Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 81

Zwischenspiel – Mukoko

„Doch dies ist nicht dein Speer, Krieger; es ist ein Mukoko, und eines Tages wird sein Besitzer ihn von dir zurückfordern.“

Aus einer Arkheimer Sammlung wildländischer Volkserzählungen: „Das Mukoko“.

*** Etwas Besonderes ***

Der Affenbrotbaum war zufrieden. Nicht glücklich, nicht unglücklich; einfach nur zufrieden. Es hatte in den letzten Wochen viel geregnet und würde auch in den nächsten Wochen noch viel regnen, und seine Wasserspeicher für die Trockenzeit waren bereits beinahe voll. In seinen Ästen nisteten mehrere Familien von Webervögeln, welche seinen Stamm von parasitären Insekten befreiten, und seine Blüten wurden nachts regelmäßig von Flughunden besucht, welche für die notwendige Bestäubung sorgten. In seiner unmittelbaren Nähe stand kein weiterer Baum, mit dem seine Wurzeln um Nährstoffe und Wasser konkurrieren mussten. Er war gesund, er wuchs kräftig, und er würde sich im Verlauf des nächsten Jahres, wenn seine Früchte sich entwickelten und Affen, Antilopen und Elefanten als Nahrung dienten, vermutlich weiträumig mit Hilfe seiner unverdaulichen Samenkapseln aussäen.

Kurzum, der Baum hatte alles, was er zur Zufriedenheit benötigte. Glück und Unglück kannte er nicht – ebenso wenig wie Einsamkeit.

Mit einem leisen Seufzen löste der Junge seine gedankliche Verbindung zu dem Baum. Die Bäume, Sträucher und Gräser der Savanne waren seine einzigen Freunde – aber konnten Pflanzen einem Menschen wirklich Freunde sein, selbst wenn er ihre Gefühle verstand? Er warf einen Blick zum Himmel. Bald würde es zu regnen beginnen; er sollte sich besser auf den Rückweg machen.

Behände sprang er von dem zwei Meter über dem Erdboden befindlichen Ast hinab, federte kurz mit den Knien den Aufprall ab und begann dann sofort mit hoher Geschwindigkeit in Richtung des Dorfes der Kipuna zu laufen.

Kipuna, das bedeutete „Menschen“, „Volk“ oder einfach „Leute“ – alles Wörter, die das selbe bezeichnet hätten, gäbe es nicht noch andere Menschen, welche dafür andere Wörter hatten, weil sie eine andere Sprache benutzten; die damit ein anderes Volk und andere Leute bezeichneten, nämlich sich selbst; und die deswegen auch nicht mit dem Wort Kipuna bezeichnet wurden. Diese anderen Menschen bezeichneten die Menschen in seinem Heimatdorf als Kipuna, im Unterschied zu den Wörtern, die sie für sich selbst, sowie für wiederum andere Menschen, welche eine weitere Sprache hatten, gebrauchten; und sie bezeichneten auch die Sprache der Kipuna als Kipuna. Auf diese Weise hatte in Wildland jedes Volk, welches eine eigene Sprache besaß, auch eine eigene Bezeichnung, obwohl die meisten dieser Bezeichnungen in ihren Sprachen einfach nur „Mensch“ bedeutete.

So jedenfalls hatte N’Waga, der Medizinmann der Kipuna und sein Ziehvater, es ihm erklärt. Diese Erklärung war nötig gewesen, weil die Bewohner des Dorfes, in dem auch er lebte, ihn nicht als einen der ihren akzeptierten – er war kein Kipuna, obwohl er mit ihnen zusammen lebte; obwohl er ihre Sprache sprach; obwohl er doch auch ein Mensch war.

„Du bist eben anders als sie, ein besonderer Mensch“, hatte N’Waga ihm gesagt – und das war natürlich offensichtlich: Schon seine unnatürlich bleiche Haut machte offenkundig, dass er anders war als die Kipuna, aber vielleicht noch schwerer wog der Umstand, dass er vom unverheirateten Medizinmann des Dorfes aufgezogen wurde, dem die Kipuna in erstaunlicher Weise gleichzeitig Hoch- und Missachtung entgegenbrachten, und dass er somit nicht mit den anderen Kindern des Dorfes spielte, arbeitete oder auf die Jagd ging.

