Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 95

*** Lumina Yamille ***

Hüftlanges, silbernes Haar umwehte ihren Leib, getragen von einem leichten Luftwirbel, welcher unabhängig vom eigentlichen Wind war, der sie nicht zu berühren schien. In ihren nachtschwarzen Augen blitzten Sterne. Sie war in schwarzen Samt und silberne Seide gekleidet, doch selbst diese feinen Stoffe wirkten grob neben ihrer zart schimmernden Haut. Sie war barfuß, und da sie über dem Boden schwebte, konnte Aurora die zarte Perfektion ihrer in eleganter Haltung herabhängenden Füße bewundern. Das schwebende Mädchen lächelte leicht, und Aurora konnte ihren Blick nicht von diesem wunderschönen Lächeln abwenden.

„Hi“, begrüßte das Mädchen Aurora, und der helle Klang ihrer Stimme hätte jedes Glockenspiel beschämt. „Du hast versucht, in Wolken zu schreiben, stimmt’s?“

„…ja“, antwortete die Angesprochene mit Verspätung, immer noch fasziniert vom Anblick ihres Gegenübers. Ihre eigene Stimme klang ihr rau, brüchig und quäkend in den Ohren. In Schattenland hatte sie der obersten gesellschaftlichen Elite angehört, doch vor dieser Elbin kam sie sich wie eine Zofe vor – nein, selbst dafür war sie nicht gut genug, sie war bestenfalls eine Bauernmagd, die sich glücklich schätzen durfte, aus der Ferne einen Blick auf ihre Herrschaft zu erhaschen…

Sie schüttelte diesen Gedanken ab. „Ich bin Aurora Yirell“, stellte sie sich, immer noch eingeschüchtert, vor.

„Lumina, sehr angenehm“, erwiderte diese beiläufig, als wäre es nur eine Formalität. „Du stammst aus Schattenland?“

Aurora nickte. „Und du?“

Die silbernen Augenbrauen des Mädchens zogen sich ein wenig in die Höhe. „Lumina“, wiederholte sie, ein wenig deutlicher diesmal. Als Aurora immer noch keine Reaktion zeigte, ergänzte sie: „Lumina YAMILLE“ – so, als wäre damit alles gesagt.

Und natürlich war es das auch.

Die Yamilles waren eine der einflussreichsten Familien der Tagmokratie gewesen. Der zweite Tagmokrat, Celadas, hatte eine Yamille, Nidala, geheiratet. Nach deren Tod allerdings hatten sich die Yamilles der Tagmokratie entfremdet. Vor etwas über 200 Jahren – keine allzu lange Zeitspanne in elbischer Familiengeschichte – waren sie dann nach Fernland übergesiedelt, selbstverständlich gegen den ausdrücklichen Willen des Tagmokraten… zumindest offiziell. Tatsächlich war es ihnen jedoch möglich gewesen, ihren gesamten beweglichen Besitz und alle ihre Bediensteten auf zahlreichen Schiffen mit ins Exil zu nehmen. Nur ihr Landbesitz war vom Tagmokraten an andere elbische Familien neu verteilt worden – ein Großteil davon an die Yirells, welche auf diese Weise den Weg zu Reichtum und politischer Macht fanden, und denen auch der Yamillesche Sitz im tagmokratischen Rat zufiel. In den Kreisen der alteingesessenen Familien galten die Yirells daher als Emporkömmlinge, welche ihre Stellung nur durch den Exodus der Yamilles erreicht hatten – das heißt, unterdessen galten sie natürlich als Verräter, welche vom Tagmokraten ihre gerechte Strafe erhalten hatten…

Zweifelsohne genossen die Yamilles nun in Arkheim ein vergleichbares Ansehen wie einst in Urland, vermutlich sogar noch höher, denn sie waren im Gegensatz zu nahezu allen anderen nicht als mittellose Flüchtlinge – so wie ich, dachte Aurora gleichzeitig wütend und beschämt – eingereist, sondern hatten ihren Wohlstand mitgebracht. Fassungslos, und ihre gute Erziehung vergessend starrte sie Lumina an, die still und geduldig, vielleicht auch nur gleichgültig, abwartete, ihre makellosen Zehen einen halben Meter über dem Boden .

„Meine Fürsprecherin ist Sophia Lusovic“, sagte Aurora schließlich, nur um das unerträglich gewordene Schweigen zu brechen.

„Meine ist Jelana Wandelbar – die Meisterin“, schob Lumina überflüssigerweise nach – natürlich, wenn ich SIE nicht kenne, dann muss sie ja auch denken, dass ich den Namen der Meisterin nicht weiß!, dachte Aurora empört.

„Meine Gabe hat zwar nichts mit Gestaltwandlung zu tun, aber Jelana wollte es sich nicht nehmen lassen, mich persönlich in ein Fürsprechverhältnis aufzunehmen“, erklärte Lumina ihr in gelangweiltem Tonfall.

