Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 75

*** Brunhilde Schmitt ***

„Tirvo? Hast du eine Minute Zeit?“

„Mhm“, brummte der Angesprochene, der mit seinen Füßen im Wasser am Turmsee saß, unwillig. Gewiss hatte er Zeit – das war Johann natürlich auch klar – aber keine Lust auf ein Gespräch. Deswegen war er nach ihrem gemeinsamen Besuch bei Ludwig schließlich zum See gegangen!

„Du hast mir doch neulich auch geholfen – du weißt schon, mit Aurora – und ich denke, diesmal gibt es etwas, was du tun musst, wofür du aber noch einen Anstoß benötigst.“

„Vielleicht denkst du das. Ich sehe das anders“, antwortete Tirvo, ohne Johann anzublicken. Stattdessen starrte er auf den See hinaus. Es nieselte leicht, und die Wasseroberfläche spiegelte das Grau des bewölkten Himmels wider. Wie bei meinem letzten Gespräch mit Pia. Verärgert über diesen Gedanken strampelte er mit den Füßen, um das Wasser aufzuwühlen. „Warum lasst ihr mich nicht einfach alle in Ruhe?“

„Glaubst du, diese Angelegenheit kommt in Ordnung, wenn wir dich in Ruhe lassen? Lässt sie dich dann in Ruhe?“

„Meine Sache.“ Hör damit auf, so verdammt einfühlsam zu sein! Tirvo strampelte stärker und löste damit Wellen aus, die weitaus höher waren, als durch die bloße Bewegung seiner Füße erklärbar war.

„Richtig – es ist deine Sache. Deswegen solltest du sie auch anpacken, nicht wahr?“

Entnervt stand Tirvo auf. „Hier hat man auch nirgends seine Ruhe! Ich gehe etwas spazieren.“

„Nach Kaperstadt?“, fragte Johann mit einem Lächeln.

„Meine Sache.“ Tirvo bückte sich nach seinen Schuhen und ging zum Turm zurück.

***

Als er sein Zimmer verließ und die Treppe hinunter ging, fing Aurora ihn ab.

„Tirvo? Johann meinte, du machst dich jetzt auf den Weg… nach Kaperstadt, und ich dachte, vielleicht sollten wir mitkommen.“

Tirvo brummte genervt. „Müsst ihr nicht machen.“

„Klar müssen wir nicht… aber vielleicht kannst du ja Hilfe brauchen?“, hakte die Elbin nach.

„Ich komm‘ schon zurecht“, entgegnete der Menschenjunge schroff.

„Ich meine ja auch gar nicht, dass du auf uns angewiesen wärst“, ließ Aurora nicht locker, „aber vielleicht ist es trotzdem einfach besser, wenn dich jemand begleitet…“

Tirvo atmete hörbar aus. „ICH gehe jetzt los. Von mir aus könnt ihr mitkommen oder es bleiben lassen. Mir ist es egal.“

„Wie du meinst“, murmelte Aurora und ging zurück in die Küche zu Johann.

***

An der Stadtgrenze von Kaperstadt lehnte Tirvo sich gegen eine Mauer, schloss die Augen und wartete ab. Es dauerte nur zehn Minuten, bis Aurora und Johann ihn eingeholt hatten.

„Dachtet ihr, ich bemerke euch nicht?“, schimpfte er.

„Du hast gesagt, wir können mitkommen“, gab Aurora zurück.

„Ich sagte, es ist eure Sache.“ Langsam stand der Junge auf.

„Ist doch ein schöner Tag für einen Spaziergang“, lächelte Johann.

Ohne ein weiteres Wort stapfte Tirvo wieder los.

***

Sein erster Weg führte ihn zum Haus von Prudo Pinienkern. Die beiden anderen warteten draußen.

Der Halbling-Arzt untersuchte gründlich Tirvos frisch nachgewachsene Zähne und beglückwünschte ihn schließlich. „So weit ich es sagen kann, ist in deinem Mund alles wieder wie neu! Diese Heilmittel aus der Anstalt sind wirklich erstaunlich.“

„Ja“, antwortete Tirvo knapp. Der Heiler hatte ihm den Rücken zugewandt und spülte die Gerätschaften, mit denen er in seinem Mund herumgefuhrwerkt hatte, ab. Dann drehte er sich schließlich zu dem Jungen um, der immer noch auf dem Behandlungsstuhl saß.

