Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 76

*** Von Wirtschaft zu Wirtschaft ***

„Gehen wir jetzt weiter den Strand entlang?“, fragte Johann.

Sie standen knapp fünfzig Meter vom Goldenen Anker entfernt und sahen zu, wie eine Gruppe aus Menschen und Halblingen damit beschäftigt war, dessen Fassade neu zu streichen. Aurora blickte zu dem Felsen hinüber, von dem aus Mai-shin und sie das erste Mal gemeinsam geflogen – naja, geschwebt – waren. Wie sehr sie sich seitdem verändert hat! Die Elbin zählte im Geist die Tage nach. Sie kam auf vierzehn – nur knapp eineinhalb Wochen! Und am Morgen danach ist sie das erste Mal „Geld verdienen“ gegangen. So wie jetzt auch wieder. Aurora versuchte, sich nicht allzu genau vorzustellen, was ihre Lashani-Freundin wohl gerade machte. Ach, Mai-shin, was tust du da bloß?

Tirvo wirkte unentschlossen. „Vielleicht sind ihre Freunde ja wieder an der selben Stelle“, sagte er.

Johann schüttelte den Kopf. „Das glaube ich eher nicht.“

„Ja, wahrscheinlich sind sie zu schockiert über die Tode von Pia und Bruno“, stimmte Aurora zu, d0ch Johann schüttelte erneut den Kopf.

„Kann sein, aber das meinte ich nicht. Der Goldene Anker hat geschlossen – warum sollten sie also so weit nach Norden gehen? Auf dem Weg hierher gibt es mehrere gut geeignete Stellen für ein Lagerfeuer.“

„Hättest du das nicht sagen können, bevor wir den ganzen Weg hierher zurücklegen?“, fragte Aurora leicht verärgert.

Johann lächelte. „Es ist Tirvos Weg – wir begleiten ihn dabei nur und gehen an einem schönen Tag ein wenig spazieren.“ Er zog das Elbenmädchen zu sich und küsste sie.

„Einige Jugendliche sind ja hier“, meinte Tirvo und zeigte in Richtung Anlegesteg. „Vielleicht wissen sie ja etwas. Und dass sie mich nicht kennen, ist vielleicht ganz gut.“

Langsam schlenderten sie gemeinsam in Richtung des Gasthauses.

„Hey, ihr! Grenzenlose!“

Einer der Halblinge, der sich nicht an den Malerarbeiten beteiligte, sondern mit einem Klemmbrett in der Hand herum lief, war auf sie aufmerksam geworden, als sie die Terrasse des Goldenen Ankers passierten.

Sie blieben stehen. „Ja?“, gab Tirvo vorsichtig zurück.

„Habt ihr schon gehört? In einer Woche ist Neueröffnung! Den ganzen Zehntag über Getränke zum halben Preis! Nutzt weiterhin den Goldenen Anker für rasche Zwischenmahlzeiten am Strand, oder probiert im inneren Gastraum erstklassige Gerichte in der Tradition der Sommertagsklause!“

„Sommertag?“, fragte Tirvo verwirrt.

Der Halbling verbeugte sich kurz. „Limdo Sommertag mein Name. Der Goldene Anker befindet sich jetzt im Besitz unserer Familie, und ich stehe persönlich dafür ein, dass das Essen auch hier unserem stadtweit bekannten guten Ruf gerecht wird! Ihr kommt doch zu unserer Eröffnungsfeier?“

„Natürlich“, versprach Johann, und auch die anderen nickten. Limdo lächelte zufrieden und wandte sich wieder seinem Klemmbrett zu.

„Naja, eigentlich sind wir zu dieser Zeit bereits in der Anstalt“, ergänzte Johann leise, als sie sich ein Stück entfernt hatten. „Aber das erinnert mich an etwas, Aurora: Ich esse morgen Abend mit meiner Familie in der Sommertagsklause, und sie – und ich natürlich auch – würden sich sehr freuen, wenn du dabei sein könntest.“

„Oh. Natürlich, sehr gerne“, entgegnete die Angesprochene etwas überrumpelt. Johann nutzte die Gelegenheit, um sie erneut zu küssen, und Tirvo nutzte wiederum diesen Moment, um sich von ihnen abzusetzen und sich der Gruppe Jugendlicher zu nähern, die neben dem Anlegesteg saßen und die Beine im Wasser baumeln ließen.

***

„Und – was haben sie gesagt?“, fragte Aurora.

