Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 89

*** Mando Grünblatt ***

Es war der Neuntag der vierten Woche des Sixtus im Jahr 562 Arkheimer Zeitrechnung, kurz nach neun Uhr morgens. Mit sicheren, geschickten Schritten stieg Tirvo die Strickleiter hinab in das Fischerboot, welches vom Anstaltshafen aus losgerudert war, um die Grenzenlosen abzuholen. Der Küstenstolz würde hier nicht anlegen, nicht einmal ein eigenes Boot losschicken – tatsächlich unterbrach er seine Fahrt nur gerade so lange, wie es absolut nötig war. Den Matrosen war anzumerken, dass sie sich in der Nähe der Anstalt unwohl fühlten.

Über ihm schwebte Aurora langsam herab, sich nur gelegentlich mit einer Hand an den Schnüren der Leiter festhaltend. Mai-shin war bereits vorgeflogen und hockte auf einer der Sitzbänke, ihre Augen auf die gewaltige Wasserkunst am vorderen Ende des Anstaltsvorgebirges gerichtet. Tirvo hatte darüber gelesen: Ihre Schaufeln wurden von einem so genannten Gezeitenrad angetrieben, welches sich in der Mündung einer Höhle befand, die sich bei Flut mit Wasser füllte, bei Ebbe jedoch leerte. Der Junge hatte sich fest vorgenommen, diesen Mechanismus bald genau in Augenschein zu nehmen, um zu verstehen, wie er funktionierte.

Nachdem auch die übrigen Schüler – einschließlich Bikkapunas, der an diesem Morgen urplötzlich in der Kabine der Jungen aus dem Boden gewachsen war – im Boot saßen, und als letzter Grenzenloser Hartmut seinen Platz an dessen Heck eingenommen hatte, ruderten die Fischer los. Wie Hartmut ihnen erklärt hatte, galt für diese nicht das Kontaktverbot zwischen Schülern der Anstalt und dort arbeitenden Vollbürgern, aber trotzdem entspann sich keine Unterhaltung. Schweigend beobachtete Tirvo, wie sie sich dem kleinen Hafen näherten, an dessen Piers ein halbes Dutzend Boote, sowie das Anstaltsschiff, ein kleiner Zweimaster, lagen.

Auf einen Hinweis von Hartmut hin ruderten die Fischer jedoch zunächst nicht zum Anlegesteg, sondern steuerten das Boot erst vorsichtig zwischen einigen Felsen hindurch direkt zum Anstaltsvorgebirge, wo Linda von Mariannes Schulter mit einem weiten Satz auf einen Stein am Ufer sprang. Dann kehrten sie um, bis sie schließlich die knapp achtzig Meter entfernte Anlegestelle erreichten. Als sie ausstiegen, wurden sie rasch von ein paar Dutzend Hunden umstanden. Einige liefen auf sie zu, um sie zu beschnüffeln, ignorierten jedoch Marianne. Tirvo bemerkte eine Schäferhündin, deren rechte Flanke vollständig haarlos war, und die darauf eine kunstvolle Tätowierung trug: Ein Rudel Hunde, welches auf einer Hügelkuppe den Vollmond anheulte. Weiterhin fiel ihm ein gedrungener Kampfhundrüde mit grimmigem, vernarbtem Gesicht auf, der mehrere Lederbänder um den Leib gewickelt trug, in die zahlreiche Stahlnieten eingelassen waren.

Hartmut führte sie durch den kleinen Hafen nach Norden, dann einen Weg entlang, der sich steil zwischen den Uferfelsen empor schlängelte und teilweise über in den Stein gehauene Treppenstufen führte. Hier stieß auch Linda wieder zu ihnen. An einigen der Felsen glaubte Tirvo eingeritzte Kritzeleien zu erkennen, doch er hatte nicht genügend Zeit, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Am Ende einer längeren Treppe schließlich schien der Weg vor einer Felswand zu enden. Keiner der Schüler zeigte sich jedoch überrascht, als Hartmut seine Handflächen auf diese Wand legte und leise einige Worte murmelte, und sie daraufhin nach innen schwenkte und einen Weg in den Fels hinein frei gab, der von an den Wänden befestigten Öllampen beleuchtet war – sie wussten, dass es auf dem Gebiet der Anstalt zahlreiche Gänge gab, die nur von Fürsprechern oder in deren Gefolge genutzt werden konnten. Sobald sie alle hindurch getreten waren, schloss sich der Eingang leise wieder hinter ihnen.

