Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 97

*** Paula Schlippring ***

Nicht allzu überraschend für Tirvo fand der Wasserzauberkurs am Strand statt, in einem dafür reservierten Sektor des Übungsgeländes. Außer ihm waren noch ein Dutzend weitere Schüler anwesend. Er erkannte Mando und Paula – und natürlich Lumina, die ein wenig abseits von den anderen über dem anbrandenden Wasser schwebte und auf den Ozean hinaus blickte.

„S-so. B-b-b-b-bevor wir mit f-festgelegten Ü-übungen a-anfangen, d-d-d-darf jeder von e-euch erst einmal z-z-zeigen, w-was er oder si-sie b-bereits so k-kann“, forderte Beatrice sie auf.

Na dann. Tirvo konzentrierte sich auf das Meer vor ihm und ließ einen Platschi daraus ansteigen – größer als je zuvor. Eine Weile hielt er ihn nur still in der Luft, stellte sicher, dass er ihm nicht entglitt oder zerriss. Dann schließlich, als er überzeugt war, zu jedem Tropfen in der riesigen Wasserkugel Verbindung aufgenommen zu haben, begann er vorsichtig damit, ihn zu teilen. Die beiden entstandenen Kugeln ließ er wieder eine Zeitlang schweben – nur nichts überstürzen! – und teilte sie dann synchron jeweils erneut.

„S-sehr gut, T-t-t-t-t-tirvo“, hörte er, wie Beatrice ihn lobte. Stolz auf sich sah er auf und versuchte herauszufinden, womit die anderen Schüler beschäftigt waren. Das Ergebnis war enttäuschend: Niemand sonst tat irgendetwas Beeindruckendes. Lumina schwebte weiterhin regungslos über dem Wasser und schien an der Übung nicht teilzunehmen. Mando konnte er nicht finden. Ein sehr großer und kräftiger Menschenjunge mit dunkelblonden Haaren ließ winzige Wassertröpfchen aus dem Meer aufsteigen und über seinem Kopf niederregnen und machte dabei ein ziemlich einfältiges Gesicht. Ein Zwergenjunge, auch umgerechnet erkennbar älter als er, mit wallendem schwarzen Kopfhaar und einem langen, dichten, sorgfältig gestutzten Bart gleicher Farbe, stand einige Dutzend Meter entfernt an einer kleinen Bucht, in welcher das Wasser ruhiger war und ließ flache Steine über das Wasser flutschen – das tat er zwar sehr gekonnt, aber spektakulär fand Tirvo dies nicht gerade. Paula schließlich stand nur einige Meter von ihm entfernt und blickte bewundernd auf die vor ihm schwebenden Wasserkugeln.

„Ziemlich schick“, sagte sie anerkennend.

„Danke“, gab er geschmeichelt zurück. „Und du – kannst du… ich meine… tust du nichts?“

„Doch!“, antwortete sie. „Einen Moment noch. Moment… gleich… gleich… JETZT!“

Sie stellte sich breitbeinig auf, und plötzlich lief Flüssigkeit zwischen ihren Beinen hinunter und an diesen entlang zu Boden. „Wasser Marsch!“, rief sie fröhlich und grinste ihn an. Tirvo starrte sie perplex an, musste dann aber lachen.

„Aber das ist doch nicht deine Gabe – oder?“, fragte er.

„Quatsch, im Gegenteil natürlich“, antwortete Paula unbekümmert. „Meine Gabe ist Gleichgewicht. Karen meinte, sie ließe sich besonders gut auf das Element Wasser beziehen – mag ja sein, aber ich habe noch keinerlei Peilung, wie!“

„Ach so. Ja klar, macht schon Sinn“, räumte Tirvo ein. Wasser sucht immer einen Ausgleich.

„Was du da tust, hat auch eine Menge mit Gleichgewicht zu tun, schätze ich.“ Paula deutete auf seine Platschis. „Vielleicht kannst du mir ja etwas zeigen? Lass uns doch nach dem Kurs zusammen üben!“

„Sicher, warum nicht“, antwortete Tirvo ein wenig abwesend, da er gerade erneut die schwebende Lumina im Blick hatte. Plötzlich begannen jedoch seine Wasserkugeln zu wabbeln, und er musste sich wieder stärker auf seine Gabe konzentrieren.

