Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 93

*** Der erste Abend ***

Langsam schlenderte Tirvo den Hafen entlang. Immer wieder beschnüffelten ihn Hunde und leckten kurz seine Hände, woraufhin er kurz Hallo sagte und gelegentlich dem einen oder anderen Vierbeiner rasch über den Kopf strich. Obwohl die Sonne bereits untergegangen war, und nur noch Dämmerlicht das Meer ein wenig erhellte, liefen einige Hunde nach Süden, zum Strand, auf dem ein paar Bürger um ein kleines Lagerfeuer herum zu sitzen schienen. Offenbar gehörte dieser Teil des Strandes noch zum Hundeland. Tirvo schloss sich den Hunden an.

Als er sich dem Feuer näherte, hörte er Musik – helle, sanfte Töne, die weit den Strand entlang hallten und eine traurige Melodie ergaben. Ein dunkelblonder Menschenjunge saß am Feuer und spielte auf einem Instrument, welches Tirvo bereits bei Straßenmusikanten in Kaperstadt gesehen hatte und als Querflöte identifizierte. Neben ihm lag ein weiterer Menschenjunge mit ähnlicher Haarfarbe, aber von kleinerer, schmächtigerer Gestalt im Sand und starrte teilnahmslos in die Luft. Mehr als zwanzig Hunde lagen oder saßen um die beiden Bürger herum. Ein langhaariger Windhund hatte seinen Kopf in den Schoß des Flötenspielers gelegt. Eine kleine Stöberhündin mit Schlappohren, die sich an den liegenden Jungen gekuschelt hatte, erinnerte Tirvo zunächst an die geldgierige Pira aus Palmenheim, welche der gleichen Rasse angehört hatte, aber diese Hündin besaß ein dunkleres Fell – und nur ein Auge, wie der Junge feststellte, als sie in seine Richtung blickte; auf der anderen Kopfseite befand sich stattdessen dickes Narbengewebe. Er sah genauer hin und bemerkte nun, dass sie auch nur noch drei Beine hatte: Die linke Vorderpfote fehlte. Nur noch ein kurzer Stumpf ragte aus der Schulter heraus.

Wortlos setzte Tirvo sich ebenfalls ans Feuer. Der spielende Junge nickte ihm kurz zu, ohne seinen Vortrag zu unterbrechen. Der andere beachtete ihn nicht. Die Stimmung war traurig, aber auch ein wenig tröstlich – die Flöte schien eine Geschichte von Verlust und Hoffnung zu erzählen. Ab und zu jaulte einer der Hunde leise.

Schließlich setzte der Junge sein Instrument ab und reichte Tirvo die Hand. „Joachim Schlitzbrenner, Zweitjahresschüler. Dies hier ist Zulu, und das sind Karsten und Rita“, sagte er, zuerst auf den Hund in seinem Schoß, dann auf den liegenden Jungen und die verkrüppelte Hündin zeigend. „Du bist neu hier?

„Ja“, nickte der Angesprochene. „Tirvo Banrus. Du spielst sehr schön.“

„Danke“, antwortete Joachim. „Das musikalische Talent liegt in der Familie. Meine Schwester besitzt Gesang sogar als Gabe.“

„Tatsächlich? Ist sie auch in der Anstalt?“

Joachim senkte leicht den Kopf. „Nein, Mathilde ist drei Jahre älter als ich und bereits Auftragsschülerin. Sie ist zur Zeit auf einem Auftrag in Ostfernland.“

„Oh.“ Das ist bestimmt sehr gefährlich. Einfühlsamkeit zählte nicht zu Tirvos Stärken, aber er konnte spüren, dass sein Gegenüber sich Sorgen um seine Schwester machte.

Eine kurze Gesprächspause trat ein. Plötzlich fragte Joachim ihn: „Darf ich an dir lecken?“

Einen Augenblick lang war Tirvo irritiert, dann begriff er. „Bitte“, sagte er und streckte seine Hand aus. Joachim ergriff sie, führte sie an seinen Mund und ließ mehrmals rasch seine Zunge darüber gleiten, bevor er sie wieder los ließ. Unsicher wischte Tirvo die Hand an seinem Hemd ab.

„Du kommst aus Urland, stimmt’s? Aus Schattenland?“, fragte Joachim.

„Hast du das etwa… geschmeckt?“, wunderte Tirvo sich, aber der andere Junge schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, das war nur… Du weißt schon. Ich habe es an deiner Art zu reden gehört. Meine Familie stammt auch aus Schattenland, weißt du.“

„Ach so. Du redest aber ganz wie ein Fernländer. Finde ich zumindest.“

„Ich war auch nie in Urland. Ich bin auf hoher See geboren worden; meine Mutter war schwanger mit mir, als unsere Familie aus der Tagmokratie floh. Bei meiner Schwester hatte sich bereits in sehr jungem Alter gezeigt, dass sie eine gesangliche Begabung besaß, die… auf ordentliche Weise nicht erklärbar schien. Als ich dann unterwegs war, beschlossen meine Eltern zu fliehen, so lange meine Mutter noch einigermaßen beweglich war. Leider dauerte die Überfahrt dann deutlich länger als sie hofften, aber wir haben es alle geschafft.“

„Gut“, murmelte Tirvo. Ihm war klar, dass er jetzt an der Reihe gewesen wäre, von seiner Flucht zu erzählen, aber er zog es vor zu schweigen, und Joachim war taktvoll genug, nicht nachzufragen.

