Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 6

*** Verkauft ***

Die Inquisitorin wandte sich nun der Elbin zu und verbot ihr ebenso wie zuvor dem Menschenjungen das Wort. Nicht, dass Aurora noch die Kraft zum Reden besessen hätte. Hätten die Fesseln nicht ihren durch unaufhörliches Weinen geschwächten Körper gehalten, wäre sie zusammengebrochen.

Als ihr Vater das Podest betrat, wünschte sie, sie könnte sich wenigstens die Ohren zuhalten. Zuhören zu müssen, wie er sie verleugnete und beschimpfte, um sein eigenes Leben zu retten, würde unerträglich sein.

Jomal Yirell stand aufrecht, mit ernstem, traurigen Gesicht. Als die Inquisitorin ihn anblickte, sah er nicht beiseite, zuckte nicht zusammen, sondern schien sich noch mehr zu straffen. Dann trat er vor die Menge, und in diesem Augenblick sahen ihn alle als Oberhaupt einer mächtigen Familie; als ein Mitglied im tagmokratischen Konzil, welches sich in einer Rede an seine Mitbürger wandte.

„Die Anklage der Inquisition ist gerechtfertigt: Es ist wahr, ich habe eine grenzenlose Tochter! Niemand ist darüber entsetzter oder unglücklicher als ich selbst. Doch wie soll ein Vater handeln, dessen einziges, geliebtes Kind auf einen Irrweg gerät? Ich bin der wissentlichen Duldung von Grenzenlosigkeit angeklagt, doch dies ist nicht wahr; niemals habe ich die Grenzenlosigkeit meiner Tochter geduldet – stattdessen habe ich versucht, sie sie zur Ordnung zurück zu bringen! Dieses Kind ist meine Tochter, und deswegen weiß ich, dass sie nicht von Grund auf verdorben ist. Ich weiß, dass Gutes in ihr steckt, und ich bin sicher, dass es mit Strenge und Liebe möglich ist, sie auf den gerechten Weg zurückzuführen. So, wie aus Unordnung wieder Ordnung entstehen kann, so kann auch eine kindliche Seele, welche vorübergehend der Versuchung des Grenzenlosen erlegen ist, gerettet werden. Bitte gebt meiner Tochter diese Chance – ich schwöre bei den Engeln, in ihr schlägt ein gutes Herz, das bereit ist, für ihre Sünden Buße zu tun. Bürger von Schattenland, ich flehe euch an, vergebt ihr…“

Bei seinen ersten Worten hatte die Menge zu raunen begonnen, ein lauter werdendes Geräusch, das immer öfter von wütenden Rufen unterbrochen wurde. Nun wurde er niedergebrüllt. Steine flogen in seine Richtung. Einige versuchten, das Podest emporzuklettern, doch die Ritter stießen sie zurück. Erst als die Inquisitorin den Arm hob, wurde es wieder still.

„Jomal Yirell, Euch ist wohlbekannt, dass eine von Grenzenlosigkeit besudelte Seele niemals wieder rein gewaschen werden kann. Spart Euch also eure vergifteten, heuchlerischen Worte – die rechtschaffenen Bürger Schattenlands durchschauen Eure ketzerischen Lügen!“

Beifall brandete auf. Ihr Vater senkte den Kopf.

„Da Ihr gesagt habt, was Ihr zu sagen hattet, werde ich nun das Urteil verkünden.“

Aurora zuckte zusammen. Was war mit ihrer Mutter? Wieso wurde sie nicht gehört? Sie versuchte, aus diesem Umstand Hoffnung zu ziehen, doch es gelang ihr nicht – zu nachdrücklich drängten sich ihr die schrecklichsten Erklärungen in den Sinn.

