Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 77

*** Lügen ***

Das Haus der Göttlichers befand sich nicht weit vom Hafen in einem unübersichtlichen Viertel voller enger Gassen, in denen zwei Handkarren nur mit Mühe aneinander vorbei gezogen werden konnten; eine Handwerkergegend, erfüllt von den Geräuschen lauter Hammerschläge und dem beißenden Geruch einer nahen Gerberei. An die Tür war, ein wenig schief, ein Holzschild genagelt, auf dem in verblasster roter Schrift Schneiderei Zena Göttlicher stand. Darunter, in etwas frischerer, schwarzer Farbe, war & Drumi Hartbein hinzugefügt worden.

Aurora stand mit leicht gerunzelter Stirn vor der Tür. „Drumi Hartbein? Ist das nicht ein Zwergenname?“

„Üblicherweise ja“, gab Johann ihr Recht.

Tirvo hatte das Haus bereits durch die halboffen stehende Tür betreten, und sie folgten ihm.

„Einen Augenblick, einen winzigen Augenblick nur“, hörten sie die tiefe, grummelige Stimme eines männlichen Zwergs – die Stimme von jemandem, der sich bemüht, freundlich zu sein, obwohl es eigentlich gegen seine Natur geht, dachte Aurora.

Sie sah sich um. Ballen aus groben, zumeist ungefärbten Stoffen standen dicht aneinander gedrängt und bis beinahe in Kopfhöhe gestapelt überall in dem kleinen Verkaufsraum, so dass nur einige schmale Wege frei blieben, auf denen man sich bewegen konnte. An zwischen den Wänden gespannten Schnüren hingen einfache Kleidungsstücke, zumeist Hosen und Hemden. Von ihren Eltern hatte sich Pia jedenfalls nicht einkleiden lassen, schlussfolgerte die Elbin.

„Grenzenlose, ja? Wir bieten besondere Konditionen für Schüler der Anstalt.“ Der Zwerg kam hinter einem der Ballen hervor, eine Schere und Zwirnrolle in der einen Hand, ein abrollbares Maßband in der anderen. Er trug eine Nickelbrille und hatte sein dunkles Haupthaar hinter dem Kopf mit einem einfachen Leinenband zusammengebunden. Seine Kleidung war schmucklos, beinahe schon schäbig – offenbar trug er selbstgeschneiderte Sachen, die er schon recht lange besaß.

„Danke sehr, aber wir wollen nichts kaufen“, entgegnete Tirvo höflich.

Das ohnehin bemüht wirkende Lächeln des Zwergs verschwand in dessen struppigem Bart. „Weswegen seid ihr dann hier?“, fragte er misstrauisch.

„Wir… wir kannten Pia und… wir wollten gerne ihrer Mutter gegenüber unser Beileid aussprechen“, antwortete Tirvo vorsichtig.

„Hrm. Zena ist jetzt nicht zu sprechen, sie hat zu tun. Nichts Besseres als Arbeit, um den Kopf wieder frei zu bekommen.“

„Oh.“ Tirvo wusste nicht, was er erwidern sollte. Aurora sprang für ihn ein:

„Dann kommt sie über den Verlust also hinweg?“

Der Zwerg knurrte. „Verlust, naja. Eigentlich war es ja abzusehen, dass so etwas passieren musste. Nichts als Flausen im Kopf, das Mädchen. Faul und flatterhaft war sie. Hat sich geweigert, eine Lehre als Schneiderin zu machen. Ich habe es ihr nur durchgehen lassen, weil sie mit dem Sohn der Gerlands verlobt war – eine gute Partie, viel besser, als sie hätte hoffen dürfen. Aber daraus wird ja nun wohl nichts.“

ICH habe es ihr durchgehen lassen? Plötzlich wurden Aurora die Familienverhältnisse im Haus der Göttlichers klar: Pias Vater hatte ihre Mutter wohl verlassen oder war gestorben, und sie war mit diesem griesgrämigen und vermutlich knauserigen Zwerg zusammengekommen, der offensichtlich der Ansicht war, Pias Erziehung in die Hand nehmen zu müssen. Sie erinnerte sich kurz an das freche, selbstbewusste Mädchen zurück, das sie mit Tirvo am Strand kennen gelernt hatte. Nein – Pia war gewiss nicht damit einverstanden gewesen, dass dieser Zwerg ihre Vaterrolle einzunehmen gedachte.