Die Schüler befanden sich bereits wieder auf dem Rückweg nach Kaperstadt. Tirvos Unterhaltung mit den Jugendlichen hatte nicht lange gedauert, oder vielleicht war sie der Elbin auch nur deswegen so kurz vorgekommen, weil sie sich in der Zwischenzeit mit Johann beschäftigt hatte.

„Ich habe sie nicht direkt darauf angesprochen“, antwortete Tirvo. „Das Gespräch kam aber auch so bald auf das arme Mädchen, das wegen eines verdammten Grenzenlosen ins Wasser gegangen ist. Glücklicherweise hatten sie nicht den Gedanken, dass ich das sein könnte – sie gingen von einem älteren Jungen aus. Nur einer von ihnen kannte Pia flüchtig vom Sehen; sie haben nur den Klatsch gehört.“

„Und was ist der Klatsch?“, hakte Aurora nach.

„Sie soll an einem Abend nach Einbruch der Dunkelheit an einer Stelle ungefähr auf halber Strecke zwischen dem Goldenen Anker und Kaperstadt zum Strand gegangen sein, ihre Kleider abgelegt haben und ins Meer gelaufen sein. Zwei Fischer namens Piet und Ebbe, die verspätet auf der Rückkehr nach Kaperstadt waren, haben sie dabei beobachtet, aber als sie den Strand erreichten, sahen sie keine Spur mehr von ihr. Ihre Kleidung ist am Strand gefunden worden, und Hunde haben bestätigt, dass ihre Spur ins Wasser, aber zwischen dem Anker und Kaperstadt nicht wieder zurück an Land führt.“

„Hm“, brummte Johann. „Weiter kann sie auch kaum geschwommen sein, denke ich – es sei denn, du hast ihr irgendwie etwas von Deiner Gabe eingepflanzt.“

Tirvo versuchte, ihm einen bösen Blick zuzuwerfen, brachte es aber nur fertig, niedergeschlagen dreinzuschauen.

„Dass sie allerdings bereits untergegangen ist, bevor die Fischer sie retten konnten, das erscheint mir schon ein wenig merkwürdig“, fuhr Johann fort. „Wenn man ins Wasser geht, bedeutet das denn normalerweise nicht, dass man so weit hinaus schwimmt, bis die Kräfte nicht mehr ausreichen, um sich über Wasser zu halten? Kann man denn absichtlich ertrinken? Wehrt man sich nicht trotzdem dagegen, während es passiert? Ich stelle mir diese Todesart eigentlich sehr unangenehm vor.“

„Da fragst du den Falschen“, seufzte Tirvo. „Es hieß allerdings, sie sei vielleicht betrunken gewesen und deswegen sehr rasch untergegangen. Das Meer soll an diesem Abend jedoch ziemlich ruhig gewesen sein.“

„Vielleicht können uns diese Fischer ja mehr erzählen“, sagte Aurora. „Wie hießen sie doch gleich – Piet und Ebbe?“

„Nicht gerade die seltensten Namen, aber wenn sie zusammen ausfahren, müsste man sie ausfindig machen können“, meinte Johann.

„Ich werde in den Fischerkneipen herum fragen“, beschloss Tirvo. „Es ist noch ein wenig Zeit, bis die Fischer ihre Abendausfahrt beginnen.“

***

„Ist das eigentlich normal, dass unsere Aufträge uns immer in Hafenkneipen führen, oder liegt es irgendwie an Tirvo?“, wunderte sich Aurora. Johann und sie waren diesmal vor der Tür der Wirtschaft stehen geblieben – sie hatten rasch festgestellt, dass es erheblich schwieriger war, mit den Fischern ins Gespräch zu gelangen, wenn sie zu dritt waren.

„Naja, Kaperstadt besteht nun einmal hauptsächlich aus Hafengebiet“, meinte Johann. „Da ist es erklärlich, dass alles irgendwie mit dem Meer zu tun hat. Und wo sonst sollte man sich umhören?“

„In Urland war ich niemals in einer Kneipe – höchstens einmal in einem Restaurant oder einem besseren Gasthof, doch auch das kam nur selten vor. Wir übernachteten auf Reisen üblicherweise in Privathäusern, die uns empfohlen worden waren, oder in offiziellen Reiseunterkünften für Angehörige des tagmokratischen Konzils.“

„Und – denkst du, du hast etwas verpasst?“, fragte Johann lächelnd.

