Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 98

*** Hauen und Stechen ***

Der Kampfkunstunterricht fand auf der selben Wiese statt wie gestern Fernkampf, und Auroras Lehrer war erneut Belaron Iliamas. Die Schülerin hatte den Eindruck, dass dieser sie, obgleich seine Augen wieder verbunden waren, unentwegt anstarrte. Vielleicht waren für diesen Eindruck aber auch nur ihre zahlreichen immer noch schmerzenden blauen Flecken verantwortlich, welche die Erinnerung daran wach hielten, wie sie gestern von dem hochgewachsenen Elb gequält worden war.

Kurz angebunden teilte Belaron die Schüler in Gruppen ein, wies ihnen Übungspartner zu und versorgte sie mit Trainingsschwertern aus weichem Holz. Aurora sah sich Gero Wiesengras gegenüber, der ihr in seiner kompletten Rüstung bereits in der Mensa aufgefallen war. Dieser verbeugte sich kurz und drang dann sofort auf sie ein. Aurora wich vor seinem entschlossenen Ansturm zurück und bemühte sich, in eine geordnete Verteidigungsposition zu gelangen, doch der Junge schien jede ihrer Bewegungen vorherzusehen und brachte sie zunehmend in Bedrängnis. Seine Technik war makellos, und seine geringere Reichweite machte er mit Geschwindigkeit und Präzision wett, so dass die Elbin keine Gelegenheit fand, aus der Defensive auszubrechen und ihre überlegene Körpergröße auszuspielen. Immer wieder erwischte er sie auf dem falschen Fuß, und schließlich kam eine ihrer Paraden einen Sekundenbruchteil zu spät, und Gero traf sie mit einem Hieb am Oberkörper, der sie, falls er mit einem echten Schwert geführt worden wäre, vermutlich zu Boden geschickt hätte, und möglicherweise sogar tödlich gewesen wäre. Auch so tat es ziemlich weh – aber daran bin ich ja mittlerweile gewöhnt, dachte die Elbin.

Der Halbling wich zurück und erwartete nun seinerseits ihren Angriff. Sie atmete tief ein und aus, dann sprang sie vor und täuschte einen Schlag gegen die Beine des Jungen an, um ihn zu einer tiefen Abwehr zu zwingen, welche seinen Kopf entblößte, den sie mit ihrem wirklichen Angriff zu treffen gedachte…

…aber Gero ignorierte ihre Finte einfach und nutzte stattdessen den Augenblick, in welchem ihr eigener Körper ungeschützt war, um vorzustoßen und ihr sein Schwert in den Bauch zu stechen. Natürlich besaß dieses keine echte Spitze, aber der Hieb traf sie trotzdem mit Wucht, und sie sank beinahe zu Boden.

Zurück taumelnd bemühte sie sich, wieder zu Atem zu kommen. Sind meine Finten wirklich dermaßen schlecht? Sie bereitete sich erneut auf Geros Ansturm vor, fest entschlossen, ihn diesmal auf Distanz zu halten. Doch auch jetzt benötigte der Junge nur wenige Sekunden, um eine Schwachstelle in ihrer Deckung zu finden und einen kräftigen Treffer zu landen, diesmal an ihrem Oberschenkel.

„Wie machst du das bloß?“, stöhnte sie verzweifelt und ließ die Waffe fallen, um die schmerzende Stelle mit beiden Händen zu massieren.

Der Halbling sah sie, bereits wieder in Verteidigungshaltung, an. „Ich übe, seit ich sieben bin. Außerdem kann ich deine Handlungen vorausahnen.“

„Oh.“ Das erklärt es natürlich… „Aber dann kann ich dich doch gar nicht besiegen, oder?“

„Du musst handeln, ohne vorher nachzudenken“, riet der Junge ihr.

Na toll. Und wie soll das gehen? Obwohl… Mai-shin würde gewiss sagen, ich tue das eigentlich immer…

Mit einem Seufzer nahm sie ihr Schwert wieder auf.