„Nein, daraus wird nun wohl nichts“, wiederholte Tirvo mit gesenktem Kopf.

„Tja. So ist eben das Leben. Seid ihr sicher, dass ihr nichts braucht? Seht euch in Ruhe um, wenn ihr möchtet und ruft mich dann, falls ihr euch umentscheidet.“ Drumi nickte ihnen kurz grimmig zu – wahrscheinlich hält er es für ein freundliches Nicken, dachte Aurora – und verschwand wieder hinter einem der Ballen.

Johann zupfte sie am Ärmel und tippte Tirvo auf die Schulter. „Gehen wir“, meint er leise.

Als sie draußen waren, seufzte Tirvo: „Wenigstens ist er nicht auf den Gedanken gekommen, dass ich derjenige war, der an Pias und Brunos Tod schuld war.“

„Ich glaube, er macht sich überhaupt keine Gedanken wegen Pia“, sagte Johann.

„Wir sollten wirklich mit diesen Fischern sprechen“, sagte Aurora nachdenklich. „Irgendetwas stimmt hier nicht.“

„Die werden jetzt auf dem Meer sein“, entgegnete Tirvo. „Lasst uns zurück zum Turm gehen und sie morgen suchen.“

„Schwer zu glauben, dass sich Pias Mutter ausgerechnet in diesen Zwerg verliebt haben soll“, wunderte sich Aurora.

„Es kann ja nicht jeder so viel Glück haben wie ich“, antwortete Johann und zog sie zärtlich an sich.

Das hatte mit Liebe vermutlich wenig zu tun, dachte Tirvo. Wahrscheinlich brauchte sie einfach nur Hilfe dabei, ihre Schneiderei weiterzuführen, um für sich und ihre Tochter zu sorgen. Er kannte ähnliche Zweckgemeinschaften in seinem Heimatort – dort natürlich immer nur zwischen Bürgern gleicher Rasse. Liebe ist etwas für Leute, die sie sich leisten können, erinnerte er sich an einen Spruch seines Großvaters.

Vor ihm gingen Johann und Aurora eng umschlungen. Tirvo beschloss, seine Gedanken für sich zu behalten.

***

Als Aurora am nächsten Morgen zum Frühstück herunter kam, saß Mai-shin zwischen den anderen Schülern am Tisch und unterhielt sich leise mit Johann. Sie lief auf das Lashanimädchen zu und umarmte sie. „Mai-shin! Alles in Ordnung?“

Die Angesprochene sah sie mit leicht schief gelegtem Kopf an. „Was für eine merkwürdige Frage das doch ist, insbesondere von einer aus der Tagmokratie geflohenen Grenzenlosen! Aber ja – so, wie du es vermutlich meinst, ist alles in Ordnung mit mir.“

Nach dem Essen besuchten sie wieder gemeinsam Ludwig, dessen Zustand unverändert war. Hartmut und Bikkapuna gingen dann mit Rogo zurück zum Turm, während Mai-shin, Johann und – zu Auroras und Tirvos Überraschung – auch Marianne bei ihnen blieben.

„Was soll ich im Turm schon machen?“, fragte das Menschenmädchen. „Tideline hält sich fern, jetzt wo Hartmut wieder da ist, Bikkapuna sitzt eh die ganze Zeit nur trübselig irgendwo herum oder redet dummes Zeug, und meine Katzenfreunde möchten nicht in die Nähe von Rogo kommen. Da begleite ich euch doch lieber auf eurem Spaziergang.“

„Wir gehen nicht wirklich spazieren, Marianne“, begann Aurora, doch diese fiel ihr ins Wort.

