Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 90

*** Neue Fürsprecher ***

Aurora lief ziellos durch das Anstaltsgebäude und ließ dessen gigantische Größe auf sich wirken. Ihr Weg führte sie an Dutzenden Türen vorbei, bevor sie auch nur um eine der acht Ecken gebogen war oder gar das Stockwerk gewechselt hatte – was mochten sich hier nur alles für Geheimnisse verbergen? Alle dreißig Schritte hingen Wanduhren im Flur, was Aurora enorm beeindruckte – Uhrwerke waren in der Tagmokratie äußerst kostbare Einzelstücke gewesen. Wenn alle diese Gänge gleichermaßen ausgestattet waren, gab es allein im Hauptgebäude der Anstalt möglicherweise mehr Uhren als in ganz Schattenland!

Immer wieder begegnete sie Katzen. Zunächst grüßte sie immer freundlich, und die meisten von ihnen miauten auch kurz zurück, aber irgendwann sah sie dann ein, dass dieses Unterfangen dem glich, auf einer Kaperstädter Hauptstraße alle Passanten zu begrüßen.

Für Marianne muss dies hier wahrlich der aufregendste Ort der Welt sein, dachte sie. Und bestimmt weiß jede dieser Katzen Geschichten über die Anstalt zu erzählen – wie unglaublich praktisch, sich mit ihnen allen unterhalten zu können!

Schließlich folgte sie einer der in den Türmen befindlichen Wendeltreppen ins Erdgeschoss und trat auf den Anstaltsvorplatz hinaus. Linker Hand befanden sich die Mensa, das Badehaus und das Hospital der Anstalt, sowie am Beginn der Anstaltsstraße, welche den Anstaltsvorplatz mit der Küstenstraße verband, ihre Gewächshäuser. Auf der rechten Seite, nach Süden hin, standen zahlreiche größere und kleinere Werkstätten, von denen die Druckerei mit Abstand die größte war. Aurora konnte außerdem eine Schmiede, eine Schreinerei, eine Glaserei, eine Töpferei und eine Weberei identifizieren. Im Osten, am Anfang der Anstaltsstraße, schlossen sich dann die Stallungen an.

Die Elbin schlenderte langsam zwischen den Gebäuden hindurch. Aus den Augenwinkeln konnte sie immer wieder vorbei huschende Katzen erkennen, aber keine kam ihr nahe – der Platz war groß genug, dass sogar Bürger in ausreichender Entfernung aneinander vorbei gehen konnten, um unerwünschte Höflichkeitsbegrüßungen zu vermeiden. Obwohl gerade einige Dutzend Bürger in verschiedensten Richtungen auf dem Platz unterwegs waren, machte dieser auf Grund seiner Größe trotzdem keinen allzu geschäftigen Eindruck.

Die meisten dieser Bürger waren Vollbürger, die mit allerlei Besorgungen zwischen den Gebäuden herum huschten, kenntlich durch ihre mausgraue, unauffällige Kleidung, welche den Grenzenlosen dabei helfen sollte, sie weitestgehend zu ignorieren. Aurora fragte sich, warum dieses Verbot privater Kontakte zu den hier arbeitenden Vollbürgern bestand – hatte es vielleicht früher irgendwelche schlimmen Vorfälle gegeben? Die vollständige Separation der beiden Bevölkerungsgruppen konnte jedenfalls nicht das Ziel sein, sonst wären ja auch keine Freundschaften zwischen ihnen außerhalb der Anstalt erlaubt.

Sie sah aber auch einige Grenzenlose. Aus dem Restaurant zum Beispiel traten gerade zwei noch recht kindlich wirkende Mädchen, eine Menschin und ein Zwergin, die einander an den Händen hielten und kicherten. Als sie die Elbin erblickten, blieben sie kurz stehen und starrten sie an, begannen dann erneut zu kichern und gingen weiter. Keine gute Erziehung, urteilte Aurora. Sie ging weiter in Richtung Anstaltsstraße.

An einen kleinen Felsen gelehnt saß ein Dunkelmenschenjunge in einfacher Anstaltskleidung. Er drehte Däumchen und schien sich leise mit der leeren Luft zu unterhalten. Noch weiter weg, auf der anderen Seite des Platzes, stand ein kleiner, dicker Menschenmann in den mittleren Jahren, dessen außergewöhnlich abstoßendes Äußeres Aurora selbst über diese Entfernung hinweg ins Auge sprang – sein Gesicht glich dem einer Kröte. Er war damit beschäftigt, kleine Steine senkrecht in die Luft zu werfen und wieder aufzufangen.

Als die Elbin das Hospital passierte, erblickte sie ein braunhaariges Zwergenmädchen, welches selbst für dieses Volk sehr robust und kräftig wirkte. Es trug einen Arm in der Schlinge und einen Verband um den Kopf und verließ das Hospital mit entschlossenen kurzen Schritten. Sein Ziel schien die Mensa zu sein.

Aurora setzte ihren Weg bis zum Beginn der Anstaltsstraße fort und blieb dann unschlüssig stehen. Nach links führte ein Pfad an den Gewächshäusern vorbei hinab zum tiefer gelegenen Übungsgelände, das durch hoch aufragende, bunt angestrichene Pfosten in Sektoren eingeteilt war, in welchen Anstaltsschüler ihre Gabe trainieren konnten, ohne andere zu gefährden. Zwischen den gläsernen Treibhäusern sah sie eine alte Frau mit langsamen Schritten herumgehen.

Alles hier wirkte irgendwie seltsam auf das Elbenmädchen. Niemand hier schien sich normal zu verhalten. Aber vielleicht ist ja gerade das in der Anstalt normal?, fragte sich Aurora. Sie kam sich verloren vor.

