Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 84

*** Patrick O’Flint ***

Mukoko staunte.

Alles hier war seltsam. Die Luft war kühler und salziger, die Pflanzen andere, und der Boden fühlte sich ungewohnt unter seinen nackten Füßen an. Überall waren Tammis – nein, verbesserte er sich, an das denkend, was er auf dem Schiff, welches ihn hierher gebracht hatte, gelehrt worden war – Fernländer, oder Arkheimer: bleichhäutige Menschen wie er zwar, doch ein anderes Volk; oder sogar viele Völker, denn kein einzelnes Volk konnte so zahlreich sein und dermaßen viel Land für sich beanspruchen. Und es waren nicht nur Menschen! Er sah Zwerge, die eher so aussahen wie der Kapitän des zweiten Schiffes, und nicht so wie die Gruppe Wüstenzwerge, welche einmal die Kipuna besucht hatten, um Handel zu treiben – ebenfalls, wie die Menschen hier, bleicher, aber mit massiveren Körpern und noch stärkerem Bartwuchs. Er konnte sogar Halblinge erkennen. Auch diese besaßen helle Haut, und auch ansonsten schienen sie nichts mit den Dschungelhalblingen Wildlands gemein zu haben, welche in den abgelegensten Waldgebieten lebten und alle Eindringlinge in ihr Gebiet mit Giftpfeilen töteten, bevor sie diese dann kochten und aßen. So hieß es jedenfalls bei den Kipuna – N’Waga hatte gemeint, diese Geschichten seien übertrieben, aber er hatte auch nicht viel mehr über diese geheimnisvolle Rasse gewusst.

Und dann waren da noch die Pfoten; Hunde und Katzen, welche mit den Bürgern Arkheims zusammen lebten und ebenso wie diese denken konnten, sowie miteinander sprechen, und die sogar die Tammi-Sprache – nein, verbesserte Mukoko sich erneut, die Gemeinsame Sprache – verstanden! Diese waren vielleicht das Merkwürdigste, was er bislang in dieser fremden Welt angetroffen hatte.

Sie waren zwischen einigen fremdartigen Häusern aus Stein und Holz an Land gegangen, und Mukoko hatte mit einer gewissen Erleichterung festgestellt, dass Arkheim doch nicht so riesig war, wie er es sich vorgestellt hatte. Doch dann hatten die Seeleute, die ihn begleiteten, ihn ausgelacht und ihm gesagt, dies hier sei nicht die Stadt Arkheim, nicht einmal ein Dorf, nur ein kleiner Hafen, und Arkheim befinde sich gut zwei Wegstunden weiter nördlich und sei so groß, dass man einen halben Tag bräuchte, um es zu Fuß zu durchqueren, und es lebten Hunderte Tausende Bürger und ein Vielfaches dieser Zahl an Pfoten darin!

Zuerst war Mukoko sich nicht sicher gewesen, ob seine Begleiter sich nicht nur über ihn lustig machten, doch dann hatten sie mit ihm den Weg beschritten, welcher zur Anstalt hinaufführte, die auf einer Landzunge errichtet worden war, welche über gewaltigen Felsenklippen über das Meer hinaus ragte, und bald hatte er links und rechts Gebäude bemerkt, welche zum Teil groß genug waren, dass alle Bewohner seines Heimatdorfes mitsamt ihren Hütten darin Platz gefunden hätten. Die Seeleute sagten ihm, dies seien nur die Nebengebäude der Anstalt, und diesmal zweifelte er ihre Worte nicht an, denn er sah bereits die eigentliche Anstalt vor sich – und nun war er bereit, alles zu glauben.

