Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 88

*** Zukunftspläne ***

Zurück auf dem Deck genoss Aurora die frische, reine Luft. Vorne am Bug sah sie Tirvo mit Platschi spielen, den er offenbar aus hoch spritzendem Meerwasser geschaffen hatte und stetig anwachsen ließ. Einige Hunde beobachteten ihn neugierig, aber auch misstrauisch.

Sie selbst hielt einfach ihr Gesicht in den Fahrtwind, in der Hoffnung, dass dieser ihre Müdigkeit und ihre trüben Gedanken fortwehen würde, auf jeden Fall aber Hartmuts Gestank. Nach einigen Minuten bemerkte sie, dass Johann, der vielleicht als einziger an Bord eine wasserfeste Überjacke trug, sich ihr näherte.

„Hallo, Aurora“, sagte er und gab ihr einen Kuss. „Hast du mit Hartmut gesprochen?“

„Riecht man das?“, gab sie, immer noch verärgert, zurück.

Johann nickte. „Gewiss.“ Er stellte sich neben sie und ergriff ihre Hand. Eine Zeit lang schwiegen sie. Dann räusperte sich der Junge.

„Aurora… ich habe mir Gedanken gemacht, wegen der Anstalt… du weißt ja, dass die Schüler in den ersten drei Kursjahren Doppelzimmer im ersten Stock belegen… und es heißt ja, die Fürsprecher gingen in der Regel auf die Wünsche der Schüler ein, was deren Zimmergenossen angeht… daher habe ich mich gefragt… ich meine, ich könnte natürlich mit Tirvo zusammenziehen… ich gehe davon aus, dass er nichts dagegen hätte… aber eigentlich würde ich natürlich viel lieber… ich meine, wollen wir uns nicht ein Zimmer teilen?“

„Klar, warum nicht?“, antwortete Aurora. Johann strahlte sie an, zog sie an sich und küsste sie.

„Ist der Geruch weg?“, fragte die Elbin.

„Größtenteils“, gab der Menschenjunge zurück. „Er setzt sich halt immer recht hartnäckig in Kleidern und Haaren fest.“

„Nun ja – zumindest dieses Problem werden wir ja bald nicht mehr haben“, merkte Aurora an.

„Mhm.“ Johann schien nachdenklich. „Weißt du – ich glaube, ich habe eine Ahnung, warum Hartmut sich nicht wäscht.“

„Ist es denn nicht einfach sein… du weißt schon?“, fragte Aurora.

„Ja, natürlich – aber es muss ja irgendeinen Grund geben, warum er sich gerade in dieser Form äußert. Ich denke, es hat mit seiner Gabe zu tun. Es ist Bürgern eben furchtbar unangenehm, wenn jemand anders ihre Gedanken lesen kann. Vielleicht will Hartmut ihnen ein wenig das Gefühl dieser Peinlichkeit nehmen, indem er ihnen einen Grund gibt, ihn zu verachten und sich ihm überlegen zu fühlen, weil er so hässlich ist und so schlimm stinkt. Ich kann mir vorstellen, dass ihm das lieber ist, als wenn sie Angst vor ihm und seiner Gabe haben.“

„Kann sein“, meinte Aurora, die gerade keine Lust verspürte, sich gedanklich mit ihrem Fürsprecher zu befassen. „Was machen wir eigentlich mit Tirvo und Mai-shin?“, lenkte sie ab. „Ich vermute, die beiden sind davon ausgegangen, sich mit uns Zimmer zu teilen – du weißt schon, wegen unseres Pakts und so. Ich denke, wir sollten sie erst einmal fragen, ob sie bereit sind zusammenzuziehen.“

„Natürlich“, murmelte Johann. „Soll ich sie fragen?“

„Sprich du mit Tirvo“, entgegnete die Elbin. „Ich wollte sowieso noch einmal mit Mai-shin reden.“

Sie gab ihrem Freund einen raschen Kuss und ging los, um das Lashanimädchen zu suchen.

***

„Tirvo?“

„Mhm“, antwortete der Angesprochene, ohne Johann anzublicken, seine Augen fest auf die wagenraddicke Wasserkugel, die vor ihm schwebte, gerichtet.

„Ich habe mit Aurora wegen der Zimmeraufteilung in der Anstalt gesprochen. Wenn Mai-shin auch einverstanden ist, bist du dann bereit, mit ihr in ein Zimmer zu ziehen?“

„Klar.“ Einige weitere Wassertropfen erhoben sich vom Deck, schwebten auf die Kugel zu und verschmolzen mit ihr.

Johann bedankte sich und ließ Tirvo wieder mit seinem Platschi allein.

***

„Mai-shin?“, rief Aurora. Die Lashani war einige Meter in die Takelage geklettert – oder wahrscheinlich eher hinauf geflogen, dachte die Elbin – und saß dort inmitten einiger Möwen, welche den Küstenstolz auf seiner Fahrt die fernländische Küste entlang begleiteten.

