Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 94

*** Kurze Mitteilungen und kleine Tricks ***

Aurora kam gar nicht in die Verlegenheit, Johann erklären zu müssen, warum sie nach Arkheim fuhr: Ihr Freund hatte ein Atelier zugeteilt bekommen und verbrachte den Tag damit, dieses – mit Mylines Hilfe, natürlich – nach seinen Wünschen auszustatten und einzurichten. So schrieb sie ihm nur eine kurze, vage Mitteilung, dass sie einige Besorgungen zu erledigen habe und nahm die um 9 Uhr 30 von Tangstrand abfahrende Anstaltskutsche (die nur wenig später an der Kreuzung zwischen Anstalts- und Küstenstraße hielt). Mit ihr stieg ein sehr gut gekleideter, groß gewachsener, ein wenig dicklicher, aber ansonsten recht gut aussehender Menschenjunge ein, der vermutlich umgerechnet ein wenig älter war als sie. Er nickte ihr nur kurz zu, ohne sich vorzustellen, und sie lächelte, ebenfalls wortlos, unverbindlich zurück – sie war jetzt nicht in der Stimmung sich zu unterhalten. Der Junge und sie waren die einzigen Bürger in der Kutsche, ansonsten fuhren lediglich zwei Hunde (im Passagierraum) und ein halbes Dutzend Katzen (auf dem Dach) mit, und so verlief die Fahrt schweigend.

Nach einer halben Stunde gab der Junge dem Kutscher ein Zeichen, und dieser hielt an, obwohl sich zu ihrer Linken nur felsiger Strand und zu ihrer Rechten nur dichter Wald befand. Er stieg aus und schien auf etwas zu warten, während die Kutsche weiterfuhr. Als diese nach ein oder zwei Minuten der Straße in eine Rechtskurve folgte, konnte Aurora ihren Mitschüler immer noch dort stehen sehen, aber sie glaubte außerdem ein Rudel Hunde bei ihm zu erkennen.

Eine weitere halbe Stunde später erreichten sie Schwertstadt, denjenigen Stadtteil Arkheims, welchem die Anstalt am nächsten war. Aurora konnte das gewaltige Oval der Arena erspähen. Hier stiegen an verschiedenen Haltestellen auch einige Vollbürger zu, welche sie jedoch nicht weiter beachteten. Die Elbin tat es ihnen gleich. War es wirklich so eine gute Idee gewesen, allein in die Hauptstadt zu fahren?, fragte sie sich. Schließlich kenne ich mich hier gar nicht aus.

Nach ein und einer dreiviertel Stunde Fahrt kam sie am Großen Marktplatz in Altstadt, dem Zentrum Arkheims, an. Am Zehntag hatten die meisten Geschäfte geschlossen, aber der Grund dafür war in vielen Fällen, dass deren Besitzer einen Stand auf dem Markt hier betrieben, und so hatte Aurora keine Probleme, Anbieter von Kleidungsstücken zu finden, obwohl sie sich in der ihr völlig unbekannten Stadt sicherheitshalber nur wenige hundert Schritte von ihrem Ankunftsort entfernte. Erleichtert stellte sie fest, dass die Bürger Arkheims – die ihr offensichtlich, so wie sie es auch bereits von Kaperstadt her kannte, ihre Grenzenlosigkeit ansahen – ihr größtenteils aus dem Weg gingen, und dass die Händler sie sehr höflich behandelten. Trotz des unglaublichen, ihr höchst ungewohnten Gedränges, das hier herrschte, gelang es ihr daher, in knapp zwei Stunden ihre Besorgungen zu erledigen und pünktlich zur Abfahrt der 13-Uhr-30-Kutsche wieder an der Haltestelle zu sein. Die Kleidung, die sie nun trug, war eher praktisch als schick, und gebraucht, aber wenigstens nicht mehr so offensichtlich ärmlich wie ihre bisherigen Anziehsachen.

Ich sollte vielleicht nächstes Wochenende mit Johann hierher zurückkehren, dachte sie, als die Kutsche anrollte. Er würde sich gewiss heimisch fühlen, und wir könnten die Stadt zusammen erkunden.

***

Tirvo sah sich, das Holztablett mit seinem Essen in der Hand, suchend in der Mensa um. Weder Aurora, noch Mai-shin, noch Johann schienen hier zu sein. Marianne und Tideline saßen an einem Tisch, auf dem sich so viele Katzen befanden, dass man gar nicht erkennen konnte, ob auch Essen darauf stand und schienen sich blendend zu unterhalten. Er verspürte keine Lust, sich zu ihnen zu gesellen.

Dann bemerkte er, nebeneinander essend, zwei Schüler, die er kannte: Mando Grünblatt und Joachim Schlitzbrenner. Er ging zu ihnen hinüber.

