Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 83

*** Die Tammis ***

Der Boden schwankte und war hart wie Holz – sehr glattes Holz. Die feuchte, faulige Luft stank zusätzlich nach Schweiß, wie eine Versammlung von Menschen in einer engen, schlecht belüfteten Hütte. Ein lautes, tiefes, gleichmäßig an- und abschwellendes Rauschen drang an Mukokos Ohren, sowie ein Scharren von Metall auf Holz und entfernte Rufe. Er lag auf dem Rücken, den Kopf auf die linke Schulter gelehnt. Ihm war übel, und alles an seinem Körper tat weh.

Vorsichtig öffnete er die Augen. Es war dunkel. Er blinzelte. Bewegte sich dort etwas neben ihm?

Er wollte sich aufsetzen, doch als er das rechte Bein anzuziehen versuchte, wurde dieses unbarmherzig und schmerzhaft am Knöchel zurück gerissen. Langsam beugte er sich vor und fühlte mit seinen Fingern sein Bein entlang. Ein metallener Ring war um seinen Knöchel gelegt, und von diesem ging eine Kette ab. Er folgte der Kette und stieß bereits nach einer Armlänge an einen weiteren, in eine Holzwand eingelassenen Metallring.

Nach und nach setzte sein erschöpftes Gehirn die Informationen zusammen, verband sie mit Dingen, von denen N’Waga ihm erzählt hatte. Er musste sich auf einem Schiff der Tammis befinden, angekettet in einem großen, verschlossenen Raum, zusammen mit anderen Menschen aus Wildland, um als Sklave dorthin gebracht zu werden, wo seine Arbeitskraft benötigt wurde.

„Hallo?“, rief er zaghaft.

Einige Stimmen antworteten ihm, in einer Sprache, die er nicht verstand, aber als diejenige eines benachbarten Volkes identifizierte, welches mehrere Tagesmärsche östlich von den Kipuna nahe der Küste lebte. Wie weit war er gerannt?

Er versuchte sich mit den anderen Gefangenen zu unterhalten, aber sie verstanden die Sprache der Kipuna nicht, und er konnte nur einige wenige Wörter erkennen – „Tammi“, natürlich, denn dieser Begriff entstammte nicht den wildländischen Sprachen, und vielleicht „Sklave“ und „Tod“, wenn er nicht einfach nur erwartete, diese Wörter zu hören.

Bald gab er es auf, und das Gespräch erlahmte rasch. Ein älterer Mann stimmte einen Gesang an, doch niemand fiel ein, und nach ein oder zwei Strophen verstummte auch er wieder, und es herrschte erneut Schweigen.

***

Über ihren Köpfen waren Schritte zu hören, und auf einmal fiel helles Licht auf ihn – oder wahrscheinlich kam es ihm nach der nahezu vollständigen Dunkelheit nur hell vor – als in der Decke eine Klappe geöffnet wurde und mit einem lauten, dumpfen Knall aufschlug. Zwei Männer in fremdartiger Kleidung, ihre Haut so bleich wie die von Mukoko, stiegen eine Treppe herab, deren Existenz er jetzt erst wahrnehmen konnte. In ihren Händen hielten sie Lampen, die an drei Seiten von Metallwänden umgeben waren und nur durch eine Glasscheibe Licht in einem Strahl abgaben. Sie leuchteten mit diesen Strahlen den Raum, in dem er sich befand, systematisch aus. Er war schmaler, als Mukoko gedacht hätte, aber weitaus länger, und in ihm befanden sich Dutzende angeketteter wildländische Menschen, gerade weit genug voneinander entfernt, dass ihre Ketten es ihnen nicht gestatteten, einander zu berühren.

Der Lichtstrahl eines der Männer strich über Mukoko, verharrte kurz und kehrte dann zu ihm zurück.
„Der dort!“, hörte er den Mann in der Tammi-Sprache rufen.

Die beiden kamen auf ihn zu. Einer beugte sich zu ihm herunter und öffnete mit einem Schlüssel seine Fußschelle.

„Los, aufstehen!“, befahl er, und Mukoko gehorchte.

Sie schubsten ihn mehr die Treppe hoch, als dass er sie emporstieg und trieben ihn dann durch enge, von hölzernen Wänden und Türen umgebene Gänge und weitere Treppen hinauf. Schließlich erreichten sie eine Ebene, auf der das Licht der Sonne ihn so grell blendete, dass es weh tat, selbst als er die Augen schloss. Die Männer trieben ihn weiter voran, und er musste seine Augen wieder öffnen, vermied es aber, nach oben zu schauen. Offensichtlich befand er sich auf einem gewaltigen Schiff, und dieses trieb, unruhig schaukelnd, auf einer Wasserfläche, die größer war als alles Wasser, welches Mukoko in seinem bisherigen Leben insgesamt gesehen hatte. Die Luft schmeckte salzig.