Ein krächzender Schrei aus dem Himmel ließ sie nach oben blicken. Ein Greif flog auf den Horst der Anstalt zu, dessen Reiter recht klein wirkte – ein Halbling? – und sehr bunt gekleidet war. Staunend folgte die Elbin ihm mit den Augen, bis er hinter der Ummauerung der Landeplattform des Horstes verschwand. Sie hatte noch nie zuvor einen Greifen gesehen! In der Tagmokratie galten diese Tiere, ebenso wie Zentauren, als die Erfindung von Bürgern mit unordentlichern Fantasien, obgleich in den bergigeren Regionen Schattenlands die Gerüchte in der einfachen Bevölkerung nicht abrissen, dass riesige Mischwesen aus Löwen und Adlern gelegentlich über ihre Viehherden herfielen. Aurora schütelte langsam ihren Kopf. Wie viele „Gerüchte“, „Märchen“ und „Legenden“ aus Urland würden sich in Arkheim noch als wahr erweisen?

Schließlich kehrte sie um und machte sich zurück auf den Weg zur Bibliothek. Hartmut hatte zwar gesagt, ihr Fürsprecher würde sie schon finden, aber vielleicht machte es einen besseren Eindruck, wenn sie nicht erst lange gesucht werden musste.

Auf dem Rückweg fiel ihr ein sehr schmächtiger Menschenjunge mit hellbraunen Haaren auf, der mit einem riesigen Rucksack, unter dessen Gewicht er sich beinahe bis zum Boden krümmte, mühsam den Weg von der Druckerei zur Straße entlang stapfte. Eine Strafarbeit? Der arme Junge bricht unter seiner Last ja fast zusammen, dachte Aurora.

Als sie die Anstalt betrat, wäre sie beinahe über ein dunkelblondes, nach Art der Grünelben gekleidetes Elbenmädchen gestolpert, welches ihr auf allen Vieren entgegen kam, doch irgendwie gelang es dem kriechenden Mädchen, ihr mit einer geschmeidigen Bewegung auszuweichen und durch die Tür ins Freie zu schlüpfen, bevor Aurora die Situation völlig erfasst hatte.

Die sind doch alle verrückt hier, dachte Aurora. Mit einem Mal war sie sehr froh darüber, dass sie sich ein Zimmer mit Johann teilen würde. Sie sehnte sich nach seinen ruhigen, vernünftigen Worten und seinen zärtlichen Berührungen… und nach seinen Peitschenhieben.

„Wir sind alle verrückt“, seufzte sie leise. Eine ihren Weg kreuzende Katze miaute leise Zustimmung.

***

„T-t-t-t-tirvo B-b-b-b-banrus?“

Der Angesprochene sah auf. Das Buch, welches Mando ihm empfohlen hatte, war tatsächlich sehr interessant, aber auch furchtbar schwierig zu lesen und voller Elbwörter – einzelne Begriffe wie Adhäsion und Kohäsion konnte er zwar noch aus dem Zusammenhang heraus verstehen, aber den Abschnitt über die Berechnung des Gesamtdipolmoments von Wassermolekülen mittels der vektoriellen Addition der Elektronegativitäten hatte er vier Mal gelesen, ohne auch nur ansatzweise zu erfassen, wovon eigentlich die Rede war, und zuletzt hatte er nur noch ein wenig geblättert, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, was der Autor dieses Buches alles über Wasser zu sagen wusste – und das war eine ganze Menge.

„Das bin ich.“ Vor Tirvo stand eine schlanke, weißhaarige, bebrillte Dame, eine Menschenfrau jenseits der sechzig. Ihre Kleidung wirkte ein wenig unordentlich, aber sie hielt sich schnurgerade aufrecht und sah ihn aus aufmerksamen, hellblauen Augen an.

„M-m-m-m-m-mein N-name ist B-b-b-beatrice Lu-lu-lu-lusovic. I-i-i-i-ich w-w-w-w-w-werde deine F-f-f-f-f-f-fürsprecherin in d-der A-a-a-a-anstalt sein, w-w-w-wenn du ei-ei-ei-einverstanden b-bist.“

„In Ordnung“, meinte Tirvo etwas zögernd.

„A-a-a-a-a-am b-besten kommst du mit zu m-m-mir in mein T-t-t-t-t-turmzimmer. D-dort können w-wir dann in Ru-ru-ru-ruhe m-miteinander re-reden.“

„Sicher“, stimmte Tirvo zu. Das wird ja dann wohl etwas länger dauern…

***

„Aurora Yirell?“

Das Elbenmädchen, das sich gerade erst vor ein paar Minuten mit dem Buch Der Himmel – ein Reich, keine Grenze an einen Tisch gesetzt hatte, blickte auf. Vor ihr stand eine äußerst adrett gekleidete, weißhaarige, sehr schlanke Menschenfrau in ihren Sechzigern, welche sie mit ihren hellblauen Augen hinter ihrer Brille hervor eingehend musterte.

„Ja?“ Sie klappte ihr Buch zu und stand höflich auf.

„Ich bin Sophia Lusovic – deine neue Fürsprecherin, wenn du einverstanden bist.“

„Sehr angenehm“, erwiderte Aurora mit einem Lächeln.

„Lass uns in mein Turmzimmer gehen, dann können wir in Ruhe miteinander reden.“

„Sehr gerne“, antwortete die Aurora, stellte rasch ihr Buch zurück und folgte dann der Frau, die ihr in völlig aufrechter Haltung und mit gemessenen Schritten, welche die Elbin an zeremonielle Empfänge auf dem Gut ihres Vaters erinnerte, voraus ging.

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Veröffentlicht on Mai 24, 2012 at 8:11 pm  Schreibe einen Kommentar  

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