Er stand jetzt direkt davor, den Kopf in den Nacken gelegt, und staunte. Nicht nur hatte er noch nie etwas Vergleichbares gesehen, er hatte es sich bislang nicht einmal vorstellen können, obwohl ihm N’Waga von den mächtigen Burgen der Tammis an der wildländischen Küste berichtet hatte. Jedoch war er sich sicher, selbst sein Ziehvater wäre von den Ausmaßen des Hauptgebäudes der Anstalt überrascht gewesen: Vor ihm zog sich eine aus glasierten Backsteinen gemauerte, von zahllosen Glasfenstern – groß genug, dass Menschen mühelos hindurch klettern konnten! – durchbrochene Wand dahin, die über sieben Mal mannshoch war und bestimmt hundertfünfzig Schritte lang… und diese war nur eine von acht Seitenwänden, welche im stumpfem Winkel aufeinander trafen, um den Grundriss der Anstalt, ein regelmäßiges Achteck, zu bilden!

Die Fenster waren in fünf Reihen angeordnet; dies bedeutete, dass die Anstalt fünf Stockwerke besaß, wie ihm gesagt wurde – und es sollte darüber hinaus noch mindestens zwei weitere unterirdische Stockwerke geben! Doch immer noch nicht genug damit: Auf jeder Ecke des gewaltigen Gebäudes war ein massiver Turm errichtet, jeder breit genug, dass eines der kleineren Schiffe, welche Mukoko am Hafen hatte liegen sehen, problemlos dort hinein gepasst hätte, und diese Türme ragten noch einmal so hoch wie die Außenmauern der Anstalt in den Himmel auf.

Mit offenem Mund stand Mukoko da, doch rasch trieben ihn die Seeleute weiter – er spürte, sie hatten es eilig, von hier fortzukommen. Sie gelangten an eine große, zweiflüglige Tür, die offen stand, und darin erwartete sie ein junger, bleichhäutiger Mann mit krausen roten Haaren und sonderbaren roten Sprenkeln im Gesicht. Er begrüßte die Seeleute kurz und wandte sich dann ihm zu:

„Hallo, Mukoko. Mein Name ist Patrick O’Flint. Ich habe dich erwartet. Folge mir bitte.“ Er sprach die Gemeinsame Sprache in einer merkwürdigen Art – insbesondere klang sein „r“ sonderbar rund und kehlig, und auch seine „o“s schienen in einem ähnlichen Laut zu enden.

Mukokos Begleiter verabschiedeten sich hastig und ließen ihn mit dem rothaarigen Mann allein, der, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen, rasch rückwärts den seitlich an der Tür vorbei führenden Gang entlang schritt. Mukoko folgte ihm, ohne sich darüber noch allzu sehr zu wundern.

***

Sie folgten dem Gang, von dem beidseitig in wenigen Schritten Abstand voneinander Dutzende Türen abgingen, und der von Hunderten Öllampen erhellt war, bis sie den Eckturm erreichten, in dem sich eine große, gewundene Treppe befand, welche die unterschiedlichen Stockwerke miteinander verband. Auch diese beschritt Patrick in raschen Schritten rückwärts, ohne sich dabei umzusehen. Schließlich gelangten sie an eine Tür im höchsten Turmstockwerk, die Patrick aufschloss, und betraten ein lichtdurchflutetes Zimmer. Patrick bedeutete ihm, sich in einen merkwürdigen Stuhl zu setzen, der ganz aus Kissen zu bestehen schien – jedenfalls war alles an ihm breit und weich.

„Möchtest du etwas trinken? Ich habe Ingwer-Ananassaft.“ Der Mann benutzte wildländische Wörter für diese Pflanzen, die Mukoko erkannte, obwohl sie ein wenig anders klangen als in der Sprache der Kipuna.

„Ja… ja, danke, sehr nett“, antwortete er schüchtern. Patrick verließ kurz das Zimmer, kam aber schon nach kurzer Zeit mit einem gefüllten Glaskrug und zwei Gläsern zurück. Er goss ihnen beiden ein.

„Du wunderst dich bestimmt, wieso ich dieses wildländische Getränk hier habe?“, fragte der Mann dann.

Mukoko nickte, obwohl er überhaupt nicht darüber nachgedacht hatte.

„Ich habe selbst einige Jahre in Wildland gelebt, bei den Pibukku. Du sprichst kein Pibukku, nehme ich an?“

„Pibukku? Nein, ich… nein, Pibukku spreche ich nicht“, antwortete Mukoko, der von dieser Sprache – oder von diesem Volk – noch niemals etwas gehört hatte.