Um ihn herum standen noch mehr bleichhäutige Menschen – wohl also Tammis – in ähnlich merkwürdiger Kleidung. Er wurde vor einen dieser Menschen geführt, dessen Gewänder besonders bunt, ausgefallen und kostbar waren – das musste ihr Häuptling sein, dachte Mukoko.

„Das ist er, Kapitän“, sagte der Mann, der ihn am Arm festhielt. Natürlich – N’Waga hatte ihn gelehrt, dass der Häuptling eines der großen Schiffe Kapitän genannt wurde.

Dieser musterte ihn eingehend: Seine dürre, drahtige Gestalt; seine kurzen, glatten, schwarzen Haare und dunklen Augen; seine aus wildländischer Sicht zwar zwar bleiche, jedoch durch die wildländische Sonne gebräunte Haut; seine zerrissene wildländische Kleidung.

„Er sieht aus wie ein Affe“, sagte der Kapitän, und die Tammis lachten. Dann wandte er sich ihm zu.

„Kannst du mich verstehen?“, fragte er den Jungen.

„Ja… ja!“, antwortete Mukoko eifrig. „Spreche ich Tammi-Sprache!“

Einige der umstehenden Männer lachten erneut, doch der Kapitän brachte sie mit einer Handbewegung zum Schwiegen.

„Woher sprichst du unsere Sprache, Junge?“, fragte er.

„Hat N’Waga mich gelehrt… N’Waga kluger Mann. Sagt mir, muss ich lernen Tammi-Sprache. Weiß schon vorher, dass wichtig. Kluger Mann, N’Waga. Sieht Zukunft!“

Während Mukoko, so gut er es vermochte, in der Tammi-Sprache plapperte, hatte etwas anderes die Aufmerksamkeit des Kapitäns erregt. Er zog ein langes, metallenes Messer aus einer Lederscheide hervor und richtete es auf Mukokos Bauch. Dieser verstummte. Hatte er etwas Falsches gesagt?

„Was hast du da?“, fragte der Kapitän, während er mit der Spitze seines Messers – oder ist das ein Schwert?, fragte sich Mukoko – das dünne Baumwollhemd, welches der Junge trug, hoch schob.

„Ist Zeichen“, sagte Mukoko etwas ängstlich. „Hat N’Waga mir gegeben. Hat gesagt, ist wichtig…“

Seine Antwort ging in vielstimmigem Rufen unter. Die Männer, die ihn hierher gebracht hatten, packten ihn jetzt und rissen ihm das Hemd vom Leib. Das Gebrüll der Tammis wurde so laut, dass Mukoko nicht mehr verstand, was sie sagten, aber er hörte Zorn und Entsetzen heraus.

Sie warfen ihn über ein Fass und banden ihn fest. Dann eilte ein Mann mit einer langen Peitsche herbei und begann damit, ihn zu schlagen. Mukoko schrie laut, ohne jedoch das Knallen der Peitsche übertönen zu können. Auch die Tammis brüllten weiterhin. Zwei Wörter, die er zu erkennen glaubte, waren „Dämon“ und „grenzenlos“. Minutenlang schlug der Mann erbarmungslos auf ihn ein, bis das Blut aus seinem Rücken floss, und er schließlich das Bewusstsein verlor.

Als er wieder zu sich kam, befand er sich wieder angekettet in jenem finsteren Raum. Die Schmerzen an seinem Rücken waren stärker, als alles, was er zuvor für möglich gehalten hätte, und Mukoko war sich sicher, dass er jetzt sterben würde. Er wünschte sich nur, es würde ein wenig schneller gehen.

***

Lange Zeit dämmerte er dahin, ohne entscheiden zu können, wann er wach war, und wann er schlief und träumte. Sein Rücken brannte entsetzlich, er hatte Durst und bald auch Bauchkrämpfe. Manchmal dachte er, er sei wieder zurück im Dorf der Kipuna, und N’Waga kümmere sich um ihn, aber dann lief dieser plötzlich fort und rief auch ihm zu, er solle rennen, denn die Dämonen kämen; aber Mukoko stellte fest, dass er nicht rennen konnte, weil er angekettet war; und dann war plötzlich überall Feuer, und er verbrannte.

Eines Tages jedoch wachte er auf, und er lag nicht mehr angekettet im Dunkeln, sondern auf einem mit Leinen bezogenen Bett in einem kleinen, aber lichtdurchfluteten Raum. Sein wunder Rücken war verbunden und schien mit einer Salbe behandelt worden zu sein, und neben seinem Bett stand ein Krug mit Wasser in einer Halterung, die verhinderte, dass der Krug trotz des andauernden Schwankens seiner Umgebung umkippte. Durch ein kreisrundes Fenster mit einer Glasscheibe darin fiel Sonnenlicht ins Zimmer.