Das ostfernländische Mädchen nickte ihr zu, schien einen Augenblick abzuwarten, ob Aurora zu ihr hinauf kommen würde, und ließ sich dann mit ausgebreiteten Armen langsam auf das Deck niedersinken.

„Wie gut du das bereits kannst“, staunte Aurora. „Ich habe meine Flugkünste bei weitem noch nicht so gut unter Kontrolle.“

Mai-shin lächelte ihr zu. „Das wird schon noch.“

„Ich weiß nicht“, gab das Elbenmädchen zögernd zurück. „Ich bin einfach keine so rasche Lernerin wie du. Überhaupt erwarten alle immer so furchtbar viel von mir… Für Hartmut bin ich nur eine große Enttäuschung. Was ist, wenn ich in der Anstalt auch nicht die Erwartungen erfüllen kann, die mein neuer Fürsprecher in mich setzt? Ich habe da einen ganz schlimmen Traum gehabt…“

„Ich bin sicher, du schaffst es“, munterte Mai-shin sie auf. „Du musst dir nur etwas mehr Mühe geben.“

„Ah ja. Natürlich.“ Aurora unterdrückte eine wütende Entgegnung.

„Du hast doch etwas auf dem Herzen – raus damit!“, forderte die Lashani sie auf.

„Naja… wir erreichen doch morgen die Anstalt, und Johann hat mich gefragt… also, ich wollte zuerst dich fragen…“

„…ob ich mit Tirvo in ein Zimmer gehe, damit du mit deinem Freund zusammenziehen kannst?“, ergänzte Mai-shin etwas ungeduldig. „Nun schau nicht so erstaunt – ich habe mich schon gefragt, wann er sich traut, dich darauf anzusprechen.“

„Ist das denn für dich in Ordnung?“ Jetzt erst kam Aurora der Gedanke in den Sinn, dass Mai-shin, die selbst in Johann verliebt war, vielleicht gar nicht wollte, dass sie beide zusammen wohnten.

„Na klar. Der Pakt muss doch zusammen halten.“

Die Elbin war sich nicht ganz sicher, ob sie nicht doch ein kurzes Zögern herausgehört hatte, aber Mai-shin sah sie mit einem aufrichtig wirkenden Lächeln an. Sie bedankte sich bei ihrer Freundin mit einem flüchtigen Kuss auf deren zartblau geschminkte Wange, bevor sie sich auf den Weg zurück zu Johann machte. Hinter sich hörte sie, wie Mai-shin mit einem lauten Flattern wieder in die Takelage aufstieg.

***

Zum Abendessen setzte die Elbin sich zu Marianne und Tideline, die sich natürlich im Katzenbereich befanden. Hartmut hat doch gesagt, ich soll mich mehr um andere kümmern, dachte sie. Und Bikkapuna ist ja nie zu sehen. Sie registrierte, dass Marianne mit Appetit aß – die Medizin, die sie von Prudo Pinienkern gegen Seekrankheit erhalten hatte, wirkte offenbar gut. Auf ihrem Schoß hatte sich Linda zusammengerollt.

„Hallo“, sagte Aurora. „Ihr beide nehmt euch doch bestimmt in der Anstalt ein gemeinsames Zimmer?“

„Das haben wir vor, wenn wir dürfen, aber Hartmut meinte, das ginge bestimmt in Ordnung“, antwortete Tideline. „Und Linda wird auch bei uns wohnen!“

„Was möchtest du denn in der Anstalt?“, wandte Aurora sich höflicherweise direkt an die weiße Katze, obwohl sie deren Antwort nicht verstehen würde.

Linda sah sie nur durch halb geschlossene Augenlider hindurch an, und Marianne antwortete für sie: „Sie will ihre Kinder dort zur Welt bringen. Die Anstalt ist das größte Gebiet Katzenland in Arkheim, und junge Katzen können dort viel lernen. Ich schulde ihr noch etwas – du hast dich doch gewiss gefragt, woher ich damals die vier Goldstücke hatte, richtig? – und deswegen nehme ich sie mit mir und helfe ihr mit ihren Jungen.“

„Oh – ich gratuliere! Das wusste ich ja gar nicht! Aber was ist denn mit dem Vater?“, ließ die Elbin die Worte aus sich heraus sprudeln, ohne darüber nachzudenken.

Linda drehte den Kopf beiseite, und auch Tideline senkte den Blick. Marianne räusperte sich. „Aurora – Pedro ist der Vater der Kinder.“

„Pedro?“ Der Name kam Aurora bekannt vor, aber sie konnte ihn gerade nicht einordnen.

„Der Kater, der am Turm gestorben ist, als er das Bild gegen die Angreifer verteidigte“, sagte Marianne leise.

„Oh.“ Aurora schwieg bedrückt. Vielleicht hatte Hartmut doch recht, und sie sollte sich mehr für die Bürger und Pfoten um sie herum interessieren.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Veröffentlicht on März 28, 2012 at 2:30 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s