Stattdessen hatte ihn N’Waga in einer fremden Sprache unterrichtet: Keine Sprache eines benachbarten Volkes, sondern die Sprache eines Volkes mit heller Haut wie die seine, welches Tausende Tausend Schritte entfernt lebte – Schritte, die einen über ein Wasser führen würden, das viele hundert Mal breiter war, als der Ausblick vom Gipfel eines Affenbrotbaums über die Steppe reichte, wie sein Ziehvater ihm erklärt hatte. Ein Volk, welches in Schiffen, so groß wie Dörfer, dieses Wasser überquerte um dorthin zu gelangen, wo die Kipuna und ihre benachbarten Völker lebten, und welches dort riesige Städte erbaute, von denen aus sie Jagd auf die hier lebenden Menschen machten, so dass sie die erbeuteten Menschen zwingen konnten, für sie zu arbeiten. Die Kipuna und ihre Nachbarvölker nannten dieses Volk die Tammis, und die Sprache, welche N’Waga ihm beibrachte, so gut er es vermochte, war die Tammi-Sprache.

Doch auch, wenn der Junge nicht die Tammi-Sprache mit seinem Ziehvater übte, oder dem unendlich erscheinenden Vorrat an Geschichten lauschte, welche dieser meistens im betrunkenen Zustand von sich gab, durfte er sich nicht mit den anderen Kindern abgeben (was ihm allerdings ganz recht war, da diese ihm mit offener Feindseligkeit gegenüber traten): N’Waga bestand darauf, dass er so viel Zeit wie möglich in der Umgebung des Dorfes verbrachte, und dass er insbesondere die Pflanzen, welche dort wuchsen, genau kennen lernte. Zuerst hatte der Junge nicht verstanden, warum, hatte sich aber gefügt und kam schließlich dorthin, dass er Steppe und Wald bald beinahe mehr als sein Zuhause betrachtete als das Dorf, und obwohl ihn die Einsamkeit seiner Wanderungen traurig machte, war sie doch besser als die Abneigung, die ihm seitens der Kipuna entgegenschlug.

Eines Tages hatte er dann entdeckt, dass er die Pflanzen verstehen konnte. Genau genommen hatte er es nicht plötzlich entdeckt: Es hatte stattdessen festgestellt, dass er dies schon eine ganze Weile tat, ohne es bewusst zu bemerken. Das war natürlich noch etwas, was ihn von den Kipuna unterschied, auch wenn er glaubte, dass es ihn auf irgendeine schwer erklärliche Weise näher mit N’Waga verband.

Und dann war da noch sein Zeichen. Viele der männlichen Kipuna trugen einen Bauchnabelschmuck – ein Stück glänzendes Metall, welches durch die Hautfalten am Nabel gestochen wurde – doch an ihm hatte N’Waga, als er noch so klein war, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte, einen besonderen Schmuck angebracht: Ein hell glitzerndes, silbernes Band, welches auf unmögliche Weise ineinander verdreht war, so dass es keine Innen- und keine Außenseite besaß.

Als er seinen Ziehvater nach der Bedeutung dieses Bandes gefragt hatte, hatte dieser ihm wieder nur geantwortet: „Es bedeutet, dass du etwas Besonderes bist.“ Doch der Junge wusste, dass besonders sowohl besonders gut als auch besonders schlecht bedeuten konnte, und dieses Mal hatte er nachgefragt: „Aber in welcher Weise bin ich besonders? Bin ich ein Tammi?“

N’Waga hatte ihn lange angesehen, bevor er antwortete. „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Für die Kipuna bist du wohl einer. Für die Tammis jedoch bist du keiner von ihnen. Du bist etwas Besonderes.“

Und dann hatte er ihm erneut die Geschichte eines Mukokos erzählt – eines kostbaren Fundstücks, welches weit entfernt von seinem Ursprung in den Besitz eines Menschen gelangte, der es eine Zeit lang bei sich tragen durfte, bis dessen ursprünglicher Besitzer es schließlich zurückforderte.

„Und das bin ich“, hatte der Junge am Ende dieser Geschichte gesagt, wie er es immer tat, und sein Ziehvater hatte genickt.

„Ja, Mukoko. Das bist du.“

„Aber wer wird mich zurückfordern, und wann?“, hatte Mukoko gefragt.