Nach einer Weile setzte der ältere Junge wieder die Flöte an seinen Mund und begann erneut zu spielen. Tirvo lauschte noch ein paar Minuten, dann stand er leise auf, nickte den beiden Jungen und den Hunden zu und ging in Richtung Küstenstraße. Er hatte bemerkt, dass in einem Gebäude in Tangstrand, dem Fischerdorf, welches sich nur etwa zweihundert Meter südlich vom Anstaltshafen befand, noch Lichter brannten, und vermutete dort ein Gasthaus. Er wusste selbst nicht genau, warum er seine Schritte die unterdessen vom fahlen Sternenlicht beschienene Straße entlang dorthin lenkte – vielleicht, um der melancholischen Stimmung am Feuer zu entkommen, die ihn ebenso wie die vom leicht landeinwärts wehenden Wind getragenen Klänge weiter verfolgte; vielleicht, weil er durch Joachim wieder an sein einstiges Zuhause, die Fischerkneipe seiner Eltern, erinnert worden war. Vielleicht auch einfach nur so.

***

Am Stelle einer Fischerkneipe fand Tirvo jedoch ein großes, mehrstöckiges Gasthaus vor, dessen Ausmaße sich durch Kundschaft aus Tangstrand allein nicht annähernd erklären ließen. Zum angetrunkenen Grenzenlosen stand in hellroter Schrift auf einem auffälligen Schild über der Eingangstür.

Er betrat das Gasthaus. Obwohl sich mehrere Dutzend Gäste darin befanden, waren nicht alle Tische besetzt, und die Luft war trotz Pfeifenrauchs und Bratgerüchen erheblich weniger stickig, als er erwartet hätte, was vermutlich neben der großzügigen Grundfläche auch der über drei Meter hohen Decke und den zahlreichen Fenstern geschuldet war, auf deren Fensterbänken überall Katzen dösten. In der Mitte des Raums sorgten von der Decke hängende Öllampen dafür, dass zwischen den durch die Breite des Raums bedingt weit voneinander entfernten Wandlampen kein düsterer Bereich entstand. Insgesamt war die Beleuchtung ein wenig schummrig, aber ausreichend, und erzeugte ein Gefühl von Gemütlichkeit.

Tirvo sah sich um. Einige der Gäste waren wohl wirklich Fischer, aber die meisten wirkten nicht so, als würden sie in einem kleinen Dorf leben und arbeiten. Der Frauenanteil war für Kneipenpublikum recht hoch, und die Besucher im Schnitt recht jung. Die Unterhaltungen waren angeregt, erinnerten ihn aber nicht an die typischen Gespräche zwischen betrunkenen Fischern, bei denen sich längere Schweigephasen mit lautstarkem, aggressivem Streiten abzuwechseln pflegten. Anders als in einer Fischerkneipe machten die Gäste auch nicht den Eindruck, als wenn sie regelmäßig hier einkehrten und einander gut kannten, sondern eher so, als wenn sie auf der Durchreise wären und neue Bekanntschaften machen würden.

„Die meisten sind über das Wochenende aus Arkheim hergekommen, um Grenzenlose zu gucken – wenn sie sich trauen. Meistens trinken sie aber nur miteinander und gehen dann schließlich zu zweit schlafen. Der Angetrunkene Grenzenlose besitzt zahlreiche Doppelzimmer für diese Besucher, welche die Nähe zur Anstalt… aufregend finden. Manche sind auch gezielt auf der Suche nach Grenzenlosen, die sich für eine Nacht etwas dazu verdienen wollen.“

Der Mann, der Tirvo von der Seite her angesprochen hatte, war ein Mensch, vielleicht Anfang Fünfzig, mit schütterem Haar und einem deutlich wahrnehmbaren Bauchansatz. Seine Kleidung war erkennbar teuer, wirkte aber zu lange getragen, um auf wirklichen Reichtum schließen zu lassen. Er reichte dem Jungen jetzt die Hand.

„Ich bin Hieronymus.“

„Tirvo Banrus“, erwiderte dieser automatisch.

„Du bist offensichtlich neu in der Anstalt. Das Leben hier ist zuerst immer ziemlich verwirrend für Erstjahresschüler. Viele haben erhebliche Probleme damit, und nicht immer finden sie in der Anstalt jemanden, der sich um sie kümmert.“

„Hm.“ Tirvo wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.

„Magst du etwas trinken? Ich lade dich ein – ich weiß ja, dass Erstjahresschüler oft eher knapp bei Kasse sind. Vielleicht ein Glas Wein?“

„Nein danke. Ein Glas Wasser vielleicht.“ Tirvo setzte sich zu Hieronymus, der an einem kleinen Tisch für zwei Personen in einer Ecke des Raums Platz genommen hatte.