Bevor Aurora etwas entgegnen konnte, waren laute Rufe aus der Wirtschaft zu vernehmen. „Haltet den Grenzenlosen fest! Das ist das Schwein, das Pia geschwängert hat!“

Das sollte als Antwort genügen, dachte die Elbin, während sie los stürzte, um Tirvo zu Hilfe zu eilen.

Im Schankraum umringten ein halbes Dutzend Männer, die meisten Menschen, aber auch zwei Zwerge, ihren Mitschüler. Einige hielten Knüppel in den Händen. Einer der Zwerge hatte seinen Dolch gezogen. Der größte und kräftigste der Männer hielt Tirvo gegen dessen erbitterten Widerstand in seinen Armen fest.

Ohne nachzudenken, sprang Aurora diesem Hünen auf den Rücken und versuchte, ihn zu Boden zu reißen. Ihr Kampfkunsttrainer hatte sie auf solche Situationen nicht vorbereitet – sie kannte zwar einige Techniken, mit denen sie unbewaffnet einen Gegner ausschalten konnte, aber die funktionierten nicht gut gegen eine große zahlenmäßige Übermacht und bargen außerdem das Risiko, den anderen schwer zu verletzen oder zu töten, was jetzt vermutlich keine gute Idee war.

Der Mann schwankte nur kurz, verlor aber nicht das Gleichgewicht. Das war sehr schlecht – sie hatte gehofft, dass Tirvo sich befreien und zum Ausgang fliehen konnte. Jetzt würde es zu einem Kampf kommen, bei dem sie allein fünf bewaffneten Männern gegenüber stand, die sie mühelos umzingeln konnten, da sie ja in Tirvos Nähe bleiben musste. Noch einmal hängte sie sich mit aller Kraft an den Hals des riesigen Mannes, doch vergebens – er schien mit solchen Angriffen vertraut zu sein und stand wie mit dem Boden verwachsen.

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie Johann, der durch die Tür herein gestürmt war. Er wollte doch nicht etwa kämpfen? Der Gedanke war lächerlich – aber auch angsteinflößend. Der Menschenjunge war so zerbrechlich.

„Verschwinde, Johann!“, rief sie, während sie weiter erfolglos an dem Kerl zerrte, der Tirvo festhielt. Er war so viel größer als sie, dass ihre Füße kaum den Boden berührten, und so konnte sie einfach keine Hebelwirkung aufbauen.

Johann war an der Tür stehen geblieben und griff in seine Tasche. Dann schleuderte er etwas auf den Boden, ein wenig neben den Kreis, den die Angreifer um Tirvo bildeten. Mehrere Silberschillinge glitzerten im durch das Fenster herein fallenden Sonnenlicht.

Die Männer erstarrten für einige Sekunden. Nur Tirvo strampelte immer noch. Dann stürzten sie sich auf die auf dem Boden verstreuten Münzen. Aurora konnte gerade noch loslassen, bevor sie mitgerissen wurde. Tirvo, den der Hüne einfach von sich weg gestoßen hatte, war gegen einen Tisch geschleudert worden und rappelte sich nun auf. Während die Fischer auf allen Vieren Jagd nach den Münzen machten und sich gegenseitig beiseite schubsten, verließen die drei Schüler in Höchstgeschwindigkeit die Kneipe und hörten nicht auf zu rennen, bis sie das Hafengebiet hinter sich gelassen hatten.

***

„Danke, Johann“, murmelte Tirvo, als sie schließlich stehen geblieben und wieder zu Atem gekommen waren. „Es war wohl doch gut, dass ihr mitgekommen seid.“

„Ist doch beruhigend, dass sich die meisten Probleme im Leben immer noch mit Geld lösen lassen“, grinste Johann. „Aber so langsam muss ich mir auch wieder welches verdienen. Noch einmal kann ich dich auf diese Weise nicht aus der Klemme befreien.“

„Woher wussten sie eigentlich, wer du bist?“, fragte Aurora.

Tirvo zog eine Grimasse. „Ich habe wohl zu unvorsichtige Fragen gestellt. Aber immerhin weiß ich jetzt wenigstens, wo die Göttlichers wohnen.“

„Und – gehen wir hin? Oder willst du das vielleicht doch lieber allein machen?“, fragte Johann süffisant.

Tirvo seufzte leise. „Gehen wir hin.“

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Veröffentlicht on Januar 10, 2012 at 8:52 pm  Schreibe einen Kommentar  

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