Die Anstalt von Arkheim – Kapitel 99

*** Magische Momente ***

„Ich habe mich noch nie so gelangweilt“, sagte Johann, während er Auroras Handrücken streichelte. „Der Mathematikunterricht bei diesem Mann ist besser als jeder Schlafzauber. Aber ihr dürft auf keinen Fall tatsächlich einschlafen! Schlaflosigkeit ist wohl sein Wahnsinn, und er betrachtet es als Verhöhnung, wenn ihr in seinem Kurs schlaft. Ein Mädchen – ich glaube, sie heißt Andrea – ist heute eingenickt, und er hat sie zu drei Tagen Kerkerhaft verdonnert.“

„Danke für die Warnung“, entgegnete Tirvo beeindruckt, bevor er den letzten Rest des Mittagessens mit einem gewaltigen Schluck Wasser hinunter spülte. „Aber Mathe ist bei uns erst am Siebttag dran. Jetzt haben wir erst einmal mit dir Metaphysik.“

„Ich nicht“, warf Aurora ein. „Ich habe den Nachmittag frei.“

„Du hast nicht frei„, rügte Mai-shin sie. „Du verfügst über Zeit, welche du für selbständiges Üben und Lernen nutzen kannst.“

„Um Himmels Willen, Mai-shin! Du bist doch nicht meine Fürsprecherin! Ich werde ja auch üben. Aber brauchst du denn nicht auch einmal eine Pause?“, regte die Elbin sich auf. Dann bemerkte sie den spöttischen Blick der Lashani und musste grinsen. „Wo hast du diesen Spruch bloß her?“

„Er stand in einem von Hartmuts Büchern, die du dir ab und zu von außen betrachtet hast“, setzte Mai-shin nach. „Aber um deine Frage zu beantworten: Ich gehe davon aus, dass ich einige meiner Kurse eher entspannend finden werde. Da benötige ich keine freien Nachmittage.“

„Wie – keinen einzigen?“, fragte Aurora ungläubig nach.

Tirvo antwortete für die Lashani: „Nein. Ich habe ihren Stundenplan gesehen: Er ist randvoll! Ich glaube, wenn es an den Übungstagen freiwillige Kurse gäbe, würde sie die auch noch belegen.“

„Es gibt gelegentlich Exkursionen oder besondere Übungen am Wochenende“, versetzte Mai-shin. „Aber ich fürchte, Schüler, welche noch Grundkurse belegen, sind davon zumeist ausgeschlossen.“

„Du wirst schon einen Weg finden, dich zu beschäftigen“, meinte Aurora, während sie vom Tisch aufstand. „So, ich gehe jetzt duschen und meine blauen Flecken ein wenig massieren, und dann bin ich auf dem Übungsgelände.“

Johann stand rasch ebenfalls auf, um ihr noch einen Kuss zu geben. „Ich liebe dich, Aurora“, sagte er mit Nachdruck.

„Ja, ich weiß… ich meine, ich liebe dich auch“, entgegnete die Elbin verwirrt. Was ist denn bloß los mit ihm? „Viel Spaß in Metaphysik“, verabschiedete sie sich. Sie spürte, dass ihr Freund ihr nachblickte, als sie die Mensa verließ.

***

Im Unterrichtsraum für Metaphysik fanden die Schüler an jedem Platz ein in Leder gebundenes, äußerst voluminöses Lehrbuch vor. Ziemlich aufwändig, dachte Tirvo. Üblicherweise besitzen Lehrbücher einfache Pappeinbände. Aber vielleicht sind diese Bücher einfach zu dick dafür?

Vor der Tafel stand der älteste Elb, den er jemals gesehen hatte: grauhaarig, hager, mit faltigem Gesicht und einer schmalen Brille, hinter deren dicken Gläsern seine Augen nur zu erahnen waren. Gerade schrieb er seinen Namen an die Tafel: Thaleon Thaledines.

Der ist bestimmt über fünfhundert Jahre alt, vermutete Tirvo insgeheim. Vielleicht hat er sogar noch die Gründung Arkheims und der Tagmokratie miterlebt!

Er setzte sich und sah sich um. Johann teilte sich einen Tisch mit Mai-shin. Marianne und Tideline belegten ebenfalls diesen Kurs und saßen natürlich nebeneinander. Paula steuerte zielsicher auf ihn zu und nahm sich den Stuhl an seiner Seite. Die Zwergin, die sich im Naturkundekurs so zögernd vorgestellt hatte – Girla heißt sie, erinnerte er sich – schlich in die letzte Reihe und setzte sich an einen Tisch an der Wand, so dass neben ihr ein freier Platz blieb. Sie legte ihre Hand darauf, als wolle sie ihn reservieren, aber es kam niemand zu ihr. Von den übrigen ungefähr zwanzig Schülern erkannte Tirvo niemand besonderen.

Zuerst tuschelten die Schüler noch ein wenig, aber dann legte der alte Elb den Zeigefinger an seine Lippen, und es wurde still im Raum. Erneut ergriff er die Kreide und schrieb an die Tafel: Kapitel 1.

Tirvo griff nach dem vor ihm liegenden Buch – doch dieses schlug sich von allein auf! Er keuchte überrascht, und auch die übrigen Schüler gaben ähnliche Geräusche von sich, aber Thaleon legte erneut den Finger an seine Lippen, und es wurde rasch wieder still.

Plötzlich hörte Tirvo eine leise, aber sehr eindringliche und gut verständliche Stimme:

„Metaphysik ist die Lehre der beobachtbaren Vorgänge in der Welt, sowohl der geordneten, als auch derjenigen, welche durch Grenzenlosigkeit hervor gerufen werden…“

Das Buch liest sich selbst vor!, begriff er. Wie unglaublich praktisch!

Zuerst las er noch mit, aber nach einer kurzen Weile schloss er die Augen und lauschte nur noch – es war einfacher so. Die magische Stimme erklang direkt in seinem Geist und füllte diesen ohne sein aktives Zutun mit Wissen.

Mai-shin hatte Recht – manche Kurse sind tatsächlich erholsam!

***

So lange bin ich noch nie geschwebt!

Aurora genoss das Gefühl der beinahe mühelosen Schwerelosigkeit, die leichte Abendbrise, den Ausblick über den Strand aus dreißig Meter Höhe. Ein leicht bewölkter Himmel verhinderte, dass sie unmittelbar der Sonne ausgesetzt war und trug so zu ihrem allgemeinen Wohlbefinden bei. Mai-shin kann sagen, was sie will – ich habe die paar Stunden Pause gebraucht!, dachte sie. Zwar hatte sie sich gleich nach dem Mittagessen auf dem Übungsgelände angemeldet, aber erst einmal den Großteil der Zeit damit verbracht, am Strand zu liegen und zu dösen, sich von den Strapazen der letzten Tage zu erholen. Erst kurz vor Ende der Nachmittagskurse, als sie das Gefühl hatte, vollständig ausgeruht zu sein, hatte sie sich dann in die Luft erhoben. Dort befand sie sich nun bereits seit über einer Stunde, vielleicht sogar seit zweien – sie hatte freudig festgestellt, dass das Schweben sie kaum mehr anstrengte als ein gemächlicher Spaziergang. Das war doch einmal ein Fortschritt!

In einem anderen Sektor des Übungsgeländes – natürlich direkt am Wasser! – erspähte sie Tirvo. Sie konnte nicht erkennen, womit genau er sich beschäftigte, aber er schien sich dabei sehr zu konzentrieren.

Das Abendessen habe ich wohl verpasst, dachte sie. Macht nichts – ich kann ja ausnahmsweise im Restaurant essen gehen.

Ein wenig hungrig fühlte sie sich unterdessen doch, und daher ließ sie sich langsam wieder zu Boden sinken. Unter sich bemerkte sie eine Gestalt auf einem kleinen Felsen sitzend – Johann! Sie ließ sich auf ihn zu treiben und landete direkt vor seinen Füßen.

„Wartest du schon länger?“, fragte sie ihn.

Er lächelte sie an. „Ich wollte dich nicht stören. Du wirktest so glücklich da oben.“

„Es ist wirklich ein unglaublich schönes Gefühl! Soll ich dich mit hinauf nehmen?“

Johann wehrte ab. „Nein, lass nur. Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du mitkommen möchtest, Myline besuchen – du hattest einmal erwähnt, dass du sie gerne kennen lernen willst, und sie hätte heute Abend für uns Zeit.“

„Ah. Ja, natürlich. Gehen wir gleich? Ich habe noch nichts zu Abend gegessen…“

„Sie wird sicherlich etwas da haben“, lächelte Johann. „Komm!“ Er fasste sie an der Hand und zog sie mit sich.

***

Wasser besteht aus winzigen Teilchen, die sich unaufhörlich bewegen – um so schneller, je wärmer das Wasser ist. Wird die Bewegung zu langsam, hört es auf zu fließen und erstarrt in Eiskristallen. Wenn ich das Wasser BREMSEN kann – wenn ich es auf diese Weise KÜHLEN kann – kann ich es zu Eis werden lassen!

Tirvo saß im flachen Wasser in einer kleinen Felsenbucht und bemühte sich, dieses Element auf eine Weise zu erfassen, wie er es noch nie zuvor getan hatte – nicht nur als Zusammenballung zahlloser Wassertropfen, sondern als eine aus winzigen einzelnen Teilchen bestehende, aber gerade dadurch in ihrer Gesamtheit einförmige Substanz. Ich muss meine Wahrnehmung ändern, dachte er. Ich kann unmöglich alle diese Teilchen einzeln ansprechen – ich muss das Wasser als Ganzes fühlen, mit seinem grundlegenden Wesen Verbindung aufnehmen.

Lange Zeit bewegte er sich nicht, tat nichts, sondern sah, lauschte, fühlte – ließ die Präsenz des Wassers auf sich wirken. Dann endlich wurde er sich einer Form der Wahrnehmung bewusst, auf die er gehofft hatte: Das Wasser als eine unruhige Gesamtheit, angereizt durch eben diese innere Unruhe.

Nun versuchte er das Wasser zu beruhigen – aber nicht auf der oberflächlichen Ebene, auf der er einen Wellengang glätten würde, sondern in dessen innerem Wesen. Zuerst gelang ihm dies nicht- je mehr er sich anstrengte, desto größer wurde die Unruhe; er heizte das Wasser stattdessen – wenn auch nur leicht – auf. Doch dann hatte er eine Idee: Er versenkte sich selbst in ein Gefühl der Ruhe, mehr noch, der Gleichgültigkeit – und diese Trägheit, diese innere Kälte ließ er auf das Wasser vor ihm ausstrahlen. Bewegungslos und emotionslos beobachtete er dann, wie sich kleine Eisplättchen auf der Oberfläche bildeten. So ist das also, dachte er. Gefühle erzeugen Wärme, erzeugen Unruhe.

Eis ist gefühllos.

***

„Guten Abend, Aurora – hallo, Johann! Kommt herein!“

Myline Buschblüte war eine umgerechnet bald sechzigjährige Halblingfrau, deren Haare bereits schlohweiß waren. Sie trug einen Malerkittel, welcher mit mehreren Schichten Farbklecksen bedeckt war, so dass die ursprüngliche weiße Farbe nur noch an dessen Rändern erahnt werden konnte. In ihrer rechten Hand hielt sie ein Jojo aus rot bemaltem Holz, das sie, offenbar ohne ihm irgendwelche bewusste Aufmerksamkeit zu schenken, unaufhörlich in den kompliziertesten Figuren durch den Raum tanzen ließ.

„Schön, dich zu sehen“, lächelte die Fürsprecherin das Elbenmädchen an. „Johann schwärmt unablässig von dir!“

Tut er das tatsächlich?, fragte Aurora sich freudig. „Bei mir hingegen hat er Sie immer in den höchsten Tönen gelobt“, konnte sie sich nicht verkneifen.

Myline lächelte weiter, ging darauf aber nicht ein. „Möchtet ihr etwas Tee trinken? Vielleicht ein wenig Kuchen?“

„Oh ja, bitte – ich habe wirklich Hunger“, bejahte die Elbin dankbar. Bin ich wirklich auf diese nette alte Dame eifersüchtig gewesen?

„Vorher solltest du aber etwas sehen“, warf Johann ein. „Myline, wäre es möglich, dass Aurora sich dein Bild anschauen darf?“

„Du meinst Die Wolke? Aber natürlich. Kommt mit!“

Myline öffnete die Tür zu einem benachbarten Zimmer. Dort warf sie rasch einen Vorhang über eine Staffelei, bevor sie einen Hebel an der Wand betätigte, welcher einen Kronleuchter aus Öllampen taghell aufleuchten ließ. „Es ist kein Sonnenlicht, aber zum Betrachten eines Bildes mag es genügen“, erklärte sie, beinahe entschuldigend.

Aurora sagte nichts. Sie glaubte, auf dem Bild, welches die Fürsprecherin eilig verhüllt hatte, einen silbernen Schimmer und eine ihr bekannte Kontur wahrgenommen zu haben. Das Portrait Luminas! Sie möchte offenbar nicht, dass ich es sehe. Vielleicht ist es auch besser so…

Dann führte Myline sie zu einem beinahe eine ganze Wand des Raums einnehmenden Gemälde, und der Elbin stockte der Atem. Es zeigte eine Wolke… es zeigte eine WOLKE! Noch nie zuvor hatte sie so eine Wolke gesehen, und doch – dieses Bild war die Essenz einer Wolke. Wer es ansah, der VERSTAND Wolken. Es war unglaublich. Auf diesem Bild war Luft, war Himmel, war die Feuchtigkeit und der Staub, welche zusammen Wolken bildeten; war das Versprechen von Regen, das bunte Glitzern des Sonnenlichts… war das Geheimnis einer flüchtigen, stets veränderlichen Form; eine Gesamtheit aus einzelnen, für sich kaum wahrnehmbaren Partikeln… war die Majestät des Reichs zwischen Erde und Sonne, ein kurzzeitiger Einblick in den ewigen Kreislauf des Wassers, der Hinweis eines nahenden Wetterumschwungs… auf diesem Bild war eine WOLKE.

Minutenlang stand sie da, ohne sich dessen bewusst zu sein, ohne die Hand Johanns zu spüren, der die ihre ergriffen hatte; ihren Hunger vergessend, ihren Körper vergessend, den Raum um sich herum vergessend – nichts anderes mehr war in ihrem Geist als diese Wolke, welche in ihrer Einzigartigkeit und Perfektion die Welt umfasste, erfüllte und erklärte.

Irgendwann zupfte Johann sie am Arm und riss sie wieder in die gewöhnliche Realität zurück. Mit einem verstehenden Lächeln gab er ihr einen Kuss und führte sie dann zurück in den Hauptwohnraum Mylines, wo auf einem kleinen Tisch neben einem Teller mit frischem Kuchen der Tee bereits zu erkalten begonnen hatte.

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Veröffentlicht on August 21, 2012 at 12:57 am  Schreibe einen Kommentar  

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