Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 15

*** Gaben und Geschenke ***

Aurora langweilte sich. Worauf hatte sie sich da eingelassen? Sie hatte in Schattenland schon einmal einem Maler Modell gesessen, der von ihr ein Bild für die Yirellsche Familienchronik erschaffen sollte – das hatte Stunden gedauert, während derer sie viel lieber Kampfübungen gemacht hätte oder mit Feuerschweif ausgeritten wäre. Feuerschweif… was mochte aus ihm geworden sein? Und wie konnte sie sich über ihn Gedanken machen, wenn doch ihren Vater und gewiss auch ihre Mutter ein weit schlimmeres Schicksal ereilt hatte?

Sie versuchte, die Gedanken an ihre Familie beiseite zu schieben, zumindest für ein paar Stunden: Die Sonne schien, und ein Junge, der sie für schön hielt, malte sie – ihr neues Leben in Arkheim hatte begonnen, erinnerte sie sich an Petras Worte. Aber gerade deswegen wollte sie jetzt nicht untätig herum sitzen, wollte die Gegend erkunden, die anderen Schüler kennenlernen, sich bewegen – irgendetwas tun. Mehrmals fragte sie nach, wie lange es denn noch dauerte, und jedes Mal wieder vertröstete der malende Junge (das musste Johann sein, richtig?) sie und bat sie um nur noch einige wenige Minuten Geduld.

Nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, die aber tatsächlich kaum eine Stunde gewesen sein konnte, wie sie am Sonnenstand abschätzte, erlaubte Johann ihr dann, sich zu bewegen, bat sie aber, noch ein wenig in der Nähe zu bleiben, bis er das Bild endgültig fertiggestellt hätte. Sie registrierte erleichtert, dass er unterdessen normal mit ihr sprach, in einer ruhigen, bedächtigen Art und mit einer sehr höflichen Wortwahl. Sie entschloss sich, zu Mai-shin hinüber zu gehen, die immer noch äußerst konzentriert in ihrem Buch las – so unbeweglich, dass ein halbes Dutzend Vögel ohne Scheu um sie herum hüpfte. Einer saß sogar auf ihrem Rücken! Doch als Aurora sich näherte, flatterten sie alle auf.

„Hallo, ich bin Aurora Yirell, eine neue Schülerin von Hartmut. Ich komme aus Urland“, stellte sie sich vor.

Mai-shin sah auf. Aurora konnte erkennen, dass sie vor nicht allzu langer Zeit geweint haben musste.

„Hallo, Aurora. Ich heiße Mai-shin und stamme aus Ostfernland. Ich bin eine Lashani – so nennen wir unser Volk.“

So weit Aurora es einschätzen konnte, sprach sie die Gemeinsame Sprache Arkheims perfekt, obwohl die Elbin einen leichten Akzent vermutlich nicht bemerkt hatte, da sie selbst diese Sprache ja in der urländischen Variante sprach.

„Was liest du denn da Interessantes?“, fragte sie.

„Oh – das ist nur ein Wörterbuch. Ich versuche mein Vokabular der Gemeinsamen Sprache ein wenig zu verbessern.“

„Ich finde, du sprichst sie bereits ganz ausgezeichnet“, versuchte Aurora sie aufzumuntern und meinte es auch ehrlich.

„Danke sehr, aber ich weiß, dass ich noch viel zu lernen habe. Wenn ich in ein ordentliches Fürsprechverhältnis aufgenommen werden will, darf ich keinerlei sprachliche Defizite mehr besitzen.“

Sprachliche Defizite besitzen? Vokabular verbessern? Aurora kannte zahlreiche Muttersprachler, die sich nicht derartig gewählt auszudrücken vermocht hatten! Vermutlich gehörte sie selbst dazu, gestand sie sich ein.

„Nein wirklich – du sprichst das Gemein ja beinahe besser als ich!“, versuchte sie es noch einmal.

„Das ist lieb von dir, das zu sagen, doch als Urländerin bemerkst du meine Fehler vermutlich nur nicht. Aber ich darf keine Fehler mehr machen… ich muss meine Aussprache perfektionieren…“

Schockiert beobachtete Aurora, wie das fremdländisch aussehende Mädchen in Tränen ausbrach. Sie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte – der Anblick weinender Bürger überforderte sie. Schließlich entschied sie sich dafür einfach aufzustehen und Mai-shin alleine zu lassen.

***

„Wir haben nicht ausgemacht, dass ich meine Gabe nicht benutzen darf“, sagte Tirvo trotzig. „Außerdem wusste ich bislang noch gar nicht wirklich, dass ich eine Gabe habe, oder was das überhaupt ist!“

„Natürlich hast du eine Gabe, sonst wärst du ja kein Grenzenloser!“, polterte Ludwig. Rogo, der auf seinen Hinterpfoten stand und die Vorderpfoten auf Tirvos Knie gelegt hatte, bellte zustimmend.

