Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 78

*** Gemeinheiten ***

„Geht es wieder?“, fragte Tirvo, nachdem Marianne neben der Reling zu Boden gesunken war und sich mit einem Tuch den Mund abgewischt hatte.

Das Mädchen nickte schwach. „Ja, danke – ich denke, ich habe jetzt auch nichts mehr in mir. Es wäre trotzdem schön, wenn sich das Meer ein wenig beruhigen würde.“

Es ist beinahe windstill!, dachte Tirvo. Wenn schon, wird der Wellengang zum Abend hin ein wenig rauer. Laut sagte er: „Es ist nur eine Frage der Gewohnheit. Du warst vorher noch nie auf dem Meer, vermute ich?“

Marianne setzte zu einem Kopfschütteln an, hielt aber sofort inne und führte das Tuch wieder an ihren Mund. „Nein. Ich habe mein Leben im Waisenhaus verbracht, bevor ich euch kennen lernte.“

Tirvo konnte sich das kaum vorstellen – in einer Hafenstadt zu leben und niemals das Meer befahren zu haben! Andererseits glaubte er gerne, dass Thelunia Pymithiel niemals auf die Idee gekommen wäre, die ihr anvertrauten Kinder auf einen Bootsausflug mitzunehmen. „Wieso bist du eigentlich mitgekommen?“, fragte er.

„Ich dachte, du brauchst vielleicht Hilfe – jemanden, der sich bei den Katzen in Möwenbucht umhören kann, zum Beispiel. Wenn wir dort ankommen, ist es doch schon bald Katzenzeit, oder?“

Tirvo nickte. „Ja. Ich hätte nur nicht gedacht, dass du mir helfen wolltest. Du… Ich hatte den Eindruck, dass du mir eher böse warst.“

Marianne richtete sich ein wenig auf. „Aber wie dieses Mädchen sich verhalten hat, das ist ja nun echt das Letzte! Lässt alle ihre Freunde, ihre Mutter und ihren Verlobten denken, sie sei tot – und dich, dass du an ihrem Tod schuld seist! So eine Gemeinheit!“

Sie musste kurz würgen und hielt sich den Magen. „Naja. Letztlich hattet ihr beide einander wohl verdient.“

Tirvo antwortete nicht, sondern sah auf das Meer hinaus.

***

„Wir nehmen dann alle das Schatzmenü – wir haben gehört, das soll besonders gut sein!“ Johanns Mutter, Belinda Turecht, lächelte der menschliche Bedienung zu, die an ihren Tisch getreten war, um ihre Bestellung aufzunehmen. Die junge Frau erwiderte das Lächeln, deutete einen Knicks an, sammelte die aufwändig kalligraphierten, ledergebundenen Speisekarten wieder ein und ging in Richtung Küche.

„Johann hat es uns empfohlen“, sagte Barbara, dessen ältere, erst zu Beginn des Jahres volljährig gewordene Schwester, während sie sich Aurora zuwandte. „Er hat es wohl bereits einmal probiert – gewiss war er mit dir hier gewesen?“

Mit einem ein wenig verkrampftem Lächeln schüttelte Aurora den Kopf. „Nein“, antwortete sie ohne nähere Erklärung. Er war mit Mai-shin hier gewesen – was für ein furchtbarer Abend dies doch für das arme, hoffnungslos verliebte Mädchen gewesen sein musste!

Sie ergriff Johanns Hand, welche dieser ihr unter dem Tisch entgegen streckte. Sie fühlte sich ein wenig unwohl – merkwürdig eigentlich, wenn man bedachte, dass sie in Urland bereits an Dutzenden Empfängen teilgenommen hatte. Allerdings war Arkheim so völlig anders als die Tagmokratie, und im Gegensatz zu früher, als es für sie im Wesentlichen darauf ankam, die Etikette zu beachten, und wo die meisten anderen Gäste befürchteten, sich in ihrer Gegenwart (naja, hauptsächlich der ihres Vaters) falsch zu benehmen, hatte sie diesmal ein besonderes Interesse daran, auf Johanns Familie einen guten Eindruck zu machen.

Die Elbin sah sich – langsam, wie es ihr beigebracht worden war, und mit einem Lächeln, welches es jedem Bürger, der ihren Blick kreuzte, ermöglichte, es auf sich zu beziehen – am Tisch um.

Da war Johanns Vater Reiner zu ihrer Linken. Im Gegensatz zu den weiblichen Mitgliedern seiner Familie sprach er nur wenig. Er saß, weit zurückgelehnt, in seinem Stuhl, ein etwas abwesendes Lächeln auf seinen Lippen, den rechten Ellenbogen auf die Stuhllehne gestützt, die Hand auf seinem Bauch, mit dem Zeigefinger auf der vergoldeten Kette seiner Taschenuhr. Ebenso wie sein Sohn war er blond, jedoch in einem leicht dunkleren Ton, und sein Haaransatz hatte sich bereits deutlich erkennbar zurückgezogen.