Der Mann fragte ihn nach seiner Herkunft – Man kann ja hören, dass du aus Urland stammst! – aber Tirvo antwortete kurz und ausweichend, und daraufhin wechselte Hieronymus das Thema und begann von sich zu erzählen. Sein Bruder war wohl ein recht begüterter Metallhändler aus Arkheim, und Hieronymus behauptete, er würde diesem gelegentlich bei dessen Geschäften helfen, doch Tirvo erhielt rasch den Eindruck, dass dieser Bruder ihm wohl eher Geld gab, damit er sich so wenig wie möglich einmischte.

Ein Junge, der nur wenig älter als Tirvo zu sein schien, brachte ihnen einen Krug Wein und einen Krug Wasser, und Hieronymus bezahlte die Rechnung sofort und gab großzügig Trinkgeld.

„Du fragst dich bestimmt, warum ich keine Familie habe?“, fragte Hieronymus ihn. Tirvo unterdrückte ein Kopfschütteln, sagte aber nichts. „Einerseits ist es natürlich ein schöner Gedanke, Kinder zu haben, um die man sich kümmern kann. Aber andererseits gibt es in Arkheim so viele junge Grenzenlose, die Hilfe benötigen. Die meisten Bürger, die mit der Kutsche hierher kommen, empfinden Grenzenlosigkeit einfach als spannend und vergessen dabei, welch eine schwere Bürde sie gerade für Bürger im Schüleralter darstellen kann. Ich finde, wir sollten euch weniger wie Jahrmarktsattraktionen anstarren und euch mehr bei euren Schwierigkeiten helfen.“

„Mhm.“ Tirvo fragte sich bereits seit längerer Zeit, wieso er dieses Gespräch eigentlich führte.

„Also, Tirvo Banrus, wenn du Hilfe benötigst – ich bin an den meisten Wochenenden hier, und wenn nicht, kann der Wirt mir auch eine Nachricht zukommen lassen. Sag einfach, du suchst den alten Hieronymus, dann weiß er schon Bescheid.“

„Hm“, grunzte Tirvo erneut. „Danke. Ich muss dann jetzt wohl langsam zurück in die Anstalt…“

„Natürlich.“ Hieronymus lächelte ihn an. „In deinem Alter, und bei diesen ganzen Belastungen, denen du ausgesetzt bist, benötigst du deinen Schlaf.“

Tirvo stand auf, nickte noch einmal verlegen in Richtung des Mannes und verließ dann den Angetrunkenen Grenzenlosen.

***

Aurora lag wach und lauschte Johanns leisen, gleichmäßigen Atemzügen. Sie hatten an diesem Abend nicht mehr viel miteinander gesprochen – Johann war zur Verwaltung gegangen, um die Nutzung eines als Atelier geeigneten Raums zu beantragen, und sie hatte noch ein paar halbherzige Schwebeübungen gemacht.

Später hatte sie dann im Badezimmer vor dem dort an der Wand hängenden Spiegel gestanden – ein weiterer Beweis dafür, dass Dinge, die in der Tagmokratie Luxusgüter darstellten, in Arkheim allgemein erschwinglich waren – und sich nachdenklich betrachtet. Ich sehe überhaupt nicht so aus wie das wunderschöne Elbenmädchen, das Johann auf seinem Bild dargestellt hatte, dachte sie. Meine Haare sind viel strähniger, und meine Haut ist zu fleckig. Und diese Kleidung wäre selbst für eine Stallmagd schäbig. Ein wenig Geld habe ich doch – ich sollte morgen nach Arkheim fahren und mir einigermaßen anständige Sachen besorgen.

Sie hatte Johann nichts von ihrem Vorhaben erzählt – sie wollte nicht, dass er ihr anbot, ihr Geld zu geben, oder dass er ihr einen Vortrag darüber hielt, wie wunderschön sie doch in jeder Kleidung sei. Sicher – wenn DU mich malst. Oder, besser noch, wenn MYLINE BUSCHBLÜTE es tut. Die großartige MYLINE BUSCHBLÜTE, von der man sogar in der Tagmokratie gehört haben muss!

Die Elbin drehte sich energisch in ihrem Bett um. Wahrscheinlich war es albern, auf eine Halblingfrau im Erwachsenenalter eifersüchtig zu sein. Ganz bestimmt sogar war es das! Schließlich hat er ja nur eine Schwäche für Elbinnen, erinnerte sie sich an das, was Johanns Mutter damals in der Sommertagsklause über ihn erzählt hatte. Und Myline ist ja glücklicherweise keine Elbin.

Aber es gibt gewiss auch so einige Elbinnen hier in der Anstalt, flüsterte ihre innere Stimme. Ganz bestimmt sogar.

Sie lag noch lange wach.

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Veröffentlicht on Juni 25, 2012 at 1:14 am  Schreibe einen Kommentar  

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