrag von Hartmut unterwegs.“

Rogo blaffte einmal kurz sehr tief und machte ein paar Schritte nach rechts.

„Ach richtig“, unterbrach Ludwig sich selbst, „wir wollten ja schwimmen gehen. Kommt ihr mit zum See?“

„Schwimmen? Na klar!“, antwortete Tirvo sofort.

„Ich würde gerne erst einmal die anderen Schüler kennenlernen“, warf Aurora ein.

„Oh, kein Problem, die findest du ganz leicht“, entgegnete Ludwig. „Siehst du den Bach dort? Da müsste Johann sitzen und malen, und Mai-shin ist, glaube ich, auch dort. Sie wird übrigens deine Zimmergenossin werden. Sie ist eine Lashani.“

„Sie ist eine – was?“, fragte Aurora verblüfft.

„Du wirst sie schon erkennen – die kleine Blaue, die immerzu lernt.“ Ludwig wandte sich Tirvo zu. „Wer als Erster im Wasser ist?“

An Stelle einer Antwort rannte Tirvo einfach los. Ludwig stieß einen kurzen Fluch aus und folgte ihm. Rogo warf Aurora einen Blick zu, dann blaffte er drei Mal und rannte ebenfalls hinterher, die beiden Jungen bereits nach wenigen Sekunden mühelos überholend.

„Macht der Hund auch mit?“, hörte Aurora Tirvo atemlos rufen.

„Frag‘ ihn doch selbst“, drang Ludwigs keuchende Antwort an ihre Ohren. Kurz darauf waren sie außer Hörweite und eine Minute später, nachdem sie das leicht abschüssige Seeufer erreicht hatten, auch außer Sichtweite.

Aurora ging in Richtung des Baches, um Johann und „die kleine Blaue“ zu suchen.

***

Sie fand sie an einer Biegung des Baches, der von Osten, wo das Gelände in einiger Entfernung ebenso wie nach Süden anstieg, nahe an den Turm heran floss, bis er schließlich seinen Weg zum See nahm. Ein schlankes Mädchen, ungefähr in ihrem umgerechneten Alter, saß an einen Felsen gelehnt und las konzentriert in einem großen Buch, wobei sich immer wieder ihre Lippen bewegten, als spräche sie leise Wörter daraus nach. Sie war ganz in Blau gekleidet, und selbst ihre Haare waren blau gefärbt – so etwas hatte Aurora noch nie gesehen! Von ihrem Gesicht konnte sie wenig erkennen, aber es wirkte fremdartig auf sie – die Nase schien sehr klein zu sein, und ihre Augen sehr schmal.

Ein paar Meter entfernt stand eine Staffelei, und vor dieser saß auf einem kleinen Schemel ein blonder Junge, der tief in Gedanken versunken schien, während seine rechte Hand mit leichten, eleganten Bewegungen einen Pinsel führte. In der linken hielt er eine Palette. Er malte wohl gerade das blaue Mädchen (offensichtlich Mai-shin, sagte sich Aurora). Sie kam nicht umhin zu bemerken, dass er für einen Menschenjungen recht hübsch aussah. Er war ebenfalls in ihrem umgerechneten Alter, schätzte sie. Seine kurzen blonden Haare waren sorgfältig frisiert (sie dachte mit Schaudern daran, welchen Anblick ihre Haare im Moment bieten mussten), und seine tiefblauen Augen machten einen verträumten Eindruck. Er war klein und schlank, besaß zarte Haut und war äußerst adrett und geschmackvoll gekleidet – selbst sein Malerkittel schien keine Flecken aufzuweisen, und er trug feine Lederhandschuhe.

Sie trat zögernd einen Schritt auf ihn zu, und da bemerkte er sie. Für einige Sekunden sah er ihr mit einem überraschtem Gesichtsausdruck in die Augen.

„Ich bin Aurora…“, begann sie.

Ruckartig stand er auf, warf Palette und Pinsel achtlos beiseite, fiel vor ihr auf die Knie und ergriff mit beiden Händen ihre Hand.

„O Aurora, welch engelsgleiche Erscheinung du bist – welch wundersame Anmut, welch überirdische Grazie! Diese Wiese war ein Acker, bevor deine blühende Schönheit sie zierte; der Himmel grau und lichtlos, bevor das Feuer deiner Haare den Sonnenaufgang brachte! O du schönste aller Frauen – wie leer war doch mein Leben, bevor ich dich erblicken dufte!“

Aurora stand sprachlos da. Was konnte sie darauf erwidern?

„Ich bitte dich inständig, du Anbetungswürdige – gestatte mir den von vorneherein zum Scheitern verurteilten Versuch, deine Schönheit, oder wenigstens einen schwachen Abglanz davon, in einem Bild einzufangen! Wie könnte ich mich einen Künstler nennen, wenn ich mich nicht an dem herrlichsten, dem wundervollsten aller Motive zumindest versuchte?“

So unwirklich sein Lob ihr auch erschien, fühlte sie sich doch geschmeichelt. Trotzdem bemühte sie sich, zum Kern seiner Rede zu gelangen.