„Ist noch etwas?“, fragte er.

„Was soll denn sein?“, fragte Tirvo zurück.

„Du bist doch nicht nur wegen deiner Zähne hier“, versetzte der Arzt. „Das hättest du auch heute Vormittag schon erledigen können, als ihr euren Freund besucht habt. Du willst doch etwas anderes von mir.“

Alle wissen besser als ich, was ich will, dachte Tirvo verärgert. Laut sagte er: „Kanntest du Pia?“

„Pia Göttlicher, die ins Wasser gegangen ist? Die Verlobte von Bruno, den du erstochen hast?“

Tirvo zuckte zusammen. Göttlicher hieß sie also. „Ja“, bestätigte er mit einem kleinen Kloß im Hals.

„Nein, ich habe nur durch die Ereignisse am Turm davon gehört. Schlimme Sache.“

Tirvo bemerkte, dass Prudo ihn nun eingehend musterte. „Sie… sie war wohl schwanger. Aber sie wollte das Kind nicht und… hat es wohl wegmachen lassen. Und dann ist sie damit nicht klargekommen.“

„Schwanger, soso. Vermutlich nicht von ihrem Verlobten.“

Tirvo blickte zur Seite. „Nein.“

„Trotzdem, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich denke, ich weiß wer den Schwangerschaftsabbruch vorgenommen hat, und diese Person nimmt ihre Verantwortung gegenüber den Frauen sehr ernst. Wenn sie Zweifel daran gehabt hätte, dass das Mädchen mit ihrer Situation fertig wird, hätte sie den Abbruch nicht durchgeführt und jemanden informiert. Da muss noch etwas anderes dahinter stecken.“

„Wer ist denn diese Person?“, fragte Tirvo, doch der Arzt schüttelte den Kopf.

„Darüber rede ich nicht. Du kannst es gewiss herausfinden, wenn du es darauf anlegst, aber von mir wirst du den Namen nicht hören.“

Tirvo zuckte mit den Schultern und verabschiedete sich von ihm.

***

Und was jetzt?

Aurora stand an einer Straßenecke und wusste nicht, was sie tun sollte. Eigentlich war sie ja froh, dass Tirvo endlich den Mund aufgemacht und sie sogar um Hilfe gebeten hatte – und er hatte ja Recht, als Junge war er gewiss nicht der Richtige, um Erkundigungen einzuziehen, wo in Schwierigkeiten geratene junge Mädchen Unterstützung erhalten konnten – aber nun stellte sie fest, dass sie sich weder traute jemanden anzusprechen, noch wusste wen, noch eine Vorstellung davon hatte, was sie sagen sollte.

Hallo, mein Name ist Aurora Yirell, und ich bin ungewollt schwanger… Nein, das ging nicht, das ging gar nicht.

Verstohlen sah sie zu den beiden Jungen hinüber, die in einiger Entfernung damit beschäftigt waren, so zu tun, als hätten sie nichts zu tun und insbesondere keinen Grund, zu ihr herüber zu sehen. Aurora fiel auf, dass sie sich auf diese Weise gerade auffällig benahmen, denn andere männliche Bürger, welche die Straße entlang gingen, sahen sehr wohl zu ihr herüber, und einige pfiffen sogar auf den Fingern oder riefen ihr Nettigkeiten oder Anzüglichkeiten zu – eine junge, gut aussehende Elbin zog eben Aufmerksamkeit auf sich. Was ihre Aufgabe auch nicht gerade einfacher machte.

Plötzlich bemerkte sie, dass sie jemand am Rocksaum zupfte. Sie sah hinunter. Ein Terrier – nein, eine Terrierhündin, verbesserte sie sich – hatte sich neben sie gesetzt und sah sie auffordernd an.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte sie höflich, doch die Hündin schüttelte den Kopf. „Was möchtest du dann von mir?“

Erneut schüttelte die Hündin den Kopf. Dann bellte sie einmal kurz rasch und warf den Kopf zurück. Endlich begriff Aurora. „Du hast bemerkt, dass ich ein Problem habe und möchtest mir helfen, stimmt’s?“ Erneut bellte die Terrierhündin, diesmal eindeutig bejahend.