***

Tirvo stand an Bord des Zweimasters, welcher der Anstalt als Schulschiff diente – offiziell hieß er Der Grenzenlose, aber diesen einfallslosen Namen benutzte niemand; er war für die Bewohner der Anstalt einfach Das Schulschiff – und musterte ihn eingehend. Er hatte in der Tagmokratie bereits ein wenig segeln gelernt, und die Aufbauten waren ihm prinzipiell vertraut, aber ihm war schon in Kaperstadt aufgefallen, dass die Arkheimer Schiffe anders konstruiert waren als die tagmokratischen – die Rümpfe besaßen ungewohnte Formen, und die Betakelung war fremdartig. Nach seinen bisherigen Erfahrungen bedeutete dies schlicht, dass die fernländischen Schiffbauer den urländischen mit ihrem Wissen voraus waren: Ihre Schiffe erschienen ihm schneller, wendiger und robuster als ihre Gegenstücke von jenseits des Ozeans. Die Arkheimer Schiffsbaukunst war einfach fortschrittlicher.

„So, Jungs und Mädels – dann wollen wir mal losfahren!“ Ihr Fürsprecher, Klaas Tibben, ein kleiner, muskulöser Menschenmann um die vierzig, stand breitbeinig auf dem leicht schwankenden Deck, die Arme vor seiner Brust gekreuzt. Jede noch so kleine Fläche Haut an ihm, die Tirvo sehen konnte, wies Tätowierungen auf – Unterarme, Hände, Hals, Nacken, der kahl rasierte Schädel, das Gesicht mitsamt Augenlidern und sogar die Zunge! Neben ihm stand die Schäferhündin, die Tirvo schon bei seiner Ankunft am Hafen bemerkt hatte, deren rechte Flanke enthaart war und ebenfalls eine Tätowierung zeigte. Sie betrachtete die Schüler des Kurses abschätzend. Einige weitere Hunde saßen oder lagen an Deck herum.

Ich glaube, seinen Wahnsinn kann ich erraten, dachte Tirvo. Wie die übrigen neun Schüler auch wartete er ab, dass ihnen Anweisungen gegeben würden, aber nichts dergleichen passierte: Klaas sah sie einfach nur an.

Ein spindeldürrer, aschblond gelockter Halblingjunge machte schließlich Anstalten, in die Takelage zu klettern, doch Klaas pfiff ihn zurück: „Du nicht, Kumo. Lass die anderen.“

Einige weitere Sekunden geschah nichts. Dann räusperte Tirvo sich. „Also, zunächst einmal sollten wir die Vertäuung lösen und Anker lichten… Während die Ebbe uns Richtung Meer treibt, können wir dann in Ruhe die Segel setzen…“

Klaas sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an (allerdings besaß er nicht wirklich Augenbrauen, da er diese wohl für mehr Platz zum Tätowieren wegrasiert hatte), sagte jedoch nichts. Ein wenig unsicher begann Tirvo damit, den anderen Anweisungen zu erteilen. Ein kleiner, dunkelhaariger, bronzehäutiger Menschenjunge – ein Tachi, aus den westlichen Regionen Ostfernlands, erinnerte Tirvo sich – meldete sich freiwillig für die Takelage und kletterte affenartig an den Seilen empor. Ein etwas älteres, dünnes Mädchen, welches ihm auffallend ähnlich sah und absurderweise trotz der hohen Temperaturen einen langen, bunten Wollschal um den Hals gewickelt trug, sah ihm besorgt hinterher. Seine große Schwester, entschied Tirvo, der sich an diese Art Blicke noch von Kerri erinnerte.

„Verfluchte Kacke, geht das scheißschwer“, stöhnte ein blondes Menschenmädchen, welches sich zusammen mit zwei anderen Schülern an der Ankerwinde zu schaffen gemacht hatte. Tirvo registrierte, dass ihre besonders knapp und provozierend geschnittene Kleidung ihren Körper deutlicher zur Schau stellte, als es bloße Nacktheit vermocht hätte – an Paulas Anblick hatte er sich jedenfalls gestern rasch gewöhnt.

Nach bestimmt einer halbe Stunde hatten sie schließlich Segel gesetzt und befanden sich auf dem offenen Meer. Klaas hatte dabei keinen einzigen Kommentar abgegeben. Kumo allerdings war dann doch immer mal wieder dem einen oder anderen zur Hand gegangen, wenn es Probleme gab – oder auch unmittelbar bevor es Probleme gab. Aus der Art und Weise, wie er sich auf dem Schiff betätigte, schloss Tirvo, dass er mit diesem eine Verbundenheit besaß, welche seiner Beziehung zum Element Wasser ähnelte – mit anderen Worten, dass sie auf seiner Gabe basierte.

