Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 86

Erster Akt – In der Anstalt

Einleben

„Die Anstalt aber soll derjenige Ort sein, an welchem alle Grenzenlosen sich unter der Aufsicht des Magistrats versammeln, um zu lernen, ihre Gaben zu beherrschen und diese in den Dienst des Landes Arkheim zu stellen.“

Das Buch des Wandels, Kapitel 56, Abschnitt 33, Satz 5

*** Anreise ***

Tirvo ging die Reling des Küstenstolzes entlang in Richtung Heck. Der Küstenstolz war ein Schoner mit zwei hohen, rückwärts geneigten Masten, welche ihm große Kursstabilität verliehen und ihn zu einem besonders schnellen, aber nicht allzu wendigen Schiff machten – ideal, um regelmäßig die Strecke zwischen Kaperstadt und Arkheim zu befahren. In der Tagmokratie hatte Tirvo gelegentlich ähnliche Schiffe gesehen, aber niemals so kompromisslos für hohe Reisegeschwindigkeiten konstruiert, und natürlich nicht im Dienst als Passagierschiff – viel zu wenige tagmokratische Bürger erhielten eine Reiseerlaubnis, als dass sich ein solcher Einsatz lohnen würde.

Außerdem hätte ein tagmokratisches Schiff niemals DER Küstenstolz geheißen – in Urland galten alle Schiffe als weiblich, und ihre Namen wurden dementsprechend angepasst, auch wenn sie eigentlich das männliche Geschlechtswort verlangten. Tirvo erinnerte sich zurück an eine Unterhaltung, die er einst mit Bilgor geführt hatte – dem Zwergenjungen, dessen Leben er später mit Hilfe seiner Gabe gerettet hatte, was die Kette von Ereignissen in Gang setzte, welche ihn hierher verschlagen hatte:

Weißt Du denn nicht, warum alle Schiffe Frauen sein müssen?, hatte Bilgor ihn mit einem merkwürdigen Grinsen gefragt. Tirvo hatte den Kopf geschüttelt. Weil sie ständig unten feucht sind und immer wieder von Männern bestiegen werden, hatte Bilgor geantwortet und gelacht, während Tirvo ihn verständnislos ansah. Später hatte der Zwerg ihm dann den Witz erklärt und Tirvo hatte pflichtschuldig gegrinst.

Ludwig hätte das gefallen, er mochte solche Sprüche, dachte Tirvo, schob den Gedanken an seinen toten Mitschüler dann aber beiseite. Er hatte jetzt das Heck erreicht, wo Aurora mit zurückgelehntem Kopf an der Reling stand und die sich im Wind blähenden Segel betrachtete – für Schiffe allgemein brachte sie im Gegensatz zu Tirvo kaum Interesse auf, aber Dinge, welche mit Luft zu tun hatten faszinierten sie, genau so wie es Tirvo mit Wasser und Eis ging.

Der Junge machte vorsichtig einen Bogen um eine mit einer Decke ausgekleidete Taurolle, in der einige Katzen saßen, welche im Gegensatz zu den meisten anderen ihrer Volksgenossen nicht die Trockenheit und Wärme unter Deck bevorzugten. Die vordere Hälfte des Schiffes galt als Hundeland, die hintere als Katzenland, und dementsprechend gab es auch zwei Kabinenbereiche für die Passagiere, wo sie mit den Pfoten des von ihnen jeweils bevorzugten Volkes wohnen konnten. Hartmut hatte für die meisten von ihnen Schlafplätze im Hundebereich gebucht, da er selbst dieses Volk lieber mochte, aber Marianne und Tideline schliefen natürlich im Katzenbereich.

Tirvo hatte Aurora erreicht. Die Elbin benötigte einen Augenblick, um sich vom Anblick der prallen Segel loszulösen und sah ihn dann an.

„Hartmut will uns sprechen“, informierte der Menschenjunge sie. Aurora nickte und folgte ihm zurück zum vorderen Teil des Schiffes.