***

„Und jetzt möchte ich, dass auch ihr euch dem Kurs nacheinander kurz vorstellt. Wer mag anfangen?“, fragte Brini.

Sofort trat Johann vor, und zu Auroras Überraschung zog er sie an seiner Hand hinter sich her. „Ich bin Johann Turecht, aus Kaperstadt. Meine Gabe sind Bilder. Dies hier ist meine Freundin, Aurora – die wundervollste Frau der Welt. Ich liebe sie über alles.“ Er gab ihr einen Kuss, und die Elbin wurde rot. Du meine Güte – wie peinlich!

„Ja… ich bin dann also Aurora Yirell“, fuhr sie ein wenig zögernd fort. „Ich bin aus Schattenland geflohen. Meine Gabe ist Luft.“ Sie lächelte kurz in die Runde und trat dann rasch wieder zwischen die anderen.

Brini sah den Schüler neben ihr an, einen kleinen und schmächtigen Menschenjungen mit struwweligen hellbraunen Haaren und Sommersprossen, der deutlich jünger wirkte als die übrigen Kursteilnehmer. Den kenne ich doch!, dachte Aurora. Sie erinnerte sich daran, wie er am Neuntag, unter einer schweren Last gebeugt, den Anstaltsvorplatz überquert hatte.

Der Junge trat schüchtern vor. „Ich bin der Peter Müller“, sagte er mit noch sehr kindlicher Stimme. „Ich wohne in… ich meine, ich habe bisher in Grenzbrück bei meiner Familie gewohnt.“ Er rieb sich kurz die Augen. „Ich vermisse meine Eltern sehr… und natürlich Harro. Er hätte mich ja gerne begleitet, aber die Anstalt ist ja Katzenland… da war das doch keine so gute Idee. Ach so, wenn ihr jemanden sucht, der für ein paar Kreuzer Dinge durch die Gegend schleppt, dann könnt ihr euch an mich wenden. Je schwerer, desto besser.“

So ist das also, begriff Aurora. Hätte ich mir auch denken können.

Nach ihm war ein ziemlich dickes und unansehnliches, blond gelocktes Menschenmädchen an der Reihe. Mit gesenktem Kopf ging sie in die Mitte.

„Ich… ich bin die… K-Klara… Klara Vielbein. Meine Familie… ich meine, ich habe… b-bevor ich in die Anstalt m-musste…“

„Wa-wa-wa-was denn nun?“, rief jemand dazwischen. Einen kurzen Augenblick später donnerte es, und ein Sturzregen ergoss sich aus heiterem Himmel über den Störer. Doch Klara war jetzt vollends durcheinander.

„I-ich… ich wollte doch nur sa-sagen…“ Ihr Kopf war knallrot geworden, und auf einmal begann sie zu schweben, doch nicht kontrolliert, so wie Aurora es tat, und schon gar nicht mit der selbstverständlichen Eleganz Luminas, sondern hilflos, wie ein Jahrmarktsballon im Wind, sich langsam in allen Richtungen um sich selbst drehend.

Mehrere Schüler begannen zu lachen, verstummten jedoch, als es erneut donnerte, und ein Blitz nur wenige Dutzend Meter entfernt in einen Baum fuhr.

„Jetzt ist es genug!“, polterte Brini, während sie das schluchzende Mädchen an dessen Fuß wieder auf den Erdboden zog. „Beginnen wir also mit dem Unterricht. Wir sind tagtäglich von Natur umgeben…“

Sie schritt voran, die immer noch schwerelose Klara nun an der Hand hinter sich her ziehend, und die übrigen Schüler folgten ihr tuschelnd.

***

„Was willst du denn üben?“, fragte Tirvo. „Und sollten wir uns dafür nicht besser auf dem Übungsgelände anmelden?“

„Blödsinn!“, antwortete Paula, die vor ihm den Strand entlang lief. „Da werden wir doch ständig von einem Fürsprecher beobachtet.“

Das ist ja auch gerade der Sinn der Sache, dachte Tirvo.

„Es ist immer noch ziemlich warm – was hältst du davon, eine Runde zu schwimmen?“ Paula begann bereits damit, ihre Sachen abzulegen.