„Das ist nett von dir“, strahlte die Elbin und ließ sich in die Hocke nieder. „Also“, fuhr sie dann leiser fort, „ich muss jemanden finden, der… jungen Bürgerfrauen helfen kann, wenn sie… ein Kind kriegen würden, das aber nicht möchten…“ Erleichtert stellte sie fest, das sie der Hündin gegenüber keine Hemmungen hatte, dieses Thema anzuschneiden.

Wieder bellte die Hündin, diesmal drei Mal kurz hintereinander. Dann drehte sie sich um, lief einige Schritte, hielt kurz an und drehte sich erneut zu ihr um. Mit einem raschen Blick zurück vergewisserte sich Aurora, dass Tirvo und Johann ihren Aufbruch mitbekamen und folgte der Pfote.

***

Brunhilde Schmitt, Kräuterkundige, las Tirvo. Das Schild steckte im Boden eines kleinen, eingezäunten Grundstücks ein Stück außerhalb von Kaperstadt, in dessen Mitte ein schmales, eingeschossiges Ziegelhäuschen stand. Der sandige Weg, den sie entlang gekommen waren, war von einer nach Südosten führenden Straße abgebogen und führte, eine Pforte im Holzzaun passierend, direkt auf das Häuschen zu. Er durchschnitt eine Rasenfläche, auf der sich im Schatten einiger Bäume ein paar Hunde räkelten – so ähnlich wie bei Petra Eichler, allerdings bei weitem nicht so viele. Hinter dem Haus waren mehrere kleine, durch im Boden eingelassene Mauersteine voneinander abgetrennte Kräutergärten und Beete zu erkennen, sowie ein schmaler Fußweg, der in den nahen Wald führen musste. Aus einem metallenen Ofenrohr in einem improvisiert wirkenden Schornstein stieg Rauch auf.

„Ein Hexenhäuschen“, sagte Johann leise. „Jedenfalls sahen die Zeichnungen in meinen Büchern immer so ähnlich aus. Ob sie eine Grenzenlose ist?“

Tirvo zuckte mit den Schultern. Die Hündin, die sie hergeführt hatte, war bereits an der Straßenabzweigung umgekehrt, aber es konnte natürlich kein Zweifel daran bestehen, dass sie sich am richtigen Ort befanden. „Ich gehe dann mal rein“, sagte er.

Als er die Pforte öffnete, hoben einige der Hunde den Kopf und bellten. Tirvo schritt geradewegs auf die kleine Holztür zu und betätigte den darin eingelassenen Klopfer.

Nur wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür ein wenig, und eine Menschenfrau, vermutlich Ende vierzig oder Anfang fünfzig, deren Gesicht von einem bunten Kopftuch umrahmt war, und die einen grauen, wollenen Hausrock mit vielen aufgenähten Taschen trug, sah in leicht gebückter Haltung auf ihn herab – obwohl Tirvo für sein Alter groß war, überragte sie ihn um beinahe einen halben Kopf.

„Was willst du?“, fragte sie unfreundlich.

„Äh… hallo, mein Name ist Tirvo Banrus. Ich bin ein Schüler der Anstalt. Hartmut Widermann ist mein Fürsprecher. Ich wollte Sie fragen, ob eine Pia… Göttlicher vor einiger Zeit bei Ihnen gewesen ist.“

„Das geht dich nichts an.“ Die Frau hatte die Tür nur einen Spalt weit geöffnet. Tirvo stieg ein würzig-frischer, etwas bitterer Geruch in die Nase. Der Raum hinter ihr war düster, da sie die Fensterläden geschlossen hatte, und verraucht.

„Doch, ein bisschen geht mich das schon etwas an“, erwiderte Tirvo ein wenig eingeschüchtert. „Sie war wohl meinetwegen hier – allerdings hat sie mir erst hinterher etwas davon erzählt. Ich wollte nur wissen…“

„Ich rede nicht über meine Kunden.“ Mit einem Ruck schloss die Frau die Tür vor seiner Nase.

