Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 79

*** Zwiegespräche ***

Nachdem sie etwas mehr als die Hälfte der Strecke zurück zum Turm zurückgelegt hatten, brach Johann schließlich das Schweigen.

„Aurora…“

Er griff nach ihrem Arm, doch sie wich ihm aus.

„Es tut mir leid, dass es so ein furchtbarer Abend geworden ist“, sagte der Menschenjunge. „Meine Familie kommt, fürchte ich, einfach nicht damit klar, dass ich grenzenlos bin und deswegen jetzt schon mein eigenes Leben führe.“

Aurora ging weiterhin stumm neben ihm her. Johann versuchte es erneut:

„Aber du weißt doch sicher, dass ich es mit dir ernst meine? Ich bin schließlich kein Kind mehr! Diese ganzen Geschichten von früher… du darfst nicht denken, dass das irgendetwas mit uns zu tun hätte!“

„Natürlich. Und die Kellnerin aus der Sommertagsklause, die hatte auch nichts mit uns zu tun – schon klar“, versetzte die Elbin zornig.

Johann blinzelte. „Die? Aber Aurora, du weißt doch… ich meine… das war doch nur…“

„Jaja – ich weiß schon! Aber hast du das etwa für den geeigneten Augenblick gehalten? Anstatt mit mir gemeinsam dieses unangenehme Gespräch durchzustehen, lässt du mich einfach mit deiner Familie alleine und gestehst einer anderen Frau deine Liebe?“

Johann senkte den Kopf. „Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten… es tut mir leid.“

Wieder gingen sie schweigend nebeneinander her. Nach einigen Minuten bot die Elbin dem Jungen dann doch ihre Hand, welche dieser dankbar ergriff.

„Du hast es ja auch nicht leicht mit deiner Familie“, murmelte sie.

Einen Augenblick lang blieb Johann still. Dann erwiderte er: „Vielleicht… Aber wenn ich meine Situation mit deiner vergleiche, bin ich einfach nur froh, dass sie noch am Leben sind.“

Erneut stockte ihr Gespräch, bis sie schließlich den Turm erreichten. Vor dessen Eingangstür lag Rogo, seinen Kopf auf dem Boden zwischen seinen Vorderpfoten. Sie grüßten ihn, aber er reagierte nicht.

„Hör mal…“, begann Aurora zögernd. „Ich verstehe ja, dass du ebenso wie ich ab und zu… Urlaub machen musst… und dass du dafür manchmal auch jemand anderen benötigst. Aber ich will davon nichts mitkriegen, verstehst du? Das ist einfach nichts, was eine Frau wissen will. Versprich mir das!“

Johann antwortete mit einem bedächtigen Nicken. „Natürlich, Aurora. Ich verspreche es dir.“

Sie gingen gemeinsam die Treppe hoch. Dann verabschiedete sich die Elbin mit einem flüchtigen Kuss von ihrem Freund, und sie begaben sich in ihren Zimmern zu Bett.

***

Sie saßen noch keine dreißig Sekunden an ihrem Tisch, als Marianne sich auch schon mit zwei Katzen unterhielt, welche neugierig ihren Platz auf einem Fensterbrett aufgegeben hatten, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Offenbar ist dieses Gasthaus Katzenland, erkannte Tirvo, oder zumindest sind seine Besitzer Katzenfreunde, denn eigentlich ist ja noch eine Stunde Hundezeit.

„Was meint ihr – soll ich sie um Hilfe bitten?“, fragte Marianne. Tirvo sah Mai-shin an, und Marianne folgte seinem Blick. Die Lashani schüttelte kurz den Kopf. „Ich denke, das wird nicht nötig sein.“ Sie zeigte in die Mitte des Raums. Dort jonglierte eine junge, weibliche Bedienung ungeschickt mit einem vollgestellten Holztablett, während sie weitgehend erfolglos den Händen einiger Männer auszuweichen versuchte, deren Ziel ihre Brüste und ihre Schürze waren. Von allen Seiten riefen ihr männliche Gäste ihre Wünsche zu, die nicht immer mit dem Getränke- und Speisenangebot der Wirtschaft zu tun hatten.

Pia.

„Was zur Hölle tut sie da?“

Weder Mai-shin noch Marianne würdigten Tirvos Frage einer Antwort. Es war offensichtlich, was Pia tat – sein Ausruf war auch weniger eine Frage als vielmehr ein Zeichen seiner Verwunderung gewesen.

Pia war eines von nur zwei Mädchen, die in dem rammelvollen Schankraum kellnerten, und der Tisch der Grenzenlosen befand sich wohl in der Hälfte, für die sie zuständig war, daher warteten sie einfach ab. Es dauerte beinahe zehn Minuten, bis Pia sich schließlich zu ihnen vorgearbeitet hatte.

