Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 92

*** In gemeinsamen Zimmern ***

Aurora Yirell / Johann Turecht stand in gedruckter Schrift auf einem Zettel in einem kleinen Holzrahmen neben ihrer Zimmertür. An der Tür selbst war ein kleiner Kasten befestigt, in dem Nachrichten hinterlassen werden konnten. Für die Zimmertür war Aurora ein Schlüssel ausgehändigt worden. Johann würde einen zweiten erhalten haben. Die Tür ließ sich von außen und innen abschließen, jedoch nicht verriegeln – Fürsprecher, die über Generalschlüssel für alle Zimmertüren verfügten, konnten jederzeit ein Schülerzimmer betreten, auch wenn Aurora versichert worden war, dass sie nur in wichtigen Fällen von dieser Möglichkeit Gebrauch machten.

Sie öffnete die Tür, die unverschlossen war. Nachdem sie Sophia ihren Wunsch mitgeteilt hatte, sich ein Zimmer mit Johann zu teilen, hatte diese ihr gesagt, dass ihr Zimmer nach dem Abendessen für sie bereit sein würde, und so war es auch: Die beiden Betten waren frisch bezogen, und es lagen kleine Stapel mit Handtüchern und Waschlappen darauf. Auf den beiden Nachttischen befanden sich jeweils Schreibzeug, Papier und einige andere Schulsachen. Die obersten Nachttischschubladen waren geöffnet, und die Elbin konnte darin Tiegel mit Seifenstücken, Zahnbürsten und kleine Becher erkennen. An den Seitenwänden des ungefähr fünf Meter breiten Raums standen zwei große Schränke, in welche Aurora gleich die Handtücher und Lappen einräumte. Wenn ich irgendwelchen persönlichen Besitz hätte, könnte ich ihn jetzt in diesen leeren Fächern unterbringen, dachte sie.

Das Zimmer war recht hell – die Sonne war noch nicht untergegangen, und durch zwei große Fenster fiel Licht herein. Ihr Raum lag im Erdgeschoss – also im ersten Stock nach der in der Anstalt gängigen Zählung – und Aurora konnte auf den Anstaltsvorplatz hinaus blicken. Die Fenster gehen nach Osten; wir werden von der Sonne geweckt werden, stellte sie fest. Es gab allerdings schwere, dunkle Vorhänge, welche die Fenster vollständig abzudecken in der Lage waren. Aurora bemerkte, dass es sich um Doppelfenster handelte. Das beeindruckte sie: In der Tagmokratie waren selbst einfache Glasfenster bei ärmeren Familien keine Selbstverständlichkeit, und die teuren Doppelfenster, die mithalfen, Innenräume im Sommer kühl und im Winter warm zu halten, waren eine vergleichsweise neue Errungenschaft. Selbst auf dem Gut der Yirells in Schattenland waren sie erst während ihrer Lebenszeit eingebaut worden.

Die Außenmauern der Anstalt waren erstaunlich dick, ungefähr sechzig Zentimeter. Dadurch befand sich vor den Fenstern jeweils ein breites Fensterbrett (nicht wirklich ein Brett, sondern eine Fläche glatt verputzten Mauerwerks), auf dem die Schüler Schreibarbeiten ausführen konnten – jedenfalls legten dies die beiden Stühle, welche davor standen, nahe. An dieser Wand, ungefähr bis Kniehöhe, verliefen die gerippten, metallenen Körper der Anstaltsheizung, in die im Winter heißes Wasser gepumpt wurde, um die Räumlichkeiten zu wärmen. Ob das auch so gut funktioniert wie eine Ofenheizung?, fragte die Elbin sich. Auf jeden Fall ist es sehr bequem. Schließlich hingen noch über den beiden Nachttischen zwei Öllampen, deren Helligkeit sich mit Hilfe eines Rades verstellen ließ.