Aurora und Johann gegenüber saß Barbara. Sie trug ein elegantes, recht tief ausgeschnittenes Kleid, das mit Hilfe eines schneiderischen Kniffs ihre nicht übermäßig großen Brüste sehr vorteilhaft zur Geltung brachte. Ihre langen, blonden Haare waren mit Hilfe eines halben Dutzends Haarnadeln zu einer aufwändigen Frisur zusammengesteckt. Sie sah die meiste Zeit die junge Elbin an – mit einem, wie Aurora fand, leicht spöttischen Lächeln.

An Johanns rechter Seite schließlich saß seine Mutter, die keine Gelegenheit verstreichen ließ, ihrem Sohn durch die Haare zu fahren, seine Wange zu tätscheln oder seine (durchaus tadellos sitzende) Kleidung zurecht zu zupfen, was dieser klaglos über sich ergehen ließ. Sie bestritt den Großteil der Unterhaltung, wobei sie in geradezu hektischer Weise von einem zum anderen blickte um sicherzustellen, dass auch wirklich alle in das Gespräch eingebunden waren. Ihre rötlich getönten Haare trug sie in einer vermutlich sehr modischen, in Auroras Augen jedoch schlicht missglückten asymmetrischen Kurzhaarfrisur.

Immerhin leben seine Eltern noch, dachte Aurora und fasste Johanns Hand ein wenig fester.

„Wir sind ja unglaublich stolz auf unseren Johann“, sagte seine Mutter gerade, nicht ohne diese Bemerkung mit einem weiteren Durch-Die-Haare-Fahren zu unterstreichen. „Natürlich ist es nie einfach für Eltern, wenn sie hören, dass ihr Kind grenzenlos ist – aber was für eine wundervolle Gabe er doch besitzt! Jedes Mal, wenn ich eines seiner Gemälde sehe, möchte ich weinen!“

In einem Reflex tastete Aurora mit den Füßen nach dem Köcher, den sie unter ihren Stuhl gelegt hatte. „Er malt wirklich wunderschöne Bilder“, sagte sie.

„Ja, er hatte schon immer einen Sinn für das Schöne“, mischte sich ausnahmsweise sein Vater in das Gespräch ein. „Als er uns sagte, dass er jetzt eine kleine Freundin habe“ – Johann zuckte kurz zusammen – „da habe ich natürlich sofort mit einem hübschen Mädchen gerechnet – aber gleich eine Elbin!“

„Dabei war er früher selbst ein halbes Mädchen, nicht wahr?“ Barbara beugte sich ein wenig zu ihrem Bruder vor. „Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich dich in meinem Zimmer dabei ertappt habe, wie du meine Schminksachen ausprobiert hast!“

„Da war ich zehn Jahre alt, Barbara“, entgegnete Johann ein wenig gepresst.

„Richtig – das war doch, als du gerade Myliel kennengelernt hattest, dieses Grünelbenmädchen, nicht wahr? Du wolltest dich für sie hübsch machen.“ Erneut begleitete Johanns Mutter ihre Worte mit einem Griff nach seinen Haaren, aber diesmal wich er ihr aus.

„Ich war zehn Jahre alt“, wiederholte er, ein wenig nachdrücklicher diesmal.

„Sie müssen wissen“, fuhr seine Mutter, ohne ihn zu beachten, an Aurora gerichtet fort, „dass er schon immer eine Schwäche für Elbinnen hatte. Als er noch im Kinderalter war, entdeckten wir sein zeichnerisches Talent und engagierten eine elbische Lehrerin, um ihm Unterricht zu geben – Tiana hieß sie, nicht wahr?“

„Mutter!“, stieß Johann bittend hervor, doch jetzt ergriff seine Schwester wieder das Wort:

„Natürlich – Tiana, die unvergleichlich schöne, zauberhafte, engelsgleiche Tiana! Erinnerst du dich noch an das Gedicht, das du ihr damals geschrieben hast?“

Ihr Bruder schüttelte verzweifelt den Kopf.

„Ja, diese Tiana hatte ihm damals mächtig den Kopf verdreht.“ Seine Mutter war nun wieder an der Reihe. „Aber das war ja gar nichts gegen diese Geschichte mit Myliel! Dabei war sie selbst umgerechnet einige Jahre älter als er.“

„Ich denke, sie hat sich überhaupt nur aus Mitleid mit ihm abgegeben“, sagte Barbara. „Und der kleine Johann dachte, er sei verliebt!“

Aurora spürte, wie Johann ihr seine Hand entzog. Sie sah zu ihm hinüber – sein Gesicht war bleich, und seine Lippen zitterten. Auf seiner Stirn hatte sich eine Schweißperle gebildet, obwohl die Temperatur in in der Sommertagsklause sehr angenehm war.