„Äh… ja klar, schwimmen ist immer gut“, stimmte er, ein wenig durcheinander, zu. Sie zieht sich ja ganz nackig aus!

Genau das tat sie und lief dann geradewegs ins Wasser hinein. „Na los – worauf wartest du?“

Einen Augenblick stand Tirvo regungslos da. Dann zuckte er mit den Schultern und begann, sich ebenfalls auszuziehen.

„Und nun?“, fragte Paula ihn, nachdem er zu ihr geschwommen war.

„Lass uns die Wasserkunst ansehen“, schlug er vor.

„Von mir aus“, stimmte sie zu und fing an zu kraulen. Sie ist eine gute Schwimmerin, stellte Tirvo fest, aber sie hat keine besondere Verbindung zum Element Wasser.

Er musste mehrmals auf sie warten, doch nach einer knappen Viertelstunde hatten sie ihr Ziel erreicht. Über fünfzig Schaufeln von der Größe eines Eselkarrens transportierten das Meerwasser beinahe zweihundert Meter hoch zur Zuleitung zum Reservoir im Wasserturm. Eine komplizierte Anordnung aus Zahnrädern und Stahlseilen, die sich offenbar selbsttätig auf Ebbe und Flut einstellte, schaffte die Verbindung zu dem fünfundzwanzig Meter breiten Gezeitenrad, welches in einen künstlichen Damm vor einer ausgedehnten Höhle eingelassen war und die Wasserkunst antrieb. Tirvo war fasziniert.

„Komm – lass uns eine Runde fahren“, rief Paula und schwamm direkt auf eine der Schaufeln zu, die gerade unterhalb der Wasseroberfläche durchlief, um sich zu füllen.

„Was? Nein – das ist doch bestimmt verboten. Und gefährlich!“, antwortete der Junge entsetzt.

„Dann wäre es doch wohl besser, du passt auf mich auf, oder?“, gab sie zurück. Sie war bereits über die Schaufel geschwommen, die gerade aus dem Wasser aufzutauchen begann. „Na los – zusammen wird uns schon nichts passieren!“

Mit einem unterdrückten Fluch schwamm Tirvo zu ihr und kletterte gerade noch rechtzeitig in die Schaufel hinein, als diese sich in die Luft zu erheben begann. Paula grinste ihn an.

***

„Und? Ist doch schön hier, oder?“

„Mhm“, antwortete Tirvo. Der Ausblick war tatsächlich fantastisch, und das Gefühl, von der Kraft des Wassers emporgehoben zu werden, einzigartig.

„Macht zu zweit auch viel mehr Spaß als allein“, sagte Paula, die auf der Kante der Schaufel saß und ihre Beine ins Nichts baumeln ließ.

Von wegen, sie braucht mich, um auf sie aufzupassen – ich wusste doch, dass ihre Gabe Gleichgewicht ist!, ärgerte sich Tirvo ein wenig. Sie fällt garantiert nicht hinunter!

„Aber was machen wir, wenn wir oben sind, und die Schaufel ausgekippt wird?“, fragte er besorgt.

„Kein Problem“, erwiderte Paula gelassen. „Da ist ein Wartungssteg, auf den man vorher rechtzeitig hinuntersteigen kann. Darauf laufen wir dann zur anderen Seite und steigen wieder ein.“

„Gut – he, Augenblick mal! Ich dachte, Du bist vorher noch nicht hier drin gefahren?“

Das Mädchen zuckte mit den Schultern und grinste ihn an.

***

Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichten sie wieder die Wasseroberfläche. Paula sprang sofort ins Wasser und schwamm zurück Richtung Strand – sie schien es eilig zu haben. Tirvo begleitete sie.

Kaum hatte sie das Ufer erreicht, rannte sie zu ihren Sachen und zog sich ihr Höschen wieder an. Unmittelbar darauf pinkelte sie sich ein.

„Puh – das war knapp!“, seufzte sie.

Kopfschüttelnd, aber lachend ging Tirvo zu seiner eigenen Kleidung und zog sich ebenfalls an.

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Veröffentlicht on Juli 23, 2012 at 3:58 pm  Schreibe einen Kommentar  

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