Er war ein wenig neidisch. Aber andererseits brauche ich kein Schiff, um mich auf dem Meer heimisch zu fühlen, dachte er.

***

„Das ist sinnlos.“ Aurora sah kopfschüttelnd das Grünelbenmädchen an, welches vor ihr stand und ungeschickt ihr Schwert empor reckte – das selbe Mädchen, welches ihr neulich auf allen Vieren entgegen gekommen war. „Du besitzt viel zu wenig Kampferfahrung, und deine Technik ist einfach zu schlecht, um mich zu treffen… aber meinen Angriffen wiederum weichst du mühelos aus!“ Und ich habe bestimmt eine Viertelstunde lang alles probiert! „Offensichtlich hast du eine Gabe, die mich daran hindert, dich zu treffen. Wir könnten noch ewig so weiter machen, fürchte ich.“

„Tut mir leid – ich kann es nicht ändern“, entgegnete ihr Gegenüber scheu.

„Du könntest einfach einmal stillhalten?“, schlug Aurora sarkastisch vor.

„So einfach ist das nicht“, erwiderte die Grünelbin leise. „Ich habe es nicht unter Kontrolle.“

„Wie meinst du das – du hast deine Gabe nicht unter Kontrolle?“, fragte Aurora perplex nach.

Das Mädchen nickte unglücklich. „Ich weiche ganz von allein aus, auch wenn ich gar nichts dazu tue.“

„Ach so… aber das ist doch praktisch! So kann dich doch niemand aus dem Hinterhalt überraschen!“

„Es kann mich aber auch niemand berühren“, gab das Grünelbenmädchen zurück.

„Oh… Oh!“ Auf einmal begriff Aurora das Problem. „Überhaupt gar nicht?“

„Manchmal… für einen kurzen Augenblick… wenn ich mir ganz doll Mühe gebe…“ In den grünen Augen des Mädchens glitzerten Tränen.

„Das ist wirklich doof“, murmelte Aurora. Nach einer kurzen Pause sagte sie: „Ich bin übrigens Aurora… Aurora Yirell, aus Schattenland. Meine Gabe ist Luft.“

„Eolita Livatunie, aus Grünhausen“, antwortete das Mädchen.

„Livatunie?“ Aurora überlegte. „Das kommt mir bekannt vor…“

„Wenn du aus Urland stammst, hast du doch bestimmt eine Zeit lang in Kaperstadt gewohnt, oder? Vielleicht hast du meine Tante, Nylia, kennen gelernt? Sie lebt zur Zeit in Palmenheim.“

„Natürlich!“ Aurora erinnerte sich. „Ich glaube, sie hat sogar erwähnt, dass sie eine Nichte in der Anstalt hat.“

Aurora! Eolita!„, rief Belaron mit schneidender Stimme herüber. „Ihr seid nicht zum Tratschen hier! Eolita übt jetzt mit Gero, Aurora mit Juan!“

Seufzend wandte die Elbin sich ihrem neuen Trainingspartner zu, einem umgerechnet etwas älteren Menschenjungen, dessen Kleidungsstil darauf schließen ließ, dass er aus Südland stammte, oder vielleicht von einer der vom Meerbund besiedelten Inseln des Südmeers. Er war dunkelhaarig und schlank und trug einen sorgfältig gepflegten Spitz- und Schnurrbart. Sein Aufzug erschien ihr ein wenig geckenhaft, aber sie erinnerte sich, dass sich südländische Adlige oft in dieser Weise kleideten. An seinem Gürtel hing in einer verzierten und offensichtlich kostbaren Scheide ein Degen, den er während der Kampfübungen natürlich nicht benutzte.

Er verbeugte sich kurz auf höfische Weise vor ihr. „Juan Di Perez“, stellte er sich mit unverkennbarem südländischen Akzent vor.

Sie deutete einen höfischen Knicks an. „Aurora Yirell.“ Dann sprang sie in einer entschlossenen Attacke auf ihn zu, um endlich – endlich! – einmal an diesem Unterrichtstag einen Treffer zu landen…

…aber er wich geschickt zurück, und wie sie es auch anstellte, es gelang ihr nicht, in Schlagreichweite zu kommen. Er parierte ihre Schläge gekonnt und technisch perfekt, wenn auch vielleicht ein wenig uninspiriert (mein Kampfkunstlehrer hätte gesagt: traditionell, dachte sie), und hielt sie konsequent von sich fern.

„Sind mir denn alle in diesem Kurs überlegen?“, stöhnte sie verzweifelt.

„Belaron hat dich zu den besten Kämpfern eingeteilt“, entgegnete Juan ihr. „Das bedeutet, er hält viel von dir.“

„Jaja… das habe ich schon gehört. Es ist trotzdem frustrierend“, jammerte sie.

„Ich fürchte, es liegt an meiner Gabe, Aurora – Abstand“, lächelte er ihr zu. „Du musst dich darauf einstellen – das ist der Sinn dieser Übung. Jeder Gegner kämpft anders, und deswegen musst Du ihn auch anders… AU!“, schrie er überrascht auf, als Auroras Schwert ihn an der Schulter traf.

„Handeln, ohne darüber nachzudenken – danke, Gero!“, rief sie dem Halblingjungen zu, der sich gerade damit beschäftigte, die Luft um Eolita herum in Stücke zu schneiden. „Das war ein guter Ratschlag! Lass uns mal zusammen üben!“

„Gerne“, entgegnete dieser knapp, ohne sich stören zu lassen.

Juan sah sie beleidigt an, aber sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und bereitete sich auf die nächste Kampfrunde vor.

***

„Wir sind aus Hatachi geflohen, wo wir Leibeigene waren“, erzählte der Tachijunge, der – wie Tirvo unterdessen wusste – Atinni Inadhi hieß, mit recht starkem Akzent. „Ich bin gut mit Seilen, und Almaja“ – er deutete mit dem Kopf auf seine Schwester – „kann Dinge mit Holz anstellen. So konnten wir uns prima auf einem Schiff nach Osthafen verstecken – Schiffe sind ja zum großen Teil Seile und Holz.“

„Verdammt praktisch“, murmelte das blonde, knapp bekleidete Mädchen und spuckte aus.

Und ausgerechnet sie heißt Berta Sittsam!, dachte Tirvo. Aber mit diesem Namen hatte sie vielleicht einfach keine andere Wahl…

Die Schüler standen beieinander auf Deck, während das Schiff ohne ihr weiteres Zutun seinen Kurs hielt, hatten sich einander vorgestellt und unterhielten sich nun. Nur Kumo, dessen Nachname Krummstengel lautete, saß ein wenig abseits und klatschte seit einigen Minuten ohne erkennbaren Rhythmus in die Hände.

„So, Kinders – und was gibt es jetzt Wichtiges zu tun?“, mischte sich ihr Fürsprecher ein.

Tirvo überlegte. „Ich weiß nicht“, sagte er schließlich. „Das Schiff liegt doch wunderbar im Wasser?“

„Das ist wahr“, lächelte der Mann. „Aber was ist mit umkehren?“

„Oh. Ja, klar.“ War es wirklich schon so spät? Atinni kletterte bereits wieder in die Takelage, und Tirvo überlegte, wie die Segel eingestellt werden mussten, um das Schiff auf einen Kurs zurück zum Hafen zu bringen. Dann gab er Anweisungen zum Wenden, wobei ihn Kumo das eine oder andere Mal korrigierte.

Als sie wieder angelegt hatten, nahm Klaas ihn beiseite.

„Du scheinst mir ein ziemlich patenter Junge zu sein, Tirvo“, sagte er.

„Danke sehr“, erwiderte dieser stolz.

„Hast du mal darüber nachgedacht, dir eine Tätowierung stechen zu lassen?“

„Hm.“ Tirvo betrachtete das Bild, welches die Schäferhündin – deren Name Duma war – auf ihrer Seite trug, und kam zu dem Schluss, dass es eigentlich ziemlich schick aussah. „Bis jetzt noch nicht“, antwortete er vorsichtig.

„Naja, hat ja keine Eile. Aber überlege es dir, in Ordnung?“

„Mach ich“, versprach Tirvo.

zum nächsten Kapitel
zur Kapitelübersicht
Veröffentlicht on August 6, 2012 at 2:51 am  Schreibe einen Kommentar  

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s