„Nun ja, er war schließlich noch jung“, sagte diesmal seine Mutter gönnerhaft. „Aber jetzt ist er ja ein Grenzenloser und Schüler der Anstalt, und diesmal ist es gewiss etwas Ernstes, nicht wahr?“

Johann stand auf. „Entschuldigt mich bitte für ein paar Minuten“, sagte er.

Aurora folgte ihm mit ihrem Blick. Sie sah, wie er im Vorbeigehen einen Blumenstrauß aus der Vase eines unbesetzten Tisches nahm, sich der Kellnerin näherte, sie an die Hand nahm und die überraschte Menschenfrau durch eine Seitentür hinaus auf die Straße zog.

Seine Familie bemerkte nichts davon. Das Gespräch konzentrierte sich jetzt auf sie.

„Und Sie stammen also aus der Tagmokratie?“, fragte Johanns Vater gerade.

Ihre guten Manieren vergessend, nickte Aurora nur. Was tat Johann da? Das war jetzt doch wohl nicht sein Ernst!

„Wie interessant!“, strahlte Belinda Turecht. „Es heißt ja, dass Urland von den Elben regiert würde! Was tun denn Ihre Eltern so?“

Einen Augenblick lang sah Aurora sie ungläubig an. Dann holte sie tief Luft.

„Mein Vater ist von der Inquisition als Ketzer verurteilt, enthauptet und verbrannt worden. Meine Mutter hat sich das Leben genommen, um diesem Schicksal zu entgehen. Ich wurde von einem Arkheimer Kaperer davor bewahrt, in Wildland bis zu meinem Tod als Sklavin zu arbeiten.“

Plötzlich war es still am Tisch.

Wenige Minuten später kehrte Johann zurück. Mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln griff er nach Auroras Hand, doch die Elbin entzog sie ihm.

***

In der Abenddämmerung erreichten sie Möwenbucht. Sich den Leib haltend, stolperte Marianne als Erste von Bord. „Den Engeln sei Dank“, murmelte sie.

Mai-shin erteilte den beiden Fischern Anweisungen. „Wir werden die Nacht in einem Gasthaus in Möwenbucht verbringen. Ihr könnt auf Fischfang ausfahren, wenn ihr wollt, aber morgen früh bei Sonnenaufgang erwarten wir euch hier zurück, um uns zurückzubringen, falls wir das möchten.“ Dann ging auch sie zusammen mit Tirvo von Bord.

Möwenbucht war ein nur kleiner Ort, kaum mehr als ein Dorf. Das mit Abstand größte Gebäude war die Kutschstation. Offenbar endete hier die von Kaperstadt kommende Strecke, und wer mit der Kutsche weiter nach Norden fahren wollte, musste in eine andere Linie umsteigen.

Deswegen wollte Pia hierher, dachte Tirvo. Die Kutscher, welche die Strecke nach Kaperstadt befahren, hätten sie erkennen können, und ein Schiffskapitän hätte ein minderjähriges Mädchen nicht mitgenommen. Von hier aus wollte sie dann vermutlich mit der anderen Kutschlinie weiter nach Norden fahren.

Mai-shin steuerte zielstrebig auf das gegenüber der Kutschstation befindliche Gasthaus zu, und die beiden anderen Schüler folgten ihr. Sie bemerkten sofort, an den Geräuschen ebenso wie an den Gerüchen, dass der Schankraum bis zum Platzen gefüllt war, und dass sein Publikum wohl nicht gerade zur Arkheimer Oberschicht gehörte. Das Lashanimädchen stieß energisch die Schwingtür auf, sah sich kurz um und ging dann zu einem vollbesetzten Ecktisch. Die darum sitzenden Menschenmänner sahen zu ihr auf.

„Was dagegen, wenn wir uns dazu setzen?“, fragte Mai-shin mit ihrem süßesten Lächeln. „Wir sind drei Grenzenlose, haben einen absolut beschissenen Tag hinter uns und sind so richtig mies drauf.“ Sie fuhr einem der Männer beiläufig mit den Fingern durch dessen fettige Haare, als sie dies sagte. Dieser zuckte zurück, stand stolpernd auf, griff nach seinem Bierkrug und verließ eilig den Tisch. Die übrigen Männer taten es ihm rasch nach.

Mai-shin setzte sich auf einen der frei gewordenen Stühle. „Es scheint, hier in Möwenbucht sind sie an den Umgang mit Grenzenlosen nicht so gewöhnt wie in Kaperstadt.“

Marianne starrte sie an. Tirvo zuckte mit den Achseln und setzte sich zu Mai-shin.

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Veröffentlicht on Januar 23, 2012 at 6:41 pm  Schreibe einen Kommentar  

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