Alles in diesem Raum erschien funktional – praktisch, aber auch sehr unpersönlich. Aurora war bereits aufgefallen, dass sich die Stühle, die sich in der Bibliothek, in der Mensa und in den Schülerzimmern befanden, allesamt glichen (abgesehen natürlich von unterschiedlichen Größen für die verschiedenen Völker). Offensichtlich wurden sie nicht stückweise gefertigt: Stattdessen wurden in der Schreinerei passgenaue Einzelteile in großen Stückzahlen hergestellt, die dann mit Hilfe von Nägeln in immer gleichen Arbeitsschritten miteinander verbunden wurden. Auch Schränke, Tische und Betten wurden auf die gleiche Weise produziert. Aurora fand sie hässlich, freute sich aber, dass sie überhaupt Mobiliar besaß – die Zeit als Sklavin auf dem Schiff des Meerbundes hatte sie gelehrt, auch die kleinsten Annehmlichkeiten nicht mehr als Selbstverständlichkeiten anzusehen. Außerdem war der Raum deutlich größer als die engen Zimmer in Hartmuts Turm. Platz scheint in der Anstalt kein Problem zu sein, dachte Aurora und erinnerte sich daran, was sie über die Größe des Hauptgebäudes der Anstalt gelesen hatte: Der Grundriss ist ein regelmäßiges Achteck, mit Seitenlängen von jeweils 150 Metern. Aurora musste schmunzeln, als sie daran zurück dachte, wie sie Mai-shin erstaunt diese Textpassage vorgelesen hatte, und die Lashani ihr daraufhin nach einigen Sekunden Nachdenkens den Durchmesser und die Grundfläche der Anstalt genannt hatte. Später, nachdem sie sich selbst das entsprechende Buch vorgenommen hatte, hatte das ostfernländische Mädchen ihr dann auch noch die Gesamtnutzfläche des Anstaltshauptgebäudes mitgeteilt, unter Berücksichtigung der fünf ober- und der beiden unterirdischen Stockwerke (aber natürlich ohne die noch tiefer liegenden Bereiche, über die es nur Gerüchte gab), sowie der acht Ecktürme. Natürlich muss man noch ein bisschen von diesem Wert für die Außen- und Innenmauern und Treppenhäuser abziehen, hatte sie gesagt, aber auch so ist es ein beeindruckend großes Gebäude. Aurora hatte ihr zugestimmt, sich aber dabei gedacht, dass sie Mai-shins rasch und präzise arbeitenden Verstand noch viel beeindruckender fand.

„Ach Mai-shin, du bist so klug“, sagte die Elbin, halb im Scherz, halb im Ernst vor sich hin, während sie zum Fenster hinaus sah.

„Ich fürchte, du verwechselst mich“, hörte sie Johanns Stimme hinter sich.

„Johann!“ Das Elbenmädchen drehte sich in einer fließenden Bewegung um, sprang auf ihn zu und umarmte ihn. „Ich habe mich schon gefragt, warum du dich nicht blicken lässt. Auch Mai-shin war nicht beim Essen in der Mensa.“

„Ich habe mich noch mit meiner Fürsprecherin unterhalten“, erwiderte Johann. „Du wirst nicht glauben, wer sie ist!“

„Wer denn?“, fragte Aurora pflichtbewusst nach.

„Ihr Vorname ist… Myline!“ Johann sah die Elbin an, als müsse ihr dies etwas sagen.

„…eine Halblingin?“, fragte sie zögernd.

„Ja!“ Johanns Augen leuchteten. „Du hast es!“

„Aha.“ Aurora war verwirrt. „Ist es denn so etwas Besonderes, eine Halblingin als Fürsprecherin zu haben?“

Johann blinzelte kurz. „Myline Buschblüte, Aurora. BUSCHBLÜTE.“

„Myline Buschblüte“, wiederholte die Elbin verständnislos. „Ja, das ist ein typischer Halblingname.“

„Myline Buschblüte – nun sag nicht, du hast noch nie etwas von ihr gehört!“

„Johann… es tut mir leid, aber…“ Die Enttäuschung des Menschenjungen übertrug sich auf sie. „Du weißt doch, ich komme aus Urland…“

„Natürlich, wie dumm von mir – das habe ich vergessen. Ich meine, ich habe natürlich nicht vergessen, dass du aus Urland kommst, aber dass du dich deswegen hier in Arkheim nicht auskennst… aber, Aurora, Myline Buschblüte! Bist du sicher, dass du den Namen nie gehört hast?“

„Ja, ich bin mir sicher.“ So langsam ging ihr Freund ihr auf die Nerven. „Und wer ist diese Myline Buschblüte nun?“