Nach einigen weiteren Minuten, die sie hauptsächlich damit verbrachten, steile, gewundene Treppen empor zu steigen, erreichten sie eine Tür, welche Hartmut auf die gleiche Weise öffnete wie den unteren Zugang. Sie gingen hindurch und fanden sich in einem schmalen Raum wieder, an dessen Wänden Regale mit darauf aufgereihten Büchern standen. Eine weitere Tür, ein weiterer Gang, eine weitere Treppe und noch eine Tür… und dann standen sie auf einmal am Rand eines von der Sonne hell durchflutetem Raums – eigentlich vielmehr einer gewaltigen Halle, so weit ausgedehnt, dass die Gesichter der Bürger nahe der gegenüber liegenden Wand kaum zu erkennen waren. Zahlreiche riesige in die Decke eingelassene Fenster ließen Tageslicht herein, und mehrere Dutzend Tischreihen, nahezu alle Plätze daran unbesetzt, gruppierten sich um einen langen Tresen in der Mitte, der wiederum einen durch Innenwände abgetrennten Bürobereich abschloss, welcher wie die Bibliothek insgesamt und die Außenmauern der Anstalt regelmäßig achteckig geformt war – eine ebenso eigenwillige wie beeindruckende Architektur.

„Ich gehe jetzt eure Fürsprecher aufsuchen“, sagte Hartmut. „Ihr könnt euch so lange auf dem Gebiet der Anstalt umsehen – sie werden euch schon finden. Aber haltet euch vom Turm der Meisterin fern.“

Er verließ die Bibliothek umgehend wieder durch die Tür, durch welche sie gerade gekommen waren. Die Schüler warfen einander Blicke zu. Dann liefen Marianne und Tideline mit leuchtenden Augen in Begleitung Lindas auf eine Wand zu, vor der einige Dutzend Katzen saßen und sich miteinander unterhielten oder in auf dem Boden vor ihnen aufgeschlagenen Büchern lasen. Mai-shin, die – da war sich Tirvo sicher – den Grundriss der Anstalt bestimmt längst auswendig kannte, steuerte zielsicher auf eine der großen Türen zu und verließ die Bibliothek. Auch die anderen machten sich voller Staunen und Begeisterung auf, ihr neues Zuhause zu erkunden. Nur Tirvo, überwältigt von der Größe und Fremdartigkeit des Raums, blieb in stummem Staunen zurück und versuchte, die Anzahl der in den Regalen befindlichen Bücher abzuschätzen. Zehntausende bestimmt, dachte er beeindruckt. Und das sind nur die frei zugängigen Bände hier im Lesesaal!

Überwältigt schloss er die Augen. Die Anstalt ist ein Ozean voller Wissen – und ich stehe an seinem Ufer.

***

„Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“

Tirvo sah auf und dann ein wenig nach unten. Vor ihm stand ein Halblingjunge, ungefähr in seinem umgerechneten Alter, schlank und für sein Volk hochgewachsen, mit kurzen, dunkelblonden Haaren und hellblauen Augen. Er hielt ein Klemmbrett in der Hand und überprüfte wohl gerade den Inhalt des Regals, an das Tirvo sich gelehnt hatte.

Der Menschenjunge schüttelte den Kopf. „Nein, schon gut. Es ist nur…“ Er brach ab.

Nach einigen Sekunden Schweigens ergriff der Halbling wieder das Wort. „Dein erster Tag in der Anstalt, stimmt’s? Ich war damals auch völlig verloren – gerade hier in der Bibliothek! Aber das ist der beste Ort hier, mit den ganzen Büchern! Ich liebe es zu lesen, weißt du. Deswegen war meine Fürsprecherin auch damit einverstanden, dass ich hier ab und zu arbeiten darf, obwohl sie es lieber gesehen hätte, wenn ich mich in den ersten beiden Jahren ausschließlich auf meine Kurse konzentrierte.“

Er schob den Bleistift in die dafür vorgesehene Rille am Klemmbrett und reichte Tirvo die dadurch frei gewordene Hand. „Ich heiße Mando. Mando Grünblatt.“

Tirvo ergriff seine Hand und drückte sie. „Tirvo Banrus.“

„Du kommst aus Urland, stimmt’s?“

Tirvo lächelte. „Das hört man?“

„Klar. Du sprichst halt ein bisschen komisch – ich meine, anders. Darf ich fragen, was deine Gabe ist?“

Erleichtert, dass er nicht näher zu seiner Herkunft befragt wurde, antwortete Tirvo schnell: „Wasser.“

Der Halbling wich einen Schritt zurück und starrte ihn an. „Nicht wirklich – du veräppelst mich doch, oder?“

Tirvo schüttelte den Kopf. „Nein. Wieso?“

„Dann haben wir beide ja die selbe Gabe!“, strahlte Mando ihn an. „So etwas! Oh, und dann wirst du bestimmt auch ein Schüler von Beatrice werden!“

„Beatrice?“, fragte der Menschenjunge nach.