Auf diese Frage hatte er jedoch keine Antwort erhalten, und das blieb auch über lange Zeit so, obwohl er sie immer und immer wieder stellte. Meistens sah ihn N’Waga nur durchdringend an und griff dann nach dem Krug mit Bananenschnaps, der stets gut gefüllt neben seinem Bett stand, um sich zuerst einen, aber danach unweigerlich immer noch weitere Becher davon einzugießen. Mukoko wusste, was dies bedeutete: N’Waga würde an diesem Abend vielleicht noch reden, vielleicht Geschichten erzählen oder vielleicht auch singen, aber er würde keine Fragen beantworten – das tat er nie, wenn er Bananenschnaps trank.

Er hatte sich bereits überlegt, dass N’Waga vielleicht gerade deswegen trank, denn die Kipuna kamen häufig mit allerlei Fragen zu ihm, die ihre Zukunft betrafen – es war diese Fähigkeit seines Ziehvaters, welche ihm zum Medizinmann des Stammes hatte werden lassen: Dass er häufig Dinge wusste, bevor sie geschahen. Doch er gab den Fragern nur selten Antwort, und wenn er es tat, verließen die Besucher seine Hütte oft unzufriedener und unglücklicher als zuvor.

Doch eines Abends hatte N’Waga, obwohl er den Krug bereits in der Hand hielt, diesen mit einem Seufzen wieder beiseite gestellt und seinen Ziehsohn dazu aufgefordert, sich ihm gegenüber zu setzen, was dieser auch tat.

„Mukoko, ich habe dir etwas zu sagen – das Wichtigste, was ich dir sagen kann, und wohl das Wichtigste in deinem Leben. Ich denke, du bist nun alt genug dafür.“

Voller Erwartung hatte der Junge ihn angeblickt. Erneut griff sein Ziehvater nach dem Krug mit dem Schnaps, und erneut stellte er ihn mit einem Ausdruck des Bedauerns beiseite.

Dann sah er ihm in die Augen. „Eines Tages werden sie kommen, Mukoko – sie werden kommen, um dich zu holen.“

„Wer wird kommen?“, fragte der Junge voll banger Erwartung, doch die Antwort übertraf seine schlimmsten Befürchtungen.

„Die Dämonen, Mukoko. Die Dämonen werden kommen, um dich zu holen.“

Entsetzt hatte Mukoko gefragt: „Aber was soll ich dann tun?“

N’Waga hatte sich zu ihm vorgebeugt. „Du wirst rennen, Mukoko. So schnell du kannst. So weit du kannst. So lange du kannst. Du wirst nicht anhalten, bis du vor Erschöpfung zusammenbrichst. Verstehst du das, Mukoko?“

„Ja, ich verstehe“, hatte er geantwortet, obwohl er es nicht verstand.

N’Waga griff nun zum dritten Mal nach dem Krug und goss sich einen Becher mit Bananenschnaps voll, und jetzt wünschte Mukoko sich, er hätte dies gleich getan. Doch das Gespräch war noch nicht beendet.

„Wenn die Dämonen kommen, Mukoko – was wirst du tun?“, fragte sein Ziehvater ihn.

„Ich werde rennen“, antwortete dieser.

„Wie schnell?“

„So schnell ich kann.“

„Wie weit?“

„So weit ich kann.“

„Wie lange?“

„So lange ich kann.“

„Wann wirst du anhalten?“

„Erst, wenn ich vor Erschöpfung zusammenbreche.“

N’Waga nickte, trank seinen Becher aus und goss ihn erneut voll. Mukoko wollte aufstehen, doch die kräftige Hand seines Ziehvaters hielt ihn zurück. „Setz dich“, befahl dieser ihm, und er setzte sich.

„Wenn die Dämonen kommen, Mukoko – was wirst du tun?“, fragte sein Ziehvater ihn erneut, und erneut antwortete Mukoko ihm:

„Ich werde rennen.“

„Wie schnell?“

„So schnell ich kann.“

Immer wieder wiederholte N’Waga seine Fragen, und immer wieder antwortete Mukoko ihm, so wie es von ihm verlangt wurde, und so ging dies den ganzen Abend, und an unzähligen folgenden Abenden wiederholte es sich erneut, bis Fragen und Antworten in Mukokos Geist zu einer Einheit verschmolzen, bis er unfähig war den einen Gedanken ohne den anderen zu denken, bis es das erste war, was er jeden Morgen dachte, wenn er aufwachte, und das letzte, was er jeden Abend dachte, bevor er einschlief:

Wenn die Dämonen kommen, werde ich rennen.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
ein erster Überblick über die Welt
Advertisements
Veröffentlicht on Februar 8, 2012 at 3:12 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s