„Was darf es sein?“, fragte sie in gepresstem, abgestumpftem Tonfall, ohne von dem kleinen Notizblock in ihrer Hand aufzuschauen.

Sie antworteten nicht, und nach einigen Sekunden nahm Pia nun doch den Kopf hoch und sah sie an. Als sie Tirvo erblickte, stieß sie einen kleinen Schrei aus und geriet ins Schwanken. Alle drei Schüler waren geistesgegenwärtig genug, nach ihrem Tablett zu greifen und so zu verhindern, dass es zu Boden fiel.

„Pia.“ Tirvo stellte fest, dass er sich gar keine Gedanken darüber gemacht hatte, was er zu ihr sagen wollte. „Ich denke, wir sollten reden.“

„Nicht jetzt… nach meiner Schicht. Sie endet um zwei.“ Sie sah ihn flehend an. „Bitte.“

„In Ordnung“, antwortete Tirvo.

„Wollt ihr etwas trinken?“, fragte Pia. „…auf meine Rechnung“, fügte sie rasch hinzu.

„Nicht nötig, wir haben genug Geld“, entgegnete Mai-shin, und auch Tirvo schüttelte den Kopf.

„Habt ihr Brause?“, fragte Marianne

Pia verneinte das. „Nur Bier und billigen Wein.“

„Sie haben bestimmt Milch“, vermutete Mai-shin mit einem Seitenblick zu den beiden Katzen, die auf ihrem Tisch saßen, und diese bestätigten das durch Kopfnicken.

„Dann bitte einen Becher – für dich auch, Mai-shin? – zwei Becher und zwei Schalen warme Milch“, bestellte Marianne. „Was ist mit dir, Tirvo?“

„Einen Krug frisches Wasser, bitte“, antwortete dieser.

Pia nickte kurz, drehte sich rasch um und verschwand wieder im Gedränge des Schankraums.

Mai-shin stand auf. „Wir werden ein Zimmer für die Nacht benötigen. Ich kümmere mich darum.“

Sie schritt geradewegs auf den Tresen zu, und ganz anders als bei Pia, die sich immer inmitten eines Gewühls grapschender Hände und einer Wolke unanständiger Bemerkungen befand, machten die Kneipenbesucher ihr bereitwillig den Weg frei, sprachen sie nicht an und vermieden ihren Blick.

„Sie hat sich sehr verändert in den letzten Wochen“, sagte Marianne. Tirvo nickte nur.

***

Der halbvolle Mond beschien bleich den leeren Strand. Eine Steinwurfweite entfernt schaukelte das Boot von Piet und Ebbe auf den Wellen. Darauf schliefen die Fischer gewiss bereits.

Nachdem sie ihre Getränke geleert hatten, hatten die drei Schüler sich getrennt – Marianne war mit den beiden Katzen auf ihr Zimmer gegangen, um sich mit ihnen dort weiter zu unterhalten; Mai-shin hatte sich ebenfalls auf die Suche nach nichtbürgerlichen Gesprächspartnern begeben und saß jetzt vermutlich irgendwo mit einer Eule auf der Schulter im nahen Wald; und Tirvo war natürlich zum Strand hinunter gegangen, um noch ein bisschen zu schwimmen, und ließ nun von einem flachen Felsen seine Beine ins Wasser baumeln.

Auch von hier aus hatte er bemerken können, dass das Gasthaus zu fortgeschrittener Stunde keineswegs weniger besucht war – das Publikum hatte sich lediglich von einfachen Arbeitern und Handwerkern hin zu Fischern, die von ihrer abendlichen Ausfahrt zurückkehrten, gewandelt. Erst weit nach Mitternacht wurde es dort leerer und leiser.

Tirvo wartete. Als sie zahlten, hatte er mit Pia ausgemacht, dass sie zum Strand kommen solle. Jetzt musste es eigentlich bald so weit sein.

„Tirvo?“

Er sah sich um. Über dem leisen Plätschern der Wellen hatte er das Geräusch ihrer nackten Füße im Sand nicht gehört. Sie trug immer noch die selben Sachen, mit denen sie in der Wirtschaft die Gäste bedient hatte. Nur die Schürze hatte sie abgelegt. Sie wirkte völlig erschöpft. Wie lang war ihre Schicht eigentlich gewesen?

Er rückte ein Stück zur Seite, und sie setzte sich zu ihm auf den Felsen, ihre Füße ebenfalls in das Wasser streckend.

„Erzähl“, sagte er.