„Jomal Yirell, bei einem Mitglied des tagmokratischen Konzils wiegt Euer Vergehen doppelt schwer! Ihr habt wissentlich und willentlich eine Grenzenlose beherbergt, und Ihr habt hierfür keine Reue gezeigt. Jedoch hat der Tagmokrat den Wunsch geäußert, dass Eure langjährige, rechtschaffene Arbeit im Konzil zu Euren Gunsten angerechnet werden soll. Daher wird Euch das Haupt mit einem Schwert aus Heiligem Stahl vom Rumpf getrennt werden, bevor Euer Körper der Gnade des Heiligen Feuers übergeben wird.“

Sogleich trat ein Ritter vor, um das Urteil zu vollstrecken. Als der Kopf ihres Vaters zu Boden stürzte, brauste die Menge in ohrenbetäubendem Jubel auf. Aurora verfiel in einen Schreikrampf, den niemand hören konnte. Die Leiche des Elben wurde zur Feuergrube gewälzt und hinein gestoßen. Schwerer, süßlicher Rauch erfüllte die Luft. Dann stimmte die Inquisitorin die Hymne der Gerechtigkeit an. Ekstatisch fielen die umstehenden Bürger, ebenso wie die Ritter ein: Allzeit sei Ordnung in der Welt – der Engel Plan wird offenbar – ein jeder findet seinen Platz – Gerechtigkeit ist immerdar!

***

Warum töten sie uns nicht endlich?

Der Gesang der Menge war verstummt. Erwartungsvoll blickten die Bürger zum Podest, wo die Inquisitorin regungslos stand. Sie zeigte keinerlei Anstalten, das Urteil für die beiden Grenzenlosen zu verkünden. Tirvo und das Elbenmädchen, welches jetzt ohnmächtig zu sein schien, waren immer noch festgebunden. Vom Platz her war Gemurmel zu hören, doch der hasserfüllte Unterton schien daraus verschwunden – die Menge hatte ihr Blutopfer erhalten. Alle schienen zu warten.

Dann hörte Tirvo das Geräusch von Pferdehufen auf Stein. Eine Kutsche fuhr durch eine von den Umstehenden gebildete Gasse heran. An ihren Türen prangte das Wappen des Meerbundes. Als sie das Podest erreicht hatte, stiegen zwei in der reichen, bunten Weise der Südländer gekleideten Menschenmänner aus. Einer von ihnen sprach kurz mit der Inquisitorin. Tirvo konnte erkennen, dass ein prall gefüllter Lederbeutel den Besitzer wechselte. Dann wandte die Zwergin sich an die Menge:

„Bürger von Schattenland! Grenzenlosigkeit ist das schlimmstmögliche Verbrechen wider die natürliche Ordnung, und der Tod allein stellt keine ausreichende Sühne dafür dar. Sollen wir diesen beiden Ketzern die Gnade des Heiligen Feuers gewähren, bevor sie Wiedergutmachung an ihren Gemeinden und der Tagmokratie geleistet haben?“

Sie machte eine kurze Pause, um den Bürgern die Gelegenheit zu geben, Niemals! auszurufen.

„Der Tagmokrat hat bestimmt, dass Grenzenlosigkeit in Urland nicht zu dulden ist, doch in Wildland, wo die Völker noch ohne Ordnung leben, bietet sich ihnen Gelegenheit Buße zu tun und ihre Schuld abzuarbeiten. Daher verfüge ich, dass Aurora Yirell und Tirvo Banrus in den Besitz des Meerbundes gegeben und nach Wildland verbracht werden, wo sie im Dienst der Tagmokratie arbeiten werden, bis ihre Seelen bereit sind, den Engeln übergeben zu werden.“

Die Menge klatschte Beifall. Plötzlich erinnerte Tirvo sich daran, mit welchen Worten sein Großvater ihn vor einigen Jahren einmal losgeschickt hatte, um von einem Händler des Meerbundes Tabak zu besorgen: Sie kriegen unsere Ketzer, und wir kriegen ihr Kraut. Ein fairer Tausch.

Die Ritter schnitten sie los, und sie wurden in die Kutsche geschleift, wo ihnen Fesseln aus Heiligem Stahl angelegt wurden. Als sie davonfuhren, begannen die Schattenländer erneut zu singen. Erst nach einigen Minuten verklangen die Worte der Hymne unter dem Rattern der Kutschräder auf der Straße der Sühne: …Gerechtigkeit ist immerdar – immerdar – immerdar!

Tirvo schloss die Augen. Bald würde er das Meer befahren – doch nicht als Seemann, sondern als Sklave.

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Veröffentlicht on Dezember 20, 2010 at 6:11 am  Schreibe einen Kommentar  

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