Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 8

*** Vogelfrei ***

Tirvo war der erste, der wieder zu sich kam. Seine Beine, seine Arme, sowie der größte Teil seines Kopfes befanden sich unter der Wasserlinie, jedoch schien er nichts von dem salzigen Wasser geschluckt zu haben. Sein Körper war von den Misshandlungen der letzten Tage zerschunden und geschwächt, und doch fühlte Tirvo sich besser – alles in allem zwar immer noch reichlich mies, aber deutlich frischer und erholter als seit langem. War etwa das Meer dafür verantwortlich?

Er bemerkte, dass Auroras Kopf auf seinem Rücken lag, und dass sie ihre rechte Hand zwischen seinen Körper und den Balken, auf dem sie lagen, geklemmt hatte – auf diese Weise war die junge Elbin während ihrer Bewusstlosigkeit nicht ins Wasser gerutscht. Vorsichtig befreite er sich von ihr, wobei er sorgfältig darauf achtete, dass sie nicht das Gleichgewicht verlor. Jetzt schlug auch sie die Augen auf.

Sie trieben in einer ruhigen See. Leichter Regen fiel auf sie herab. Die Luft erschien ihnen unvergleichlich frisch nach ihrer tagelangen Gefangenschaft unter Deck und dem beißenden Rauch des brennenden Schiffes. Tirvo sah, dass Aurora leicht zitterte. Er selbst jedoch fror nicht – auf eine unerklärliche Weise schien das Wasser ihn zu wärmen. Wasser ist mein Freund, dachte er – ein merkwürdiger, fremdartiger Gedanke, und doch hatte er das sichere Gefühl, sich damit einer für ihn bedeutsamen Wahrheit anzunähern.

Er setzte sich auf, um sich umzusehen, womit er den Balken und Aurora aus dem Gleichgewicht brachte, doch die Elbin reagierte gedankenschnell und geschickt und änderte ihre Position so, dass sie sich wieder in einer stabilen Lage befanden. Zum ersten Mal hatte Tirvo die Gelegenheit, ihre geschmeidigen, flüssigen Bewegungen wahrzunehmen.

Nicht allzu weit hinter ihnen stand eine große Rauchwolke in der Luft. Dort mussten sich die Überreste ihres Schiffes befinden. In der anderen Richtung jedoch, und kaum mehr als hundert Meter entfernt, trieb ein weiteres Schiff. Auf dessen Hauptsegel war ein großes A zu erkennen. An der Reling stand ein Dutzend Matrosen – Männer und Frauen, wie Tirvo verwundet feststellte – und sah zu ihnen herüber. Hinter einigen Schießscharten glaubte er weitere Gesichter zu erkennen, bärtige Gesichter – Zwerge?

„Was haben sie mit uns vor?“, fragte Aurora leise.

„Wie es aussieht, gar nichts“, antwortete er. Tatsächlich schien die Besatzung abzuwarten. Wenn es sich um fernländische Piraten handelte, war es vielleicht gut, dass sie sich nicht weiter um sie kümmerten – was anderes als Mord konnten sie im Sinn haben? Oder würden sie sie erneut versklaven? Andererseits – war es nicht noch schlimmer, unbeachtet zu bleiben und in den Weiten des Ozeans jämmerlich zu verrecken? Das Wasser mochte sein Freund sein, aber trinken konnten sie es trotzdem nicht, dazu war es zu salzig, und Essen bot es ihnen erst recht nicht. Und selbst wenn sie an eine Küste gespült würden – konnten sie annehmen, dass ihnen dort ein besseres Schicksal widerführe als an Bord jenes Schiffes?

Tirvo begann, laut zu rufen und zu winken. „Hallo! Bitte helft uns!“ Aurora fiel in sein Rufen ein. Am Verhalten der Seeleute änderte sich jedoch nichts – sie sahen weiterhin lediglich zu ihnen hinüber.

Plötzlich hatte Tirvo eine Idee. Zwischen seinen Fingern hielt er immer noch jenes merkwürdige Zeichen, welches der Matrose auf dem Schiff des Meerbundes ihm zusammen mit dem Schlüssel für ihre Ketten hatte zukommen lassen. Auch Aurora hielt ihres immer noch fest umklammert, vermutlich, ohne sich dessen bewusst zu sein. Langsam, um den Balken nicht erneut aus dem Gleichgewicht zu bringen, richtete er sich so weit wie möglich auf und bedeutete Aurora, es ihm gleich zu tun. Dann streckten sie die beiden Metallbänder den Piraten entgegen.