„Jaja, schon klar, wir begleiten Tirvo auf der Suche nach seinem fehlenden bürgerlichen Mitgefühl. Ich bin im Bild.“

Eine unglückliche Redewendung, dachte Aurora und rückte Johanns Bilderköcher, den sie wie zuletzt immer um ihre Schulter geschnallt trug, zurecht. Sie schielte zu Tirvo hinüber, um zu sehen, wie dieser auf Mariannes Provokation reagierte, aber der ließ sich nichts anmerken. Gefühle zu zeigen ist ja tatsächlich nicht gerade seine Stärke.

Am Hafen angekommen, benötigten sie nicht lange, um jemanden zu finden, der ihnen sagen konnte, wo das Boot von Piet und Ebbe lag. Es wunderte sich auch niemand darüber, dass sie nach den beiden fragten, oder sie verbargen es zumindest – gegenüber einer Gruppe von fünf Grenzenlosen zeigten sich die Leute vermutlich lieber höflich und zuvorkommend.

Die beiden Fischer nahmen gerade ein spätes Frühstück zu sich, während sie sich eine Flasche Wein teilten. Einige Möwen umkreisten sie, und ab und zu warfen sie ihnen einen Krumen Brot zu.

Auf Johanns Vorschlag hin blieben die übrigen Schüler zurück, und nur Aurora und Tirvo näherten sich dem Boot.

„Hallo – seid ihr Piet und Ebbe?“, rief der Junge die beiden an.

„Das sind wir, Junge“, bestätigte einer der beiden.

„Guten Tag – das ist Aurora Yirell, und ich bin Tirvo Banrus. Wir sind Grenzenlose und…“

„Und ihr wollt uns Fragen zu dem armen Mädchen stellen, das ins Wasser gegangen ist? Nun guckt nicht so verdutzt, ihr seid schließlich nicht die Ersten. Kommt einfach an Bord!“

Sie folgten der Aufforderung. Noch bevor sie eine Frage stellen konnten, begannen die beiden bereits abwechselnd zu erzählen – derjenige, der die Weinflasche hielt, nickte immer zustimmend, bis der andere sie ihm aus der Hand nahm und ihn so zum Weitererzählen nötigte. Die Geschichte, die sie zu hören bekamen, unterschied sich nicht von dem, was Tirvo bereits gestern von den Jugendlichen erfahren hatte, lediglich ausgeschmückt durch eine Vielzahl von Details zu den Meeresströmungen in der Gegend und zu dem Fang, den die beiden gestern eingebracht hatten. Tirvo hörte sehr interessiert zu, aber Aurora verstand kaum ein Wort davon.

„So – habt ihr noch irgendwelche Fragen?“, schloss Piet ihre Erzählung nach einer knappen Viertelstunde ab.

Zögernd schüttelte Tirvo den Kopf. „Nein, vielen Dank – das war wirklich sehr ausführlich.“ Sie wünschten den beiden Fischern noch einen guten Morgen und begaben sich von Bord.

***

„Und?“, fragte Mai-shin. „Was habt ihr herausgefunden?“

„Nichts Neues“, seufzte Tirvo. „Es war alles sehr schlüssig.“

„Ich glaube ihnen aber nicht“, stieß Aurora hervor. „Das wirkte alles so … einstudiert, und sie haben sich endlos mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten aufgehalten – um von den eigentlichen Geschehnissen abzulenken, denke ich. Außerdem haben sie uns überhaupt nicht gefragt, warum wir uns für diese Sache interessieren.“

„Soso“, lächelte Mai-shin. „Wenn ihre Geschichte sogar dir merkwürdig vorkommt, dann muss damit wohl wirklich etwas faul sein.“

Was sollte das denn heißen?, wunderte die Elbin sich. Laut sagte sie: „Aber was sollen wir machen? Wir können sie schließlich nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen.“

„Stimmt“, pflichtete die Lashani ihr bei. „Aber ich denke, das wird auch nicht nötig sein.“ Sie wehrte die Fragen der anderen mit einer Handbewegung ab. „Lasst uns einfach noch ein wenig sitzen bleiben, in Ordnung? Danach werden wir weitersehen.“

Gehorsam setzten sie sich neben sie, auch wenn Marianne ihnen erstaunte Blicke zuwarf.