„Hallo – ist dieser Platz noch frei?“, fragte er, während er sich bereits setzte, ohne über diese Höflichkeitsfloskel weiter nachzudenken.

„Nein.“ Joachim schüttelte den Kopf. „Es sitzt bereits ein unsichtbarer Schüler darauf.“

Tirvo, der das Holz des Stuhls unter seinem Hintern fühlen konnte und deswegen nicht in die Verlegenheit geriet, überlegen zu müssen, ob er sich tatsächlich einem unsichtbaren Grenzenlosen auf den Schoß gesetzt hatte, lachte pflichtschuldigst.

Einen Augenblick später fuhr er blitzartig in die Höhe. Er hatte zwei Hände an seiner Hüfte gespürt!

Vorsichtig tastete er den Stuhl ab. Nein – da war nichts und niemand. Hinter sich hörte er Mando und Joachim lachen. Er drehte sich wieder zu ihnen um.

„Joachims Gabe ist Telekinese“, erklärte der Halblingjunge ihm. „Das hat er auch mit mir gemacht, als wir unser Zimmer bezogen.“

Joachim grinste ihn an, und Tirvo grinste zurück. Wenn das die schlimmsten Streiche sind, die mir andere Grenzenlose hier in der Anstalt mit ihrer Gabe spielen, dann kann ich damit leben.

***

Johann war am Nachmittag nicht im Zimmer gewesen, und auch zum Abendessen tauchte er nicht auf. Immerhin hatte er Aurora eine kurze Notiz auf dem Nachttisch hinterlassen, dass er erst spät am Abend zurückkehren würde, und dass er sie liebte. Die Elbin beschloss, alle Gedanken an Myline Buschblüte beiseite zu schieben und vor dem Schlafengehen noch ein wenig auf dem Übungsgelände ihre Gabe zu trainieren.

Die in der Abendsonne hell leuchtenden Wolken gaben ihr eine Idee ein: Wenn sie die Luftströmungen beeinflusste – könnte sie dann vielleicht etwas in die Wolken schreiben? Ohne einen Gedanken an den praktischen Nutzen dieses Unterfangens zu verschwenden, konzentrierte sie sich sofort darauf, stand bewegungslos auf einem kleinen Felsen inmitten des ihr zugeteilten Sektors des Übungsgebiets und starrte in den Himmel, fühlte sich in die über ihr liegenden Luftschichten ein, bemühte sich, die Unterströmungen des leichten Aufwinds behutsam mit ihrem Geist zu erfassen und zu lenken. Es dauerte lange, bis es ihr überhaupt gelang, gezielt in die Luftbewegungen am Himmel einzugreifen, und noch viel länger, bis sie sich in der Lage sah, diese so präzise zu lenken, dass sie die Wolkenformationen damit sichtbar veränderte, aber schließlich war es so weit: Ein von ihr beeinflusster Windstoß zerteilte eine kleine, tief hängende Wolke!

Von diesem Erfolg angespornt, fokussierte sie sich noch stärker auf die Hunderte Meter über ihr befindlichen Luftschichten, steigerte ihre Sensibilität im Umgang damit und versuchte immer wieder, die Form der Wolken zu verändern. Da – war das nicht ein halbmondförmiger Einschnitt in der Unterseite dieser Wolke? Wieder und wieder wiederholte sie ihr Experiment, und endlich, endlich war es dann so weit: Sie hatte einen nahezu perfekten Kreis in eine Wolke geschrieben!

Höchst zufrieden betrachtete sie ihr Werk, das sich natürlich, so wie es in der Natur von Wolken lag, langsam wieder deformierte, während es gemächlich nach Norden trieb. Dann riss die Elbin die Augen auf: Eine andere, perfekt runde Wolke schwebte auf sie zu – gegen die Windrichtung! – und darin stand, klar erkennbar, in säuberlicher, geschwungener, gestochen scharfer Handschrift: HI!

Aurora rieb sich mehrfach die Augen, doch die kugelrunde Wolke blieb am Himmel, näherte sich ihr weiter, bis sie direkt über ihr – und viel zu tief! – schwebte, ohne die geringste Verzerrung zu zeigen. HI!, stand darin zu lesen.

Plötzlich bemerkte sie ein schwaches silbernes Leuchten einige Dutzend Meter vor sich. Sie sah genauer hin und erkannte, dass dieses grob den Umriss eines Bürgers nachzeichnete. Das Licht näherte sich rasch, und so konnte Aurora bald dessen Ursprung in Augenschein nehmen: Vor ihr schwebte, einen halben Meter über dem Erdboden, in eine Aura von Silberglanz getaucht, das schönste Elbenmädchen, welches Aurora jemals gesehen hatte.

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Veröffentlicht on Juli 3, 2012 at 10:51 pm  Schreibe einen Kommentar  

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