„Sie ist die großartigste Malerin in der Geschichte Arkheims! Ihre Bilder sind Hunderte von Goldmark wert – und das sind nur diejenigen, die nicht magisch sind! Myline Buschblüte, Aurora – sie ist eine lebende Legende! Und sie ist meine Fürsprecherin! Sie hat mir ein paar ihrer Bilder gezeigt – es ist einfach unglaublich! Da gibt es ein Bild von einer Wolke… es ist einfach nur eine Wolke, verstehst du, nichts weiter, aber diese Wolke… du siehst sie an, und du SIEHST die Wolke… Ach, ich kann es dir einfach nicht begreiflich machen…“

„Wenn sie so großartig ist – willst du sie mir dann nicht einmal vorstellen?“, fragte sie eifersüchtig. Noch nie hatte sie Johann in so schwärmerischem Ton reden hören, wenn er nicht gerade seinem Wahnsinn nachgab!

„Was? Aber natürlich! Ich bin sicher, sie wird sich Zeit für dich nehmen. Sie ist wirklich sehr nett, Aurora. Sie ist einfach unglaublich! Ich wusste ja natürlich, dass sie grenzenlos ist, aber dass sie Fürsprecherin in der Anstalt ist… Und jetzt ist sie meine Fürsprecherin!“

Das habe ich unterdessen verstanden, dachte Aurora zornig. Sie ging zu ihrem Schrank, öffnete diesen mit einer ruckartigen Bewegung und nahm ein Handtuch und einen Waschlappen heraus. „Ich gehe duschen“, kündigte sie an und ließ den Menschenjungen allein im Zimmer zurück.

***

Tirvo hatte lange geduscht. Natürlich war eine Dusche nicht mit einem Bad im Ozean oder auch nur in einem See wie dem Turmsee vergleichbar, aber diese Einrichtung begeisterte ihn trotzdem – von der Decke fließendes, und sogar warmes Wasser mitten in einem Gebäude! Und das so hoch über dem Meeresspiegel! Er musste unbedingt herausfinden, wie die Pumpen der Anstalt und die Entsalzungsanlage im Keller funktionierten. Vielleicht lernen wir ja in Handwerk etwas darüber, dachte er, schob den Gedanken aber rasch wieder beiseite, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass dieser Kurs, den seine Fürsprecherin ihn belegen ließ, vielleicht doch nicht ganz uninteressant war.

Während er sich noch mit einem Handtuch die Haare trocken rieb, öffnete er die Tür zu seinem Zimmer und fand Mai-shin darin vor, die gerade damit beschäftigt war, eines der Betten mit blauer Bettwäsche zu beziehen.

„Guten Abend, Mai-shin“, begrüßte er das Lashanimädchen. „Wo warst du denn so lange? Wir dachten, wir sehen dich spätestens beim Abendessen.“

„Hallo, Tirvo. Ich habe mich noch recht lang mit meinem Fürsprecher unterhalten und war danach im Badehaus.“

„Wieso das denn?“, wunderte sich Tirvo. Normalerweise wäscht sie sich doch immer nur kurz kalt, um nicht zu viel von der blauen Farbe aus ihrer Haut zu spülen!

„Der Wahnsinn meines Fürsprechers ist Rauchen, und sein Raum ist dermaßen voll von Qualm, dass man kaum atmen kann. Natürlich lüftet er auch nicht. Es stinkt zwar nicht so übel wie bei einem Besuch bei Hartmut, aber der Geruch setzt sich noch stärker in Haaren und Kleidung fest.“

„Er raucht Pfeife?“, fragte Tirvo nach. Er musste an seinen Großvater denken, für den er früher immer wildländisches Kraut besorgt hatte.