„Das dachte ich mir – die Kipuna leben mehrere hundert Meilen entfernt. Du hast bei N’Waga gewohnt?“

Mukokos Augen leuchteten auf. „N’Waga? Du… ich meine, Sie… kennen N’Waga?“

Der Mann lächelte. „Du ist schon in Ordnung. Nein, ich kannte ihn nicht, aber ich hatte von ihm gehört – er war ein Grenzenloser, so wie du und ich, und seine Gabe ähnelte, so weit ich es sagen kann, der meinen.“

Grenzenloser? Gabe? Mukoko hatte beide Wörter bereits gehört, aber er konnte sie gerade nicht einordnen. Während er darüber nachdachte, fiel ihm etwas anderes an dem, was Patrick gesagt hatte, auf.

„Patrick, Sie… du hast gesagt, N’Waga war… grenzenlos… heißt das, du weißt, er ist… tot?“

Sein Gegenüber nickte. „Ja, Mukoko. Ich kann Dinge sehen, die weit entfernt geschehen; die vor langer Zeit geschehen sind; und die vielleicht noch geschehen werden; das ist meine Gabe. Ich habe N’Waga gesehen, und ich weiß, dass er tot ist; und ich habe dich gesehen und wusste, du bist auf dem Weg hierher.“

„Ah… ja?“ Mukoko nahm einen Schluck aus seinem Glas. Er erkannte den Geschmack der Früchte, aber er hatte diesen Saft noch nie getrunken; er war in dieser Zubereitung den Kipuna unbekannt gewesen.

„Auch N’Waga wusste, dass du eines Tages hierher gelangen würdest, wenn er auch vermutlich keine Vorstellung davon hatte, was die Anstalt ist – aber er wusste, du bist ein Grenzenloser, und du würdest später mit anderen Grenzenlosen zusammen leben. Deswegen hat er dir dein provisorisches Zeichen gegeben.“

„Mein… Zeichen?“ Mukoko fasste sich unwillkürlich an den Bauchnabel.

„Ja, Mukoko, dein Zeichen, das dich als Grenzenlosen identifiziert.“

„Indi…innidi… was?“, fragte der Junge verwirrt.

Patrick lächelte erneut. „Das ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, dass du einen geeigneten Fürsprecher findest, dessen Schüler du werden kannst.“

„Vorsprecher?“ Mukoko sah ihn mit großen Augen an.

„Nein, Mukoko, Fürsprecher – jemand, der sich um dich kümmert, und der für dich verantwortlich ist. Ich habe ihm schon Bescheid gegeben; er wird bald hier sein.“

„Er… kümmert sich um mich? So wie N’Waga?“

Der Mann berührte ihn sanft an der Wange. „Ja, genau, Mukoko – so wie N’Waga. Bis dahin lass uns aber die Zeit nutzen und über deine Gabe sprechen… und über das andere.“

„Meine… Gabe?“ Hätte ich etwas mitbringen sollen, was ich meinem Fürsprecher geben kann? Aber wie hätte ich das wissen können, und woher hätte ich es haben sollen?, fragte sich Mukoko.

„Deine Gabe ist das, was dich zu etwas Besonderem macht, Mukoko“, erklärte Patrick ihm.

Nervös nahm der Junge einen weiteren Schluck von dem Saft. „Also… mein Zeichen?“, fragte er dann. „Weil Zeichen Gabe von N’Waga ist?“

„Nein“, entgegnete Patrick ihm geduldig. „Es ist etwas Besonderes, was du kannst – etwas Ungewöhnliches, was andere Bürger nicht können.“

„Ah… ah!“ Mukoko begann es zu dämmern. „Ich… ich kann… Pflanzen verstehen! Bäume, und Sträucher, und Gras! Ich weiß, was Pflanzen fühlen!“

Zufrieden lehnte sein Gegenüber sich zurück. „Ja, so etwas in der Art habe ich mir gedacht. Deswegen habe ich auch Heinrich gerufen. Aber kannst du vielleicht auch mit Pflanzen reden? Kannst du ihnen Anweisungen geben? Kannst du sie verändern?“