„Ich weiß auch erst seit ein paar Wochen, dass ich grenzenlos bin… und bisher war mir immer gesagt worden, dies bedeutete, dass ich ein Teufelskind sei und in die Hölle fahren müsse.“

Ludwigs Zorn verrauchte von einem Augenblick auf den anderen. „Ach richtig, du bist ja ein Flüchtling aus der Tagmokratie. Tut mir leid, das hatte ich gerade vergessen.“

„Schon in Ordnung“, meinte Tirvo gönnerhaft. „Du – ihr“, verbesserte er sich mit einem Blick auf Rogo, „müsst mir auch kein Geld zahlen.“

„Blödsinn, natürlich kriegst du dein Geld! Spielschulden sind Ehrenschulden.“ Auch Rogo blaffte leise. „Du hast ja Recht, wir hätten das mit der Gabe vorher klären sollen.“

„Was hat es denn nun mit dieser Gabe auf sich?“, nutzte Tirvo die Gelegenheit, die Frage zu stellen, die ihm bereits seit gestern Abend im Kopf herumspukte.

„Naja… deine Gabe ist halt das, was du kannst, was andere Bürger – also Vollbürger, die eben nicht grenzenlos sind – nicht können… also, was sie auch nicht lernen können, meine ich, weil man… tja… dafür eben grenzenlos sein muss.“

Tirvo bemühte sich, diesen Gedankengang zu sortieren. „Meine Gabe ist es also, die mich grenzenlos macht?“

„Genau!“, stimmte Ludwig zu, offensichtlich froh darüber, verstanden worden zu sein. „Deine Gabe und natürlich… naja, du weißt schon.“

„Nein“, widersprach Tirvo. „Ich weiß es eben NICHT. Meine Gabe und was noch?“

Ludwig wirkte hilflos. „Hat dir das wirklich noch niemand gesagt? Ich meine, du musst doch selbst gemerkt haben… eigentlich soll man ja auch nicht darüber sprechen.“

„WORÜBER soll man nicht sprechen?“, fragte Tirvo geduldig nach. „Wie soll ich vermeiden, darüber zu reden, wenn ich gar nicht weiß, worüber ich nicht reden darf?“

„Mit Hartmut darfst du darüber reden. Er ist schließlich dein Fürsprecher. Mit ihm MUSST du sogar darüber reden. Aber wahrscheinlich wird er dich schon von selbst darauf ansprechen.“

Für Ludwig schien das Thema damit erledigt zu sein, und Tirvo gab es auf, weiter nachzufragen.

***

Aurora pflückte Blumen. Das war zwar eine sinnlose Beschäftigung, aber gerade deswegen genoss sie es: Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie keine Angst mehr um ihr Leben. Endlich gab es nichts mehr, was sie tun musste, also tat sie etwas, was sie tun konnte und durfte. Bisweilen sah sie zu Johann hinüber, der unterdessen die meiste Zeit damit verbrachte, das von ihm erschaffene Gemälde zu betrachten und nur noch ab und zu für einen kurzen Moment zum Pinsel griff, um ein Detail nachzubessern. Auch in Mai-shins Richtung schaute sie gelegentlich, die sich ihr Buch wieder genommen hatte und mit noch größerer Entschlossenheit und Verbissenheit als vorher zu lernen schien. Verwundert bemerkte Aurora, dass sich bereits wieder einige Vögel in ihrer unmittelbaren Nähe niedergelassen hatten.

Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie setzte sich ins Gras, nahm die Blumen, die sie bereits gesammelt hatte und begann, daraus einen Kranz zu flechten. Als sie damit fertig war, ging sie wieder hinüber zu Mai-shin. Erneut flatterten die Vögel auf. Das Lashanimädchen sah mit verweintem Gesicht zu ihr hoch.

„Schau mal, ich habe dir einen bunten Kranz gemacht! Äh… blaue Blumen sind leider nicht dabei, aber alle anderen Farben, und deine Haare sind ja bereits blau…“

Mai-shin lächelte. Für einen kurzen Augenblick konnte Aurora trotz ihrer verweinten Augen und ihrer fremdartigen Gesichtszüge erkennen, dass sie in ihrer exotischen Weise ein sehr hübsches Mädchen war.

„Vielen Dank. Ich fürchte, es ist meine Schuld, dass du keine blauen Blumen auf dieser Wiese gefunden hast – ich habe sie neulich alle gesammelt und in mein Zimmer gebracht.“

„Oh“, stieß Aurora beeindruckt hervor. „Du magst Blau wirklich, stimmt’s?“

Mai-shin setzte sich vorsichtig den Kranz auf, auch wenn Aurora sich sicher war, dass sie es nur ihr zuliebe tat. „Es ist eine sehr schöne Farbe. Naja, und dann ist es auch… du weißt schon.“

Aurora musste an sich halten, um nicht Nein, ich weiß es nicht, verdammt noch mal! auszurufen – dies war nicht der richtige Moment.