Er hatte kaum auf eine Reaktion gehofft. Das Ergebnis ihrer Handlung übertraf daher seine Erwartungen: Vielstimmiges Rufen drang zu ihnen herüber, und für einen Augenblick schien unter den Matrosen Verwirrung zu herrschen. Dann legten sie Armbrüste auf sie an. Tirvo und Aurora rührten sich nicht.

Kurz darauf bemerkten sie, dass das fernländische Schiff unter Benutzung seiner Ruder langsam auf sie zuzufahren begann. Sie verharrten weiter bewegungslos. Plötzlich schallte eine kräftige weibliche Stimme zu ihnen herüber:

„Wer ist euer Fürsprecher?“

Tirvo verstand die Frage nicht, und Aurora schien es nicht anders zu gehen. Sie schwiegen, und nach einigen Sekunden wurden sie mit der selben Frage erneut angerufen.

Diesmal antwortete Aurora. „Wir haben keinen Fürsprecher!“ Wieder hörten sie aufgeregte Stimmen. Tirvo glaubte, das Wort „vogelfrei“ herauszuhören. Was hatte dies zu bedeuten?

Das fremde Schiff hatte sich ihnen unterdessen bis auf ein Dutzend Meter genähert. Eine Strickleiter wurde herabgelassen. Erneut sprach die weibliche Stimme sie an:

„Paddelt herüber und klettert an Bord. Und keine Tricks! Wenn ihr irgendetwas versucht, erschießen wir euch sofort!“ Sie sprach die Wörter ein wenig merkwürdig aus – nicht so, als wenn die Gerechte Sprache nicht ihre Muttersprache wäre; lediglich anders, etwas gedehnt und ungewöhnlich betont. Eine Art Akzent, dachte Tirvo. Dann erst ging ihm der Sinn ihrer Worte vollends auf: Was für Tricks sollten zwei offensichtlich unbewaffnete, erschöpfte Schüler gegenüber einem voll besetzten Piratenschiff denn versuchen?

Auf einmal wusste er die Blicke der Seeleute richtig zu deuten. Sie hatten Angst vor ihnen – oder zumindest vor den Zeichen, die sie vorgezeigt hatten. Vor ihnen! Tirvo hätte es lächerlich gefunden, wenn ihre Situation nicht so gefährlich gewesen wäre.

Vorsichtig und jede hektische Bewegung vermeidend folgten sie den Anweisungen, die ihnen gegeben worden waren. Was blieb ihnen anderes übrig? Mit erheblicher Mühe erklommen sie die Strickleiter, jederzeit die Armbrüste gewahr, die auf sie gerichtet waren. Als sie schließlich das Deck betraten, bildeten die Seeleute einen Halbkreis um sie. Eine Frau trat vor. Obwohl ihre Tracht ihm fremd war, erkannte Tirvo, dass sie der Kapitän – die Kapitänin? – sein musste.

„Ihr seid Grenzenlose aus der Tagmokratie?“

Sie nickten nur.

„Woher habt Ihr eure Grenzenlosen Zeichen?“

„Wir waren Gefangene auf dem Schiff, das ihr versenkt habt. Als es in Brand geriet, hat sie uns ein Matrose heimlich gegeben und uns geholfen uns zu befreien“, antwortete Tirvo zögernd. Dann hielt er den Atem an. Würde man ihm glauben?

Die Kapitänin zog die Augenbrauen hoch. „Ihr habt Glück gehabt. Wie sind eure Namen?“

„Tirvo Banrus.“

„Aurora Yirell.“

Sie lächelte kurz. „Willkommen an Bord des Meerdrachen! Mein Name ist Gisela Grambein, und dieses Schiff fährt unter meinem Kommando. Ihr seid nun Gefangene der Arkheimer Flotte und werdet als vogelfreie Grenzenlose einem Fürsprecher der Anstalt zugeführt.“ Der Meister der Anstalt von Arkheim!, schoss es Tirvo durch den Kopf. Hatte ihr Retter das nicht zu ihm gesagt?

„Verhaltet euch anständig und befolgt alle Anweisungen, dann wird euch nichts geschehen. Stellt irgendetwas an, und wir werden euch ohne zu zögern töten. Habt ihr verstanden?“

Aurora und Tirvo bejahten. Sie waren sich nicht sicher, dass sie wirklich alles verstanden hatten – aber sie würden ganz gewiss nichts anstellen.

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Veröffentlicht on Dezember 25, 2010 at 6:47 pm  Schreibe einen Kommentar  

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