***

Ihr Fürsprecher erwartete sie in seiner Kabine. Natürlich belegte er sie alleine – keinem anderen Bürger wäre der Gestank zuzumuten gewesen, mit dem sein ewig ungewaschener Körper den engen, schlecht belüfteten Raum füllte. Nach dieser Reise wird die Mannschaft ihn gewiss komplett mit dem Schlauch ausspritzen, dachte Tirvo, dem zwar bewusst war, dass Hartmut diesen Gedanken mithören konnte, sich jedoch längst damit abgefunden hatte, dass er das Denken eben nicht unterdrücken konnte.

„Setzt euch.“ Hartmut wies auf das von ihm unbenutzte obere Bett, und sie gehorchten. Er selbst blieb stehen und sah sie eindringlich an.

„Aurora, Tirvo – ihr seid nun bald einen Monat meine Schüler, und dieses Fürsprechverhältnis wird aller Wahrscheinlichkeit nach in wenigen Tagen enden, wenn ihr die Anstalt erreicht. Ich will euch sagen, dass ich mit euch nicht unzufrieden bin, aber auch keineswegs wirklich zufrieden.“

Was für eine Überraschung, dachte Aurora. Natürlich konnten wir es dir nicht recht machen – du erwartest einfach zu viel von uns!

Ihren gedanklichen Vorwurf ignorierend, fuhr ihr Fürsprecher fort: „Ich hatte mir mehr von euch erwartet. Ich hatte mir erhofft, dass ihr euch mehr eigene Gedanken macht, dass ihr Dinge häufiger hinterfragt – so zum Beispiel, was die Unstimmigkeiten bei eurem Auftrag im Waisenhaus angeht. Ich hätte mir gewünscht, dass ihr selbsttätiger handelt und vor allem auch mehr Verantwortung für andere übernähmt. Was denkt ihr eigentlich, weswegen ich immer euch die Führung bei euren Aufträgen erteilt habe, obwohl ihr neu in Fernland seid und eure Gabe noch kaum beherrscht?“

„Weil die Gabe nicht das Wichtigste ist?“, fragte Tirvo nach kurzem Nachdenken zögernd.

Hartmut schüttelte den Kopf. „Das ist nur teilweise richtig. Gerade weil die Beherrschung eurer Gabe nicht eure Stärke ist, ist es wichtig, dass ihr andere Qualitäten entwickelt – insbesondere die Fähigkeit, sich um andere zu kümmern und deren Handlungsweise zu verstehen, vorherzusagen und zu beeinflussen. Vor allem aber hatte ich gehofft, dass die Ereignisse, die euch aus Urland hierher gebracht haben und die Erlebnisse, welche euch dabei widerfahren sind, euch stark gemacht hätten, stärker als meine anderen Schüler, denn diese besitzen keine wahre Stärke – selbst Mai-shin nicht, die zwar zuletzt hart geworden ist, aber das ist nicht das Gleiche wie Stärke. Ihr werdet in Zukunft in der Anstalt leben – ist euch denn nicht klar, was das bedeutet? Ein Zusammenleben mit tausend anderen Grenzenlosen; jeder mit seiner eigenen Gabe, seinem eigenen Wahnsinn und seinen eigenen Problemen… Erinnert euch daran, wie schwierig eure Schülerzeit bereits bei mir im Turm gewesen ist, in der Gesellschaft nur einer Handvoll anderer Schüler, die euch auch alle freundlich gesonnen waren, was in der Anstalt keineswegs immer der Fall sein wird!“

Ja, dachte Tirvo, dieser Gedanke ist mir auch bereits gekommen – höchst beunruhigend!