„Pfeife, Wasserpfeife, Zigarre und in kleine Papierblätter gerollte Tabakkrümel, die er Zigaretten nennt, und das alles wild durcheinander oder sogar gleichzeitig.“

„Oh.“ Tirvo hatte nur eine sehr ungefähre Vorstellung davon, was eine Wasserpfeife sein mochte, und das Wort Zigarre hatte er auch auch nie gehört, aber das war ja auch nicht wichtig. „Und wie ist er sonst so?“

„Ich denke, ich hätte es weit schlechter treffen können! Sein Name ist Kerim Yokici. Er stammt aus den westlichen Himmelbergen. Seine Gabe sind Schwärme, und er ist nach Arkheim gekommen, um Unterstützung für seinen Kampf gegen den Allmächtigen Kaiser zu finden – du musst wissen, Tirvo, dass offenbar in den Himmelbergen zahlreiche Tachi-Stämme sich gegen die Fremdherrschaft durch die Lashani auflehnen. Glücklicherweise hatte Hartmut ihn schon informiert, dass ich mich keineswegs mehr als getreue Anhängerin des Allmächtigen Kaisers betrachte, sonnst hätte das gewiss Spannungen gegeben – oder vielmehr hätte ich wohl einen anderen Fürsprecher erhalten. So aber passt alles gut, und es ist wirklich äußerst interessant, Ostfernland einmal aus der kritischen Sicht eines Widerstandskämpfers zu sehen!“

„Tachi – das ist das Volk, das auch in Handelsstadt lebt, oder?“ Tirvo erinnerte sich an die wenigen Dinge, die er über Ostfernland wusste.

Mai-shin zog eine Grimasse. „Ja… danach habt ihr Westfernländer es zumindest benannt: Hatachi, das heißt Stadt der Tachi, aber eigentlich bezeichnen sich nur die Menschen aus dieser Küstenregion so. Ihr teilt die ostfernländischen Menschen grob in Tachi und Lashani ein, aber das ist nur ungefähr so genau wie eine Einteilung der Urländer, Wildländer und Westfernländer in Dunkel- und Hellmenschen. Ist es übrigens nicht aufschlussreich, dass es das Wort Hellmenschen eigentlich gar nicht in der Gemeinsamen Sprache gibt? Jedenfalls haben die Völker der Himmelberge mit den Tachi nicht viel mehr gemeinsam, als dass sie von den Lashani unterdrückt werden. Sie sprechen auch unterschiedliche Sprachen.“

So genau wollte Tirvo es eigentlich gar nicht wissen. „Stell dir vor, Mai-shin, Auroras und meine Fürsprecherin sind Zwillingsschwestern!“, lenkte er ab.

„Die Lusovics“, nickte Mai-shin. „Ich hoffe, euch wurde schon gesagt, dass sie einander bis auf den Tod hassen, und dass man deswegen die eine niemals in Gegenwart der anderen erwähnen sollte, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt?“

„Äh… ja. Woher weißt du denn das schon wieder?“

„Ich sagte dir doch, ich habe mich lange mit meinem Fürsprecher unterhalten, und natürlich habe ich ihm dabei auch viele Fragen zur Anstalt gestellt. Habt ihr das nicht auch gemacht?“

„Sicher“, murmelte Tirvo und strich sich, bestimmt zum zehnten Mal in den letzten paar Minuten, die Haare aus dem Gesicht.

„Was ist eigentlich mit deinem Stirnband?“, fragte Mai-shin. „Hast du das verloren?“

„Mhm“, erwiderte der Junge leicht abweisend. Natürlich hast du die Unterhaltung mit deinem Fürsprecher optimal ausgenutzt, anstatt dumme Fragen zu stellen!

„Schade eigentlich – ich mochte die Farbe“, grinste das Mädchen. „Brauchst du ein neues? Ich müsste da noch etwas in einem ganz ähnlichen Blauton haben…“

„Mhm“, antwortete Tirvo, diesmal ein wenig freundlicher. Es nervt zwar manchmal, dass sie immer alles im Griff hat, aber andererseits ist es auch unglaublich praktisch.

Mai-shin hatte bald etwas Passendes gefunden, schenkte es ihm und verabschiedete sich dann. Sie wollte sich in die Waldgebiete östlich der Küstenstraße begeben, um mit Vögeln zu sprechen, die sich nachvollziehbarerweise von der Anstalt mit ihren über tausend Katzen fern hielten.

Tirvo entschied sich, ein wenig zum Anstaltshafen und zum sich daran anschließenden Strand hinunter zu gehen. Vielleicht würde er auch noch ein bisschen schwimmen.

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Veröffentlicht on Juni 8, 2012 at 5:19 pm  Schreibe einen Kommentar  

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