Natürlich. Und selbstverständlich nennt sie die Meisterin nur beim Vornamen! „Und was ist eigentlich deine Gabe, wenn ich fragen darf? Meine ist Luft“, erkundigte sich Aurora.

„Elemente“, gab Lumina gleichgültig zurück.

„Alle?“, fragte Aurora ungläubig nach. Das geht doch gar nicht! „Geht das denn überhaupt?“

Lumina zuckte mit ihren wunderschönen Schultern und machte eine grazile Bewegung mit zwei Fingern. Ein kleiner Flammenstrahl zuckte in den Himmel, verwandelte sich in der Luft in einen Wasserschwall und schwebte dann einige Sekunden über ihren Köpfen, bevor er als Hagel von winzigen, perfekten weißen Marmorkugeln wieder herabregnete.

Aurora hasste sie.

***

Auch Tirvo befand sich auf dem Übungsgelände. Er hatte sich einen Sektor direkt am Strand zuweisen lassen und beschäftigte sich wieder einmal mit seinem Platschi. Er übte, ihn in mehrere kleinere Platschis aufzuteilen. Zuerst rutschten ihm die Teilkugeln immer wieder ab und zerplatzten im Sand, oder er ging bei der Teilung zu rabiat vor und zerriss die Oberfläche der Wasserkugel, aber bald gelang es ihm, kleinere Kugeln von Platschi abtropfen zu lassen und rechtzeitig abzufangen, bevor sie seinem virtuellen Griff entglitten, und schließlich konnte er Platschi auch in zwei exakt gleich große Hälften teilen, diesen Vorgang mehrfach wiederholen und bis zu sechzehn kleinere Platschis gleichzeitig und sogar unabhängig voneinander schweben lassen.

Zufrieden ging der Menschenjunge danach im Meer schwimmen. Er blieb lange draußen, die Zeit und die Welt um sich herum vergessend. Seit er sich seiner Gabe bewusst war, erfuhr er den Ozean ganz anders – FÜHLTE ihn in einer Weise, für die es keine Worte gab. Ja, ich bin in meinem Element, dachte er. Wenn er tief genug in das Wasser eintauchte, begann der Unterschied zwischen seinem Körper und den Fluten zu verschwimmen, schien sein Körper nicht mehr an der Haut zu enden, sondern sich endlos weit zu erstrecken, in lichtlose Tiefen und an ferne Küsten. Der Ozean umspannte die Welt – und irgendwie war dadurch auch Tirvo überall, in jedem Wassertropfen und in jedem Eiskristall.

Irgendwann betrat er wieder Land und sah, dass es Nacht geworden war. Die abendlichen Wolken hatten sich nach Norden verzogen, und Sternenlicht erleuchtete den Strand – es war Neumond. In einiger Entfernung schimmerte etwas, und Tirvo glaubte, sitzende Bürger zu wahrzunehmen.

Er näherte sich. In einem großen Kreis saßen einige Dutzend Katzen und ungefähr zehn Schüler. Tirvo erkannte Mando und setzte sich still neben ihn, seinen Blick ebenso wie alle anderen auf die Gestalt gerichtet, die sich im Zentrum des Kreises befand.

In Silber und Schwarz gekleidet, barfuß, über dem Boden schwebend, von den Sternen beschienen und gleichzeitig von einem aus ihr selbst strömenden Glitzern erhellt, tanzte das schönste Mädchen der Welt – Tirvo zweifelte keine Sekunde daran; er hatte sie gesehen, und er wusste, dass dies die Wahrheit war. Ihr zarter, schlanker Körper; ihr verträumter Blick; ihre fließenden, vollendeten Bewegungen; ihre langen, silberweiß glänzenden Haare… Sie war perfekt. Nein, sie war mehr als perfekt: Sie war überirdisch.

„Ist sie nicht wunderschön?“, flüsterte Mando ihm zu, ohne den Blick von der versunken tanzenden Elbin abzuwenden.

Tirvo antwortete nicht, das war nicht nötig – es gab nichts zu sagen. Still bewunderte er die Tänzerin, welche die gebannten Blicke ihrer Zuschauer nicht wahrzunehmen schien, starrte sie ebenso an wie alle anderen auch, nahm ihren Anblick in sich auf.

Nach einer gleichzeitig endlosen und viel zu kurzen Zeit beendete die Elbin ihren Tanz in der Luft, schwebte davon, ohne die am Boden versammelten Bürger und Katzen zu beachten. Mehrere Seufzer und leises Miauen waren zu hören.

Mando stand auf, warf ihm einen verstehenden Blick zu und ging mit langsamen Schritten in Richtung Anstalt zurück. Tirvo blieb regungslos sitzen, immer noch das Bild des schwebenden Mädchens vor Augen, von einem Gefühl erfüllt, das wie eine selbstverständliche und doch unfassbare Wahrheit in ihm aufgestiegen war, voller schmerzender Schönheit:

Er liebte sie.