„Beatrice Lusovic, eine Menschenfrau. Ihre Gabe ist ebenfalls Wasser. Sie ist schon ziemlich alt, aber eigentlich sehr nett.“

„Prima“, meinte Tirvo. Er dachte an Hartmut, der heute wohl den letzten Tag sein Fürsprecher war, und wie peinlich es damals gewesen war herauszufinden, dass dieser seine Gedanken lesen konnte. „Gibt es vielleicht etwas Wichtiges, was ich über sie wissen sollte, bevor ich sie treffe?“

„Sprich sie nicht auf ihre Zwillingsschwester an!“, erwiderte Mando umgehend. „Die beiden können einander auf den Tod nicht ausstehen – niemand weiß, warum. Am besten tust du in ihrer Gegenwart so, als wenn es Sophia gar nicht gäbe.“

„Oh. Gut.“

Eine kurze Gesprächspause trat ein. Tirvo beobachtete, wie ein etwa achtzehnjähriges, etwas hageres Menschenmädchen mit kurzen schwarzen Haaren, das eine Brille trug, mit Papierkügelchen nach einigen Katzen warf, was diese jedoch ignorierten. Nach einer gewissen Zeit kam eine äußerst adrett gekleidete Menschenfrau um die dreißig herbei geeilt, unterband dieses Treiben aber nicht, sondern begann damit, die Kügelchen stillschweigend aufzusammeln.

„Entschuldige mich, ich werde gebraucht“, murmelte Mando und lief mit raschen Schritten zum Tresen in der Mitte des Raums, wo ein etwas dicklicher Menschenjunge, der Tirvo trotz seiner Glatze und seines dunklen Vollbarts nicht viel älter als er selbst erschien, mit einigen Büchern unter dem Arm wartete. Tirvo folgte dem Halbling langsam.

„Reicht dir das denn für das Wochenende?“, fragte Mando den Jungen gerade mit einem Lächeln, als Tirvo dazu kam. Dieser antwortete mit einem undeutlichen Brummen, aus dem mit etwas Fantasie das Wort „Stockball“ heraus zu hören war. Er unterschrieb rasch auf einem Zettel, den der Halbling ihm hin schob, nickte Tirvo kurz zu und begab sich dann Richtung Ausgang.

„Ziemlich seichtes Zeug“, merkte Mando, ihm zugewandt, an. „Man sollte meinen, als Grenzenloser hätte man es nicht nötig, Abenteuergeschichten zu lesen.“

„So etwas steht hier also auch?“, wunderte Tirvo sich. „Ich hätte eigentlich nur Lehrbücher erwartet.“

„In der Bibliothek der Anstalt findet man alle Bücher, die in Arkheim jemals gedruckt wurden – naja, schließlich werden sie ja auch alle in der Anstalt gedruckt. Natürlich sehen es die Fürsprecher lieber, wenn ihre Schüler lernen, aber wer seine Freizeit mit dem Lesen von Romanen oder Gedichten verbringen will, kann das tun.“

„Hm. Ich würde ja lieber erst einmal etwas über Wasserzauber lernen. Kannst du mir da vielleicht etwas empfehlen?“

„Klar“, lächelte Mando ihn an. „Für Erstjahresschüler ist Das nasse Element von Marcus Miedermeyer wohl der beste Einstieg – ein bisschen theoretisch, aber es öffnet einem die Augen für wichtige Zusammenhänge.“

Er begleitete Tirvo zu dem Regal, in dem dieses Buch sich befand und erklärte ihm dabei kurz den grundlegenden Aufbau der Büchersammlung, der auch durch zahlreiche Hinweisschilder gut nachzuvollziehen war. Der Menschenjunge bedankte sich, setzte sich an einen Tisch und begann zu lesen.

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Veröffentlicht on April 26, 2012 at 3:41 pm  Schreibe einen Kommentar  

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