Tirvo klopfte erneut, aber die Tür wurde ihm nicht wieder geöffnet. „Frau Schmitt?“, rief er zwei, drei Mal, ohne eine Antwort zu erhalten.

„WUFF.“

Tirvo sah sich um. Hinter ihm standen zwei große Hütehunde und sahen ihn unfreundlich an. Jeder von ihnen wog vermutlich mehr als er.

„Schon gut, ich gehe ja schon“, gab er kleinlaut nach.

Als er die Pforte hinter sich schloss, erhaschte er einen Blick auf ein junges Menschenmädchen, das mit gesenktem Kopf über den aus dem Wald kommenden Pfad auf das Haus zulief.

***

„Du musstest damit rechnen, dass ihre Sympathien nicht gerade auf deiner Seite liegen“, bemerkte Johann.

„Jaja, schon klar. Aber wenigstens reden hätte sie mit mir können“, beschwerte sich Tirvo.

„Vielleicht redet sie mit mir“, sagte Aurora. „Lass uns abwarten, bis das Mädchen wieder gegangen ist, dann versuche ich es.“

Sie musste nur gut zehn Minuten warten, dann konnte sie erkennen, wie die Gestalt des Mädchens über den rückwärtigen Pfad wieder zurück in den Wald huschte. Es war wohl nur ein Gespräch, dachte sie. Frau Schmitt scheint die jungen Frauen zunächst einmal zu beraten.

Sie machte sich auf den Weg, betrat das Grundstück und betätigte den Türklopfer. Sie hatte kurz darüber nachgedacht, zur Hintertür zu gehen, sich aber dagegen entschieden – sie wollte nicht den Eindruck erwecken, dass sie hier Hilfe für sich selbst suchte; das würde Frau Schmitt vermutlich nur verärgern.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. „Ja?“, fragte die Frau. Es klang nicht direkt abweisend, aber auch nicht übermäßig freundlich.

„Hallo, ich bin Aurora Yirell… ich wollte…“

„Komm herein“, unterbrach die Frau sie und öffnete die Tür ganz. Aurora folgte ihr in den kleinen Raum. Über der Feuerstelle hing ein großer Kessel, welcher vermutlich die Gerüche verströmte, die ihr in die Nase stiegen. Auf zahlreichen, leicht schiefen Regalbrettern an den Wänden standen Tiegel, Töpfe und Gläser. An einer Wand stand eine mit einem weißen Laken bezogene Liege.

Brunhilde Schmitt wies sie an, sich auf einen gepolsterten Stuhl zu setzen und ließ sich selbst in einen großen Ohrensessel fallen.

„Es ist wegen Pia“, begann Aurora ohne Umschweife. „Ich… wir kannten sie, und wir fragen uns, warum sie sich das Leben genommen hat. Wir wissen, dass sie schwanger war, und dass Sie… ihr geholfen haben. Deswegen wollten wir fragen…“

Die Frau unterbrach sie. „Sie hat sich das Leben genommen?“

„Sie haben noch nichts davon gehört? Sie ist ins Wasser gegangen… angeblich wegen des Kindes.“

Brunhilde schüttelte den Kopf. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Sie war nicht der Typ. Im Gegenteil, sie machte auf mich den Eindruck einer jungen Frau, die sich gerade entschlossen hatte, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, die Pläne schmiedete… Ist es sicher, dass es kein Verbrechen war?“

„So weit ich weiß… Können Sie denn absolut ausschließen, dass sie vorgehabt haben könnte, sich umzubringen?“

„Ich habe über Jahrzehnte Erfahrungen mit jungen Frauen in schwierigen Situationen gesammelt, und ich denke, ich erkenne die Anzeichen dafür. Ich bin mir sicher, dass sie nichts dergleichen im Sinn gehabt hat.“

Nachdenklich bedankte sich Aurora, verabschiedete sich und ging zu den anderen zurück.

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Veröffentlicht on Januar 3, 2012 at 2:43 am  Schreibe einen Kommentar  

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