Sie gehorchte. Sie berichtete ihm davon, wie eingeengt sie sich in ihrem Elternhaus schon immer gefühlt hatte, und wie viel stärker dieses Gefühl geworden war, nachdem ihr Vater starb und ihre Mutter mit Drumi zusammenkam. Dass sie sich mit Bruno, dem Sohn eines reichen Kaperstädter Krämers, nur deswegen verlobt hatte, weil ihr dies als die einzige Möglichkeit erschien, ihrem vorgezeichneten Leben zu entfliehen, das ansonsten in einer Schneiderlehre und dem Fortführen des Geschäfts ihrer Mutter bestanden hätte. Dass ihr die Begegnung mit Tirvo und die Folgen, die sich daraus ergeben hatten, jedoch die Augen geöffnet hatten, dass sie lediglich im Begriff war, eine Art der Gefangenschaft gegen eine andere einzutauschen, und dass sie deswegen nach einem Weg gesucht hatte, einen Neuanfang zu machen. Dass sie sich nicht in der Lage gesehen hatte, diesen Weg gegen den Widerstand ihrer Mutter und Brunos zu gehen, und dass sie deswegen beschlossen hatte, ihren Tod vorzutäuschen. Dass sie ihre geringen Ersparnisse Piet und Ebbe gegeben hatte, um diese zu überreden, ihr dabei behilflich zu sein und sie nach Möwenbucht zu bringen, wo sie sich irgendwie Geld für die Fahrt mit der Kutsche weiter nach Norden, am besten bis zur Stadt Arkheim, verdienen wollte. Dass sie deswegen in diesem Gasthaus für einen geringen Lohn und ein wenig mehr Trinkgeld arbeitete und sich die Anzüglichkeiten und Annäherungen der Gäste gefallen ließ.

Tirvo hörte ihr zu, ohne sie mit Nachfragen zu unterbrechen – sie sagte eigentlich im Wesentlichen nur das, was er sich unterdessen auch bereits alleine zusammengereimt hatte. Mai-shin hat es gewiss bereits viel früher gewusst, dachte er.

„Es tut mir wirklich leid, dass du denken musstest, du wärst an meinem Tod schuld“, schloss sie. „Aber andererseits scheinst du es ja auch nicht wirklich geglaubt zu haben, sonst hättest du mich ja nicht gesucht.“

Tirvo antwortete nichts. Er blickte auf den Ozean hinaus.

„Aber Bruno glaubt doch, dass ich tot bin, oder?“ In ihrer Stimme schwang Angst mit.

„Bruno lebt nicht mehr“, antwortete Tirvo. „Er griff mit ein paar Kumpeln den Turm an, weil er mich für deinen Tod verantwortlich machte, und ich habe ihn in Notwehr erstochen.“

Pia keuchte. „Nein! Wie furchtbar! Und es ist alle meine Schuld!“

Wieder entgegnete Tirvo nichts. Nach einigen Sekunden fragte er: „Und was ist mit deiner Mutter? Soll sie weiterhin glauben, dass ihr einziges Kind tot ist?“

„Nein – nein! Nicht lange jedenfalls. Ich werde Ende des Jahres doch volljährig, dann schreibe ich ihr. Aus Arkheim, denke ich. Vielleicht kann ich mich dort einer Schauspieltruppe anschließen. Es sind doch nur noch wenige Monate, dann kann ich allein über mein Leben bestimmen – aber ich glaube nicht, dass ich die Kraft finde, noch einmal fortzugehen. Und Brunos Familie wird gewiss sehr wütend auf mich sein! Bitte, verrate mich nicht!“

Tirvo dachte an seine Familie, die ihn bei der Verhandlung auf dem Platz der Gerechtigkeit beschuldigt und beschimpft hatte. „Deine Sache“, sagte er. „Ich werde dich nicht verraten, und ich denke, die anderen auch nicht. Aber gut, dass ich jetzt Bescheid weiß.“

„Danke sehr“, flüsterte Pia. Sie lehnte sich an ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann stand sie auf. „Schläfst du im Gasthaus?“

Tirvo schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube, ich bleibe am Strand. Es ist eine warme Nacht, und Mai-shin sagte, das Zimmer sei klein, schmutzig und selbst die paar Kreuzer, die es kostet, nicht wert.“

„Ich denke, sie hat Recht“, antwortete Pia leise. „Vielleicht bleibe ich auch hier – ich denke, ich bin zu müde für den Rückweg.“

Sie suchten sich eine weiche Stelle, wo sie ihre Köpfe ein wenig erhöht legen konnten. Pia kuschelte sich an ihn und schlief beinahe sofort ein. Tirvo lag noch eine Weile wach und lauschte den Wellen. Der Puls des Meeres, dachte er. Ohne Überraschung stellte er fest, dass sein eigener Herzschlag diesem Rhythmus folgte – natürlich um ein Vielfaches schneller, aber darauf abgestimmt. Die Nähe des Wassers spürend, schloss auch er irgendwann seine Augen.

zum nächsten Kapitel
Zur Kapitelübersicht
Veröffentlicht on Januar 28, 2012 at 4:15 am  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s