Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 82

*** Sie kommen ***

Das Dorf der Kipuna – oder, genauer, dasjenige ihrer Dörfer, in dem N’Waga wohnte – befand sich an der Grenze zwischen Savanne und Waldland. Jedes Jahr brannten die Kipuna einen Teil des nahen Waldes nieder, um Anbauflächen für Hirse, Yams und Mais zu gewinnen. Dieses Land war aber immer nur einen Sommer fruchtbar, dann musste es aufgegeben und woanders neu gerodet werden. Es dauerte zwar nie lange, bis der Wald sich solch ein Gebiet zurückholte, aber für Mukoko war das Abbrennen der Bäume trotzdem immer ein furchtbares Erlebnis, denn er konnte die in Flammen stehenden Pflanzen in seinem Geist schreien hören.

Jetzt, während der Regenzeit, standen natürlich keine Brandrodungen an, doch als Mukoko auf die Hütten des Dorfes zulief, hörte er stattdessen menschliche Laute der Klage, des Schmerzes und des Entsetzens. Er verfiel in Schritt und näherte sich vorsichtig. Was war geschehen?

Die Klagerufe der weinenden Frauen verrieten es ihm: Ein Mädchen, nur zwei Jahre älter als er, war von einer Löwin angefallen und getötet worden. Die Krieger hatten die Löwin zwar vertrieben, doch sie waren zu spät gekommen – die Löwentatzen hatten bereits den Hals des Mädchens aufgerissen, und die Löwenzähne ihre Brust zerfleischt.

Die junge Kipuna war sehr beliebt im Dorf gewesen, insbesondere natürlich bei den unverheirateten Kriegern, die um ihre Gunst gebuhlt hatten, aber auch die älteren Kipuna vermissten die lebenslustige, anmutige junge Frau. Mukoko verspürte ebenfalls ein Bedauern, obwohl sie nicht netter zu ihm gewesen war als die anderen jungen Leute, doch er hatte den Anblick ihres wohlgeformten weiblichen Körpers und ihr strahlendes Lächeln genossen, selbst wenn es niemals ihm galt.

Merkwürdig war allerdings, dass die Leiche nirgends aufgebahrt schien – normalerweise beweinten die Frauen den Körper eines Verstorbenen, doch diesmal saßen sie nur im Kreis zusammen, umstanden von den Männern, die traditionsgemäß nicht weinten, sondern dem Tod zornige Drohungen zuriefen.

Mukoko trat näher, und die Augen der Männer richteten sich auf ihn.

„Du!“

„Verschwinde von hier! Wie kannst du es wagen?“

„Willst du meinen Speer spüren?“

Eilig wich der Junge zurück. Dass er bei den Kipuna unbeliebt war, das war nichts Neues, doch diesen besonderen Hass, diese plötzliche Wut, die verstand er nicht. Einige warfen sogar Steine in seine Richtung.

Rasch lief er aus dem Dorf wieder hinaus. Üblicherweise durchquerte er es, um zu N’Wagas Hütte zu gelangen, welche am anderen Ende des Dorfes, bereits ein Stück in den Wald hinein stand, aber heute machte er wohl besser einen Umweg.

***

Es hatte gerade zu regnen begonnen, als er die Hütte betrat. Seine und N’Wagas Schlafstätten waren durch Vorhänge aus losen Stoffstreifen vom Rest des Raumes abgetrennt, die natürlich nicht vollständig den Blick versperrten, und er bemerkte, dass auf N’Wagas Lager Bewegung war. In der Hütte war es jedoch dunkel – N’Waga schien die Lampen nicht angezündet zu haben, mit denen er den Innenraum sonst erhellte, wenn er sich zu Hause aufhielt.

„N’Waga?“, fragte Mukoko leise. Er glaubte merkwürdige Geräusche zu vernehmen, so als wenn sein Ziehvater krank wäre oder sich körperlich besonders anstrengte. Vorsichtig zog er einen Teil des Vorhangs beiseite.

Einige Sekunden lang starrte er auf das Geschehen, welches er dahinter vorfand, unfähig es zu begreifen oder einzuordnen. N’Waga lag, nackt, halb auf dem Körper des toten Mädchens, seine Hände auf ihren Hüften, seinen Unterleib an ihrem Unterleib, bewegte diesen rhythmisch und kräftig und gab dabei jene seltsamen Laute von sich. Seine Augen waren verdreht, und seine Zunge hing heraus.