Mai-shin weiß schon, was sie tut, dachte Aurora. Sie registrierte mit nur leiser Überraschung, wie selbstverständlich sie die Führerrolle des ostfernländischen Mädchens bereits akzeptierte, und dass auch Tirvo und Johann sich ihren Anweisungen ohne zu murren fügten.

Nach einigen Minuten stand Mai-shin dann auf. „Folgt mir“, sagte sie, und gemeinsam gingen sie erneut auf das Boot der beiden Fischer zu. Als sie nur noch ein Dutzend Meter entfernt waren, blieb Mai-shin kurz stehen und streckte ihre Arme aus. Zwei Möwen, die vorher auf der Reling gesessen hatten, flatterten zu ihr herüber und landeten auf ihren Unterarmen.

„Nein, so was“, murmelte Mai-shin in durchaus deutlich vernehmbarer Lautstärke, als sie weiter ging. „Tatsächlich? Das ist ja interessant!“ Unaufgefordert betrat sie das Boot. Die beiden Fischer sahen sie verdutzt an.

„Hallo“, begrüßte die Lashani sie mit einem strahlenden Lächeln. Die Vögel auf ihren Armen schlugen ein wenig mit den Flügeln, blieben aber sitzen. „Mein Name ist Mai-shin. Ich bin eine Grenzenlose, und meine Gabe sind Vögel. Ich habe gerade diese beiden Möwen gebeten, euch zu belauschen – und ihr könnt euch gewiss denken, was sie mir erzählt haben! Eine minderjährige Vollbürgerin! Was habt ihr euch dabei bloß gedacht? Was wohl ein Richter dazu sagen würde?“

Ich denke, Vögel können keine menschlichen Gespräche verstehen?, wunderte sich Aurora – und dann begriff sie, und für einen Augenblick blieb ihr der Mund offen stehen. Mai-shin lügt! Sie blufft nur!

Fasziniert beobachtete sie, wie die Fischer bleich wurden und zu stottern anfingen. Energisch schnitt Mai-shin ihnen das Wort ab. „Wie euch gewiss bekannt ist, handeln wir als Grenzenlose ausschließlich im Namen der Anstalt. Wir müssen diese Angelegenheit also nicht vor einen Richter bringen, falls wir sie auf andere Weise zufriedenstellend klären können.“

„Aber wir haben ihr doch nichts getan! Wir haben ihr doch nur geholfen!“, stieß Piet hervor.

„Ihr habt einer Sechzehnjährigen geholfen, sich ihren Eltern zu entziehen“, erwiderte Mai-shin im selbstverständlichen Tonfall desjenigen, dem dieser Fakt bereits vorher bekannt gewesen war. Aurora bewunderte sie immer mehr.

„Ja…. aber…“, versuchte Ebbe zu protestieren.

„Und natürlich habt ihr dafür die Büttel angelogen. Oh, und ganz leer werdet ihr dabei wohl auch nicht ausgegangen sein!“

Die beiden Fischer sahen zu Boden. „Sie wollte doch nur von zu Hause fort“, sagte Ebbe leise. „Ich kann das gut verstehen.“

„Wo habt ihr sie hingebracht?“, fragte Tirvo.

„Nach Möwenbucht – das liegt etwa dreißig Meilen nördlich von hier.“

„Soso.“ Mai-shin sah die beiden mit strengem Blick an. „Dann schlage ich vor, dass ihr uns ebenfalls dorthin bringt, damit wir uns davon überzeugen können, dass das Mädchen noch am Leben ist, und dass es ihr gut geht. In diesem Fall können wir diese Angelegenheit vielleicht für uns behalten.“

Die beiden Fischer nickten eifrig.

Mai-shin – du bist einfach fantastisch!, dachte Aurora.

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Veröffentlicht on Januar 18, 2012 at 3:02 pm  Schreibe einen Kommentar  

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