„Ich mag Blau ja auch gerne“, entgegnete sie stattdessen. „Ludwig hat gesagt, wir werden uns ein Zimmer teilen – das wird bestimmt nett! Wenn du möchtest, kann ich dir ja auch ein bisschen beim Lernen helfen – Vokabeln abfragen und so.“

„Danke schön – du bist wirklich sehr freundlich! Ich komme gerne auf dein Angebot zurück. Übrigens, ich glaube, Johann ist mit deinem Bild fertig.“ Mai-shin zeigte über Auroras Schulter.

„Da bin ich aber gespannt! Willst du es dir nicht auch ansehen?“

„Nein… nein, ich denke, ich lerne lieber weiter.“

Aurora zuckte mit den Schultern und ging zu Johann hinüber.

***

Sie waren noch ein wenig im See geschwommen – eigentlich mehr geplanscht – und ruhten sich nun am Ufer aus, als Tirvo vorsichtig das Gespräch wieder in Gang brachte. Er berichtete Ludwig und Rogo in groben Zügen von seiner und Auroras Flucht aus der Tagmokratie und fragte Ludwig nach dessen Herkunft.

Dieser erzählte ihm bereitwillig, dass er mit Nachnamen Holzmann hieß und aus einem Dorf an der fernländischen Südküste stammte, wo er bei seinem Vater eine Lehre als Zimmermann begonnen hatte. Tirvo erfuhr überrascht, dass der hünenhafte Ludwig nur ein Jahr älter als er war. Als dessen Grenzenlosigkeit sich offenbarte, hatte seine Familie ihn verstoßen, und er hatte sich als Vogelfreier durchschlagen müssen – zuerst mit einfacher körperlicher Arbeit, bald aber als Holzfäller. Nach ein paar Monaten wurde seine Grenzenlosigkeit jedoch erneut aufgedeckt, und er musste in die Wälder im südlichen Landesinneren fliehen. Dort machte er die Bekanntschaft eines Wildhunderudels, dem er mit seiner Axt und seinem Geschick im Umgang damit gelegentlich nützlich war, und das ihm im Gegenzug dabei half, sich mit Nahrung zu versorgen. Besonders mit Rogo, der Mitglied in diesem Rudel war, freundete er sich in jener Zeit an, und als vor ein paar Wochen Hartmut kam, um ihn zu seinem Turm zu bringen und in ein provisorisches Fürsprechverhältnis aufzunehmen, beschloss Rogo, ihn zu begleiten.

„Für den Fall, dass ich hier keine bürgerlichen Freunde finde, nicht wahr, mein Junge?“ Ludwig streichelte zärtlich den Rücken des großen Hundes, und dieser leckte ihm die Beine.

„Aber wie hat Hartmut dich gefunden?“, fragte Tirvo.

„Er war gerade in einer Stadt in der Nähe und hatte von einem Mitglied des Rudels gehört, dass ein vogelfreier Grenzenloser mit ihnen in den Wäldern lebte.“

„Und du sagst, er hatte es von einem Hund gehört? Bedeutet das, Hartmut versteht die Hundesprache?“

„Naja, nicht direkt“, meinte Ludwig. „Das braucht er aber auch nicht, schließlich kann er ja Gedanken lesen.“

Nachdem Tirvo einige Sekunden lang wie vom Donner gerührt still dasaß, fragte Ludwig betreten nach:

„Das ist doch seine Gabe, Gedankenübertragung… Wusstest du das denn nicht?“

Tirvo schüttelte stumm den Kopf und versuchte, sich an all die Dinge zu erinnern, die er auf dem Weg zum Turm über den hässlichen, stinkenden Hartmann, der nun sein Fürsprecher war, gedacht hatte.

***

Fasziniert und gedankenverloren starrte Aurora auf das Bild, welches Johann von ihr gemalt hatte. Bei den Engeln – ihr war nie zuvor bewusst gewesen, dass sie so schön war! Sicher, sie wusste, dass sie ein hübsches Mädchen war, aber SO schön – so wunderwunderschön… Was für ein großartiges Bild, welch ein unvergleichliches Meisterwerk!

„Gefällt es dir?“, fragte Johann leise. Sie konnte nur nicken, ohne den Blick davon abzuwenden.

„Dann schenke ich es dir.“

Aurora war fassungslos. Sie war eine Yirell, in Luxus aufgewachsen. Sie hatte ein eigenes Pferd besessen und Kleidung getragen, die ihr für ein einziges Fest auf den Leib geschneidert worden war – aber niemals zuvor in ihrem Leben hatte jemand ihr etwas derartig unglaublich Schönes geschenkt.

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Veröffentlicht on Januar 25, 2011 at 8:45 pm  Schreibe einen Kommentar  

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