Langsam machte Mukoko einen Schritt zurück. Dies war nichts, was er sehen sollte; so weit verstand er es. Einen Fuß hinter den anderen setzend, verließ er die Hütte und suchte unter den Blättern einer Dattelpalme notdürftigen Schutz vor dem prasselnden Regen. Die Palme freute sich über den Regen, wenn sie auch ein wenig besorgt war (Mukoko wandte dieses menschenspezifische Wort auf die Befindlichkeit des Baums an, ohne darüber nachzudenken), dass ein zu heftiger Guss ihre Wurzeln fortspülen konnte, doch diese Gefahr stand nicht unmittelbar bevor, und so genoss sie das Wasser, welches ihre Blätter entlang und ihren Stamm hinunter lief.

Mukoko hielt seinen Geist lange mit den Gefühlen der Palme verschmolzen, versuchte dieses Gefühl der Zufriedenheit mitzuempfinden, nicht an das zu denken, was er eben in der Hütte gesehen hatte.

Wenigstens verstehe ich die Pflanzen, dachte er.

***

Erst lange, nachdem es zu regnen aufgehört hatte, wagte er sich zurück zur Hütte. Er sah sofort, dass die Leiche des Mädchens nicht mehr darin war, denn N’Wagas Öllampen erhellten nun das Hütteninnere, und sein Ziehvater saß auf seinem Bett, den Krug mit Bananenschnaps in der rechten Hand, den daraus gefüllten Becher in der linken. Als Mukoko ihn ansah, wich er seinem Blick aus; etwas, was er sonst niemals tat.

Still ließ sich Mukoko auf seinem Schlaflager nieder. Er beobachtete, wie N’Waga sich nachgoss, und wie seine Hände dabei zitterten. Auch das geschah sonst niemals.

Sollte ich ihn fragen?, dachte Mukoko. Aber wieso eigentlich, wenn ich die Antwort doch gar nicht wissen will, und er sie mir wohl auch nicht sagen will?

Er sah zu, wie N’Waga seinen Becher mit wenigen, großen Schlucken leerte und sich erneut nachschenkte. Wenn er so fortfuhr, würde er bald nicht mehr ansprechbar sein. Überhaupt beantwortete er ja eigentlich keine Fragen, wenn er trank – aber Mukoko spürte, dass es an diesem Abend anders sein würde; dass der Schnaps N’Waga diesmal nicht half, sich einem Gespräch zu entziehen.

Auch dieser Becher war rasch ausgetrunken, und erneut schenkte sein Ziehvater sich nach. Sein Blick war bereits glasig.

Jetzt oder nie, dachte Mukoko, nahm seinen Mut zusammen und räusperte sich.

„N’Waga?“

Der Medizinmann antwortete nicht, aber Mukoko konnte erkennen, dass er die Frage registriert hatte.

„Wer sind meine Eltern, N’Waga?“

Zuerst erhielt er keine Antwort. N’Waga führte den Becher erneut an seine Lippen, legte seinen Kopf in den Nacken und schüttete sich den Schnaps in den Mund. Einen Teil verschüttete er dabei. Langsam ließ er sich zurück auf sein Bett sinken. Der leere Becher entglitt dabei seiner Hand und rollte über den Boden auf Mukoko zu, der bauchige Krug hingegen eierte nur ein wenig auf der Stelle und stabilisierte sich dann ohne umzukippen.

Mukoko vermutete, er sei eingeschlafen, aber dann hörte er die Stimme seines Ziehvaters:

„Eis.“

Eis? War das nicht der Zustand, den Wasser bei besonderer Kälte annahm, wenn es erstarrte und fest wurde wie Fels? Das jedenfalls hatte N’Waga ihn gelehrt, als er ihm von den Ländern der Tammis berichtet hatte, wo es viel kälter war als hier.

„Eis, N’Waga?“, fragte er nach.

„Eis… ein Junge im Eis… er wird zu Eis, wenn keine Hilfe kommt… dann ist es zu spät… er kann deine Eltern malen… da ist ein Mädchen… rote Haare und grüne Augen… wenn sie zu spät kommt, wird er zu Eis…“

„Der Junge kann meine Eltern malen?“, fragte Mukoko nach dem einzigen Teil dieser Antwort, die er verstand.

„Eis… so kalt… er malt im Eis… er wird zu Eis…“

N’Wagas Worte wurden zu einem unverständlichen Murmeln, und bald zeigte sein Schnarchen an, dass er nun tatsächlich schlief.

Hat er jetzt tatsächlich in die Zukunft gesehen, oder war es nur der Schnaps, der aus ihm sprach?, fragte sich Mukoko. Und was hatte das Ganze zu bedeuten?

Er schloss die Augen. Morgen werde ich mich an seine Worte bestimmt nicht einmal mehr erinnern, dachte er.

***

Doch Mukoko hatte sich geirrt, wie er nur zu bald merkte: Er würde N’Wagas mysteriöse Prophezeiung niemals vergessen, denn wie sich heraus stellte, waren dies die letzten Worte gewesen, die er seinen Ziehvater sagen hörte.

Am nächsten Morgen schlief N’Waga lange, wie er es oft zu tun pflegte, wenn er am Abend zuvor große Mengen Bananenschnaps zu sich genommen hatte, und Mukoko machte sich, wie an so vielen Tagen, daran die weitere Umgebung des Dorfes zu erkunden. Als er jedoch an diesem Abend ins Dorf zurück kehrte, kam ihm eine alte Frau entgegen und sprach ihn freundlicher an, als es die Kipuna ansonsten zu tun pflegten, und von ihr erfuhr er, dass sein Ziehvater im Schlaf gestorben sei, und dass er, Mukoko, von nun an bei ihr wohnen würde. Mukoko weinte nicht um N’Waga – das tat ein männlicher Kipuna nicht, und auch wenn sie ihn nicht als einen der ihren akzeptierten, richtete er sich doch nach ihrem Verhalten. Außerdem trauerte auch sonst niemand im Dorf, obwohl die Gesichter der Menschen ernst waren, und er den Eindruck hatte, dass sie ihm etwas verschwiegen. Innerlich jedoch vermisste Mukoko N’Waga – den einzigen Menschen, der ihm nahe gestanden hatte – sehr.

In den nächsten Tagen verbrachte er weniger Zeit im Dorf als je zuvor. Zwar waren die Kipuna nun netter zu ihm – die älteren Menschen waren geradezu liebenswürdig, und die jüngeren verspotteten und beschimpften ihn zumindest nicht mehr – aber er spürte mehr denn je, dass er nicht wirklich zu ihnen gehörte. Oft war er nun tagelang unterwegs, nächtigte in Baumkronen und kam nur heim, wenn er Hunger hatte und nicht genügend Essbares fand.

Eines Abends jedoch sah er Rauch aus der Richtung des Dorfes aufsteigen – zu viel Rauch, um von einer Brandrodung zu stammen, und die Trockenzeit hatte auch noch nicht begonnen. Ängstlich, was dies nun wieder zu bedeuten hatte, lief er dorthin. Doch er hatte sich dem Dorf noch nicht auf tausend Schritte genähert, als ihm drei junge Krieger entgegen kamen, und sie rannten, wie er sie noch nie rennen gesehen hatte, und ihre Speere hatten sie nicht bei sich.

„Was ist geschehen?“, rief er ihnen zu.

Die beiden vorderen ignorierten seinen Anruf und hetzten an ihm vorbei, der dritte aber stürmte mit Wahnsinn im Blick auf ihn zu und schrie:

„Die Dämonen kommen! DIE DÄMONEN KOMMEN!“

Mukoko drehte sich um und rannte, die Krieger nach wenigen Sekunden überholend. Er rannte so schnell er konnte, so weit er konnte, und so lang er konnte. Er rannte, ohne sich dessen bewusst zu sein, die ganze Nacht hindurch und weit in den nächsten Tag hinein, bis seine Beine ihn nicht mehr trugen und er vor Erschöpfung zusammenbrach.

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Veröffentlicht on Februar 12, 2012 at 10:07 am  Schreibe einen Kommentar  

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