Obwohl er sich furchtbar schwach fühlte, richtete er sich mühsam auf und stellte fest, dass er weder angekettet noch gefesselt war. Die Zähne zusammen beißend, legte er die zwei kurzen Schritte bis zur Tür zurück – und fand diese verschlossen vor.

Wo war er? Er wurde besser behandelt als vorher, und das Holz, aus dem die Wände des Raums gemacht waren, unterschied sich von dem Holz, welches er bislang auf dem Tammi-Schiff gesehen hatte. War er auf einem anderen Schiff?

Er bemerkte eine kleinen Durchblick in der Tür. Dahinter glaubte er ein Tammi-Gesicht zu erkennen.

„Leg dich wieder hin“, hörte er eine Männerstimme von jenseits der Tür in der Tammi-Sprache sagen – nicht besonders freundlich, aber zumindest auch nicht gehässig. Mukoko legte sich wieder auf das Bett, sah aber weiterhin zur Tür hinüber. Zwischendurch goss er sich aus dem Krug Wasser in einen Becher und trank dieses, und kurz darauf entdeckte er unter seinem Bett einen kleinen Topf, dessen Zweck er erraten konnte, und entleerte seine Blase dort hinein.

Dann öffnete sich die Tür. Ein Zwerg kam herein. Er war ähnlich gekleidet wie der Kapitän des vorigen Schiffs, aber doch in deutlich anderer Weise. Hinter ihm betrat ein weiterer Mann die Tür, der etwas auf ihn gerichtet hatte, was offensichtlich eine Waffe war – ein Holzpfeil mit blinkender Metallspitze lag darin und zielte auf seinen Leib.

„Wie geht es dir?“, fragte der Zwerg freundlich, ebenfalls in der Tammi-Sprache.

„Besser… danke“, antwortete Mukoko zögernd. „Wo… wo bin ich?“

„Du bist auf dem Weg nach Arkheim“, antwortete der Zwerg. „Wir hatten zuerst Kurs auf Kaperstadt gesetzt, aber ein Sturm hat uns nach Norden getrieben, und deswegen laufen wir Auswärtshafen an, um Reparaturen vorzunehmen. Dabei werden wir dich dann gleich zur Anstalt bringen.“

„Zur… Anstalt?“, fragte Mukoko, der kaum ein Wort des Zwergs verstanden hatte.

„Die Anstalt von Arkheim“, bestätigte der Zwerg. „Beinahe hätten wir dich mit den anderen Sklaven wieder in Wildland abgesetzt, aber dann haben wir dein Grenzenloses Zeichen entdeckt, als wir dich behandelten. Du warst dem Tod sehr, sehr nahe.“

„Das Zeichen?“ Mukoko verstand immer noch kaum etwas. Der Zwerg sprach zwar nicht schnell, aber er redete von Dingen, die Mukoko nicht verstand und benutzte Wörter, die ihm nicht bekannt waren – und irgendwie sprach er die Tammi-Sprache auch anders, als N’Waga sie ihn gelehrt hatte, wenngleich er sich dies natürlich auch wegen seiner mangelhaften Beherrschung dieser Sprache nur einbilden mochte.

Der Zwerg wies auf seinen Bauchnabel. „Dein provisorisches Grenzenloses Zeichen. Ich weiß nicht, wie du daran gelangt bist, aber es kennzeichnet dich als Grenzenlosen. Deswegen bringen wir dich zur Anstalt, denn alle Grenzenlosen gehören dorthin.“

„Ich… gehöre in die Anstalt“, flüsterte Mukoko, ohne zu wissen, was dies zu bedeuten hatte. Eine plötzliche Schwäche überfiel ihn – offenbar hatte er seinem Körper bereits mit diesen wenigen Minuten Wachseins zu viel zugemutet.

Auch der Zwerg schien dies zu bemerken. „Schlafe nun am besten weiter“, sagte er. „Hier bist du sicher. Wenn du etwas benötigst, sage es Bernhard, und er wird sich darum kümmern.“ Er zeigte auf den Mann, der immer noch seine Waffe auf Mukoko gerichtet hielt.

„Ja…danke, vielen Dank“, sagte Mukoko kraftlos und voll echter Dankbarkeit.

Der Zwerg und der Tammi ließen ihn wieder allein, und trotz der zahllosen Fragen, die durch seinen Geist trieben, schlief Mukoko rasch wieder ein.

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Veröffentlicht on Februar 18, 2012 at 1:09 pm  Schreibe einen Kommentar  

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