***

Aurora lag bereits im Bett, als Johann schließlich zu ihr ins Zimmer kam. Er gab ihr einen Kuss, duschte sich rasch und trug dann seine wohlriechende Nachtcreme auf, während er ihr von dem sonnigen Atelier mit großen Fenstern im obersten Stock der Anstalt erzählte, in dem sich jetzt seine Staffeleien befanden. Seine Fürsprecherin erwähnte er diesmal kaum.

„Und – was hast du so gemacht?“, fragte er dann.

„Ich war kurz in Arkheim einkaufen“, antwortete die Elbin. „Diese Stadt ist wirklich unglaublich groß – wir sollten nächstes Wochenende zusammen dorthin fahren und sie ein wenig erkunden.“

„Das ist eine großartige Idee“, lächelte ihr Freund.

„Dann habe ich noch ein wenig geübt… und jemanden kennen gelernt.“

„Ja?“, fragte Johann mit höflicher Neugierde nach.

„Es ist einfach so unfair!“, platzte es aus Aurora heraus. „Wie kann man alle Elemente gleichzeitig als Gabe haben? Und dann beherrscht sie sie auch noch so mühelos, als wäre es gar nichts, und ich muss alles stundenlang üben und kriege es dann doch nicht auf die Reihe! Und sie ist so schön, und ihre Familie ist so reich, obwohl sie doch auch hierher geflohen sind, und die Meisterin selbst ist ihre Fürsprecherin, und wenn man mit ihr spricht, gibt sie einem die ganze Zeit das Gefühl, dass sie nur aus Höflichkeit zuhört und eigentlich viel wichtigere Dinge zu tun hat… und sie schwebt immerzu, so als wäre es gar nichts… und sie leuchtet sogar silbern!“

Johann hatte ihrer Tirade wortlos zugehört. Jetzt ging er zu ihr hinüber und setzte sich an ihr Bett. „Du hast also Lumina kennen gelernt.“

„Oh, du kanntest sie natürlich schon, genau so wie Myline Buschblüte – nicht wahr? Nur die dumme kleine Aurora aus Schattenland kennt wieder nichts und niemand!“, empörte sie sich.

Johann ergriff ihre Hand und hielt sie an seine Wange. „Natürlich hatte ich schon von ihr gehört. Ihre Mutter, Elysia, gehört dem Magistrat an – eigentlich sind die Identitäten der gewählten Magistraten ja geheim, aber in ihrem Fall ist das ein offenes Geheimnis.“

Natürlich. „Aber du kennst sie nicht persönlich?“, fragte Aurora zaghaft.

Johann schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Ich habe nur ein Bild gesehen, das Myline von ihr gemalt hat – es steht in ihrem Turmzimmer. Ich werde sie allerdings spätestens in meinem Zeichenkurs kennen lernen.“

„Sie malt?“, stöhnte Aurora verzweifelt. „Oh nein… Johann… ich weiß, dass meine Eifersucht wegen Myline albern war… aber Lumina… sie ist so viel elbischer als ich!“

„Du bist eifersüchtig meinetwegen?“ Johann versuchte gar nicht erst, seine Freude darüber zu verbergen. „Ach, Aurora…“

Er zog sie an sich und küsste sie. „Glaube mir, du hast überhaupt keinen Grund, eifersüchtig zu sein! Ich liebe nur dich, niemand anders – auch nicht Lumina!“

„Ganz sicher?“ Aurora konnte das Bild der wunderschönen Elbin nicht aus ihrem Geist verbannen. „Aber wenn du sie erst kennen lernst…“

„Liebe ich immer nur noch dich. Ganz sicher.“ Johann hielt sie jetzt fest in seinen Armen. „Ich liebe nur dich, Aurora.“

Sie gab sich alle Mühe, es zu glauben.

***

Es war bereits nach Mitternacht, als Tirvo zum Anstaltshauptgebäude zurückkehrte. Auf dem Vorplatz sah er einen etwa fünfzigjährigen Menschenmann mit einer gewaltigen Hakennase herumlaufen, mit einigen Katzen im Gefolge. Er nickte dem Mann kurz zu, doch dieser beachtete ihn nicht.

Als er zur Eingangstür gelangte, fand er einen hochgewachsenen, dürren Menschenjungen mit schütteren, hellbraunen Haaren, der nur mit einer Unterhose bekleidet war, mit dem Bauch nach unten auf der tiefsten Treppenstufe liegend vor. Das muss doch furchtbar kalt sein!

„Alles in Ordnung?“, fragte er leise, während er vorsichtig über den Jungen hinüber stieg.

„Alles in Ordnung“, murmelte dieser leise. „Morgen ist halt der erste Kurstag… Du weißt schon.“

„Klar“, bestätigte Tirvo. Vielleicht hätte ich mich auch noch einmal eingraben sollen. Er betrat die Anstalt durch die vermutlich wegen der Katzen auch nachts zumindest halboffen stehende Tür und ging schlafen.

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Veröffentlicht on Juli 8, 2012 at 10:08 pm  Schreibe einen Kommentar  

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