„Ohne innere Stärke“, sprach Hartmut weiter, „oder ohne zumindest Freunde, welche solche Stärke besitzen, wird ein Schüler an seiner Grenzenlosigkeit scheitern. Eine echte Freundschaft zwischen Grenzenlosen und Vollbürgern ist selten, und in der Anstalt generell schwierig, da ihr verpflichtet seid, den Umgang mit den dort arbeitenden Vollbürgern auf das absolut Notwendige zu beschränken. Daher sind Freundschaften zwischen Grenzenlosen das beste Mittel, die Schülerzeit zu überstehen, und darum solltet ihr besonderen Wert darauf legen, Beziehungen zu euren Mitschülern zu pflegen, diese zu verstehen und für sie da zu sein.“

„Aber das tun wir doch!“, brach es aus Aurora heraus, doch ihr Fürsprecher schüttelte den Kopf.

„Nein, Aurora, das tut ihr nicht – jedenfalls nicht in ausreichendem Maß.“

„Ich gebe mir aber so doll Mühe“, widersprach die Elbin trotzig.

„Du gibst dir noch nicht genug Mühe“, entgegnete Hartmut ihr. „Sage jetzt nichts mehr“, schnitt er ihre erneute Widerrede ab, „denke lieber später in Ruhe über das nach, was ich euch gesagt habe.“

Er kann doch gar nicht beurteilen, wie viel Mühe ich mir wirklich gebe!, dachte Aurora wütend, für einen Augenblick den Umstand ignorierend, dass Hartmut dies natürlich ganz genau konnte.

„Ihr solltet die Gelegenheit jetzt nutzen, um mir Fragen zur Anstalt zu stellen“, sagte ihr Fürsprecher.

Die Schüler schwiegen. Tirvo wusste nicht, was er fragen sollte, und Aurora war eingeschnappt. Ich könnte stattdessen danach fragen, wie Ludwig wirklich gestorben ist, überlegte sie, aber sie traute sich dann doch nicht, und auf ihren bloßen Gedanken ging Hartmut nicht ein.

Nach einer Minute Stille seufzte Hartmut leise. „Na schön. Dann will ich euch etwas über die Meisterin der Anstalt erzählen. Euch ist gewiss klar, dass sie sehr mächtig ist – und diese Macht liegt keineswegs nur in ihrer Gabe der Gestaltwandlung begründet. Zum Beispiel bin ich trotz bewusster Anstrengung nicht in der Lage gewesen, ihre Gedanken zu lesen.“

„Und warum nicht?“, fragte Aurora.

„Erneut stellst du die falsche Frage“, rügte Hartmut sie. „Stattdessen solltest du dich lieber fragen, wieso ich es versucht hatte.“

Die beiden Schüler schwiegen erneut. Dann meldete sich Tirvo zu Wort. „Ist… die Meisterin gefährlich?“

An Stelle einer Antwort ließ Hartmut seinen Blick langsam über die beiden Schüler wandern.

„Ich gebe euch den Rat, euch in der Anstalt möglichst unauffällig zu verhalten“, sagte er schließlich. „Geht jetzt.“

***

Abends spielte eine nach Arkheim reisende Musikgruppe auf dem Deck, zuerst fröhliche Tanzlieder, mit Einbruch der Dunkelheit jedoch zunehmend besinnlichere und traurigere Stücke. Die meisten Passagiere saßen oder standen um die Musiker herum, und auch die Grenzenlosen waren fast alle anwesend – nur Hartmut war in seiner Kabine geblieben, und Bikkapuna war nicht zu sehen, was jedoch nichts bedeuten musste, da er sich in jeder Ritze zwischen den Schiffsplanken verstecken konnte. Auch zahlreiche Pfoten lauschten, die Hunde auf der einen, die Katze auf der anderen Seite.

Erst lange nach Mitternacht gingen die Schüler schlafen – Tirvo in die Kabine, die er sich mit Johann und dem stets abwesend erscheinenden Bikkapuna teilte; Aurora mit Mai-shin in die Nachbarkabine. Was würde sie in der Anstalt erwarten?

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Veröffentlicht on März 10, 2012 at 11:46 am  Schreibe einen Kommentar  

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