„Was? …mit ihnen reden? Ich… ich weiß nicht… ich habe nie… das versucht…“

Patrick bemerkte offenbar, dass Mukoko immer verwirrter wurde. „Schon gut, das ist jetzt nicht wichtig. Heinrich kann mit dir darüber sprechen. Lass uns nur noch über eines reden: Gibt es etwas, was du manchmal tust, obwohl du es vielleicht gar nicht willst; etwas, was zu tun es dich so sehr verlangt, dass du dich manchmal nicht beherrschen kannst, dass du es einfach tun musst, auch wenn es dir vielleicht merkwürdig oder gar falsch erscheint? Und wenn du es eine Weile nicht tust, geht es dir immer schlechter, aber wenn du es dann getan hast, geht es dir wieder besser?“

Mukoko, der kaum die Hälfte dieser langen Frage verstanden hatte, überlegte angestrengt. Etwas, was ich tun muss, weil es mir ansonsten schlecht geht, und wenn ich es tue, geht es mir danach wieder besser?

„Essen?“, fragte er schüchtern.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Nein, Mukoko; essen muss jeder. Es muss etwas Ungewöhnliches sein; etwas, das nur du tust, zumindest in dieser Weise und Intensität… ich meine, Häufigkeit; oder in einer besonders starken Ausprägung. Etwas, was du nicht vollständig im Griff hast, ein Verlangen, das du nicht unterdrücken kannst. Vielleicht auch etwas, womit du, wenn du einmal damit begonnen hast, nicht von allein wieder aufhören kannst. Etwas, wobei du nicht ganz du selbst bist.“

„Ich… bin nicht ich?“ Mukoko begriff einfach nicht, worauf Patrick hinaus wollte.

„Nein, so meine ich das nicht… wahrscheinlich ist es bei dir auch etwas anderes, aber es gibt Grenzenlose, die tun Dinge, an die sie sich später nicht mehr genau erinnern können, und dann fragen sie sich, was passiert ist.“

„Ah!“ Damit konnte Mukoko etwas anfangen. „Ich weiß nicht, aber… einmal… ich bin gerannt… und dann… wusste ich nichts mehr… und ich war ganz woanders.“

„Du bist gerannt?“ Patrick sah ihm aufmerksam in die Augen. „Warum?“

„Weil… sie gekommen sind“, flüsterte Mukoko.

„Sie? Weil wer gekommen ist, Mukoko?“

„Die…die…“ Der Junge begann zu schwitzen. „Die… Dämonen“, flüsterte er schließlich. Er zitterte.

„Die Dämonen sind gekommen“, fragte Patrick ungläubig.

Mukoko sprang auf. Er konnte seine Beine nicht mehr still halten. Er sah zur Tür. War sie verschlossen? Konnte er sie öffnen? Was war mit dem Fenster? Konnte er hinaus springen? Er erinnerte sich, dass er sich weit über dem Erdboden befand. Unruhig trat er auf und ab. Er fühlte sich gefangen.

„Ruhig, Mukoko… ruhig! Es ist alles in Ordnung. Hier bist du sicher!“, sprach Patrick mit besänftigender Stimme auf ihn ein.

Der Junge ballte seine Fäuste, atmete rasch und kräftig. Nach einigen Minuten ging das Gefühl wieder vorbei.

„So ist das also“, murmelte Patrick. Er sah nachdenklich aus.

In diesem Augenblick klopfte es an die Tür, und kurz darauf trat ein Mann ein. Mukoko sah ihn verdattert an: Der dunkle Bart dieses Menschen war so lang, dass er ihn mehrfach, in Schlaufen festgesteckt, um den Leib gewickelt hatte!

„Ah! Mukoko, dies ist Heinrich Hufnoth, der vermutlich dein Fürsprecher werden wird“, sagte Patrick.

„Hallo Mukoko“, sagte der Mann mit dunkler, freundlicher Stimme, beugte sich zu ihm hinunter und spuckte ihm ins Gesicht.

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Veröffentlicht on Februar 23, 2012 at 3:36 pm  Schreibe einen Kommentar  

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