Zur Gesellschaft in Arkheim

(aus einem Arkheimer Informationsband für Flüchtlinge aus Urland)

Die Arkheimer Siedler schworen keineswegs allen tagmokratischen Grundsätzen ab: Auch hier gelten Ordnung und Vernunft als höchst erstrebenswerte Tugenden! Allerdings wird auch der Wandel im starken Maß akzeptiert – im Unterschied zur Tagmokratie, welche nur „Fortschritt“ kennt, der auf einem unwandelbaren Fundament stehen muss, jedoch keinen grundlegenden Wandel. Das Arkheimer Credo lautet: Die Vernunft gebietet es, dass die jeweilige erstrebenswerte Ordnung sich den Umständen anpassend wandeln können muss. Daher verschließt sich Arkheim nicht in der gleichen Weise neuen Erkenntnissen, wie es die Tagmokratie tut, und ist bereit – unter Beachtung von Vorsicht und Vernunft – die Verschiebung von Grenzen zu akzeptieren.

Ausdruck dieser Philosophie ist das Buch des Wandels: eine Sammlung von religiösen Kapiteln und daraus abgeleiteten erlassenen Gesetzen, ähnlich dem Kodex der Tagmokratie, jedoch im Gegensatz zu diesem nicht nