Linksgrün versifft

Ich habe diesen Artikel hier auf Spiegel Online gelesen und möchte Euch einige kurze Gedanken dazu mitteilen.

Die Autorin versucht sich an einer subtilen, meiner Ansicht nach recht konstruierten Interpretation, aber ich denke, die Sache verhält sich eigentlich ganz einfach: Siff ist eklig. Und wenn man sich vor etwas ekelt, will man es loswerden.

Durch die Assoziation mit Siff und das Ansprechen des durch dessen Benennung ausgelösten Ekelgefühls werden die so bezeichneten Personen entmenschlicht und wird es gerechtfertigt, sie entsprechend zu behandeln. Wer versifft ist, ist menschlicher Müll, ist ein Parasit, ein Volksschädling, Abschaum – alle diese Begriffe sind in der gleichen Weise motiviert und in rechten Kreisen schon lange in Gebrauch.

Mit jener systematischer Entmenschlichung wird die Hemmschwelle gesenkt, Menschen unmenschliche Dinge anzutun; wird die Geisteshaltung etabliert, aus der Gewaltexzesse, Pogrome und die systematische Vernichtung politischer Gegner und unliebsamer Bevölkerungsgruppen geboren werden. Diese Verrohung der Sprache ist der erste Schritt auf dem Weg in eine rechte Pöbel- und Gewaltherrschaft.

Dies hier habe ich vor über elf Jahren geschrieben, und dies hier vor gut zwei Jahren. Beide Male ging es mir darum aufzuzeigen, dass Nazis keine Ausnahmeerscheinung waren und sind, sondern lediglich die extremsten und am leichtesten zu erkennenden Vertreter eines weitaus größeren Teils der Menschheit mit solchen Überzeugungen, und dass es nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig ist, diese Menschen als Nazis zu identifizieren und zu bekämpfen – und zwar bevor sie nach ihren ersten Schritten weitere machen und an ihr Ziel gelangen.

In dem Spiegel-Artikel heißt es „dass nicht alle, die ihre Gegnerinnen und Gegner als „links-/rotgrün versifft“ bezeichnen, durch und durch Faschisten und Faschistinnen sind“, und man hört und liest auch immer wieder, dass es kontraproduktiv sei, Menschen als Nazis zu bezeichnen, weil man sie damit erst in diese Ecke drängen würde.

Ich widerspreche hier energisch! Nazi ist, wer wie ein Nazi denkt, spricht oder handelt; und wer Begriffe wie „linksversifft“ auf politische Gegner aus der gesellschaftlichen Mitte anwendet, qualifiziert sich. Wenn wir diese Einordnung erst akzeptieren, sobald aus der halbherzig geleugneten Ideologie politische Realität geworden ist, ist es zu spät. Diese Gefahr war niemals wirklich nur hypothetisch, aber unterdessen ist sie akut.

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Die rechte Phantasie

Ich habe bemerkt, dass ich eigentlich gar kein typischer Fantasyfreund und Rollenspieler bin: Ich besitze nämlich keine konservative Weltsicht.

Das mag sich merkwürdig anhören, aber ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass Fantasy – und vor allem auch Fantasy-Rollenspiel – eine besonders starke Anziehungskraft auf Menschen mit konservativer Einstellung hat! Ich will Euch sagen, wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin: Ich habe doch vor einiger Zeit diesen Eintrag hier verfasst, und obwohl ich selbst bislang keine Schritte unternommen habe, ihn in der Rollenspielszene zu verbreiten, wurde er doch trotzdem von einigen anderen Rollenspielern gefunden.

In der Diskussion mit diesen bzw. beim Verfolgen ihrer auf meinen Eintrag bezogenen Kommentare stellte ich verschiedene Dinge fest: Zunächst einmal plädierten viele von ihnen für „klassisches“ Rollenspiel bzw. teilweise sogar für „Retrogaming“, und ihren Ausführungen konnte man entnehmen, dass sie die Entwicklung, welche das Hobby Rollenspiel in den ca. 40 Jahren seines Bestehens durchlafen hat, nicht als Fortschritte ansehen. Auch wenn ich mich nicht erinnern kann, diesen speziellen besonders belasteten Ausdruck gelesen zu haben, hat mindestens einer recht unmissverständlich deutlich gemacht, dass er Storytelling für entartetes Rollenspiel hält, und auch allgemein – zweifelsohne bewusst –  den Eindruck eines typischen Burschenschaftlers erweckt. Auch Kommentatoren, bei denen ich keinen Grund habe, sie in die wertkonservative bis reaktionäre Ecke einzuordnen, verbreiten häufig zumindest den Eindruck konservativen Bildungsbürgertums. Ebenfalls einen recht fortschrittsfeindlichen Eindruck hinterließ bei mir auch ein Forumsuser in einem Forum für ein Rollenspiel-Kartenzeichenprogramm, der sich vehement gegen die Idee wehrte, Rollenspielkarten mit modernen, computergestützten kartografischen Methoden zu erstellen, und der als Begründung anführte, dass Rollenspieler seit der Zeit von Gygax und Arneson ihre Karten immer in der gleichen, klassischen Art erstellt haben, und dass es deshalb keinen Grund gebe, es jemals zu ändern.

Was ich versuchen will zu sagen, aber in diesem kurzen Absatz vermutlich nicht vermitteln konnte: Es waren nicht nur die vertretenen Standpunkte selbst, die mich nachdenklich gemacht haben, sondern vor allem die Art der Argumentation und der begleitende Eindruck, die auf eine konservative Einstellung hinwiesen, und die sich leicht überspitzt auf immer die selbe Weise beschreiben ließen: Veränderungen können Dinge nur schlechter machen; anzustreben ist stattdessen eine Rückkehr zum ursprünglichen Zustand. Die Welt verkommt, weil sie sich von den urspünglichen, wahren Werten entfernt.

Und das ist doch genau das Leitmotiv typischer Fantasy! (mehr …)

3. Oktober – war da was?

Gestern war ja der Tag der Deutschen Einheit. Man erkennt ihn daran, dass man nicht zur Arbeit geht, die Kinder nicht in die Schule müssen, und die Läden geschlossen bleiben. Ein weiterer Feiertag eben.

Was feiern wir da eigentlich? Ach ja richtig – die Wiedervereinigung Deutschlands! Die habe ich ja auch selbst miterlebt. Vorher war der 17. Juni der Tag der Deutschen Einheit gewesen. Wisst Ihr noch, was da war? Naja – wozu gibt es Wikipedia… Fällt Euch etwas auf? Jaja, die Regierungen der DDR und der Sowjetunion haben einen spontanten Volksaufstand zu einer von außen gesteuerten Konterrevolution umgedeutet. Das meine ich nicht: Wieso feierten wir diesen (niedergeschlagenen, wohlgemerkt) Aufstand eigentlich als Tag der Deutschen Einheit? War irgendetwas von einer Forderung, sich mit der Bundesrepublik wiedervereinigen zu wollen, zu erkennen gewesen? Und was hat die Bundesrepublik dazu eigentlich beigetragen? Tja, wir Wessis konnten eben auch umdeuten.

Aber na schön, das ist ja nun entfernte Geschichte – ich kann wohl davon ausgehen, dass kaum jemand, der mein Blog liest, diese Zeit noch bewusst erlebt hat. Kommen wir also zurück zur nicht ganz so entfernten Geschichte, dem 3. Oktober 1990 (mehr …)