„Du willst mich also malen?“, fragte sie ein wenig unsicher.

„Ich flehe dich an, Aurora, erfülle mir diesen größten, diesen einzigen Wunsch, den mein Herz verspürt! Wenn ich morgen sterben müsste, so täte ich es doch glücklich in dem Wissen, dass ich dein himmlisches Antlitz der Nachwelt erhalten durfte, und wenn ich den Engeln gegenübertrete, werde ich ihnen zurufen, dass ich bereits in der Welt der Sterblichen einen Blick auf den Glanz des Paradieses erhaschen konnte, als ich in deine strahlenden Augen sah!“

Das heißt dann wohl ja, dachte Aurora. „Aber malst Du nicht gerade Mai-shin?“, fragte sie, auf das Mädchen deutend, welches sich jetzt über ihr Buch gebeugt hatte, so dass ihre langen, blauen Haare ihr Gesicht verdeckten.

„Wie? Oh nein – das ist doch nichts, nur eine Kritzelei, ein bedeutungsloser Zeitvertreib“, erwiderte er. Mit einer beiläufigen Bewegung riss er das angefangene Bild von der Staffelei und zerknüllte es.

„Na gut“, stimmte Aurora zögernd zu.

Weiterhin wortreich ihre Schönheit preisend, geleitete er sie zu einer Stelle auf der Wiese, wo das Licht nach seiner Aussage besonders günstig war und bat sie, sich ganz natürlich zu verhalten – allerdings ohne sich allzu viel zu bewegen. Aurora setzte sich und bemühte sich, diese beiden Vorgaben irgendwie miteinander zu vereinen, während er seine Staffelei erneut aufbaute und begann, sie zu malen. Dabei verfiel er wieder in Schweigen, so dass Aurora sich nicht mehr mit der Frage befassen musste, wie ernst er seine Lobeshymnen auf sie meinte, und ob diese ihr peinlich sein sollten.

***

Trotz des knappen Vorsprungs, den Tirvo hatte, holte Ludwig ihn schließlich noch ein und erreichte knapp vor ihm das Wasser, in dem Rogo bereits seit einiger Zeit herum planschte. Vielleicht war er nach den Strapazen seiner Reise einfach noch nicht wieder in Form – oder vielleicht lag es schlicht daran, dass Ludwig die längeren Beine hatte? Dieser jedenfalls sprang aus vollem Lauf und ohne seine Hose auszuziehen, einfach ins Wasser – die Axt warf er allerdings vorher beiseite – und Tirvo machte es ihm nach.

„Gewonnen!“, grinste Ludwig ihn an und spritzte mit seinen muskulösen Beinen Wasser in Tirvos Richtung.

Tirvo spritzte zurück. „Wetten, dass ich dafür schneller schwimmen kann als du?“

„Worum wetten wir?“, gab Ludwig zurück. „Zehn Kreuzer?“

„Ich habe kein Geld“, gab Tirvo zu.

„Das macht nichts, du kannst es dir ja irgendwann verdienen“, entgegnete Ludwig.

„Na gut“, stimmte Tirvo zu. „Ich gewinne ja sowieso!“

„Das werden wir ja sehen! Bis zu dem Felsen dort drüben?“ Ludwig zeigte auf einen bestimmt einen halben Kilometer entfernten Stein, der in Ufernähe aus dem Wasser ragte.

„In Ordnung“, meinte Tirvo.

„Wuff!“, gab Rogo von sich.

„Machst du schon wieder mit? Du hast doch gar kein Geld – oder?“, fragte Tirvo.

„Auch er kann sich welches verdienen“, antwortete Ludwig für ihn. „Also, abgemacht – zehn Kreuzer Einsatz für jeden? Drei – zwei – eins….“

Sie warfen sich gleichzeitig der Länge nach in den See. Tirvo schloss seine Augen und hörte auf zu denken, wurde eins mit dem ihn umgebenden Wasser. Mühelos glitt er dahin, Ludwig und Rogo bereits nach wenigen Sekunden weit hinter sich lassend. Als er den Felsen erreichte, sich daran hochzog und hinaufsetzte, hatten seine Konkurrenten gerade einmal die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Erst mehrere Minuten nach ihm gelangten auch sie zum Ziel.

„Du hast ja geschummelt!“, prustete Ludwig, „das ist doch deine Gabe! Du hast eine Gabe, die mit Wasser zu tun hat!“

Auch Rogo bellte laut und empört, während Tirvo in einer Mischung aus Triumph und Verlegenheit grinste.

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Veröffentlicht on Januar 22, 2011 at 3:17 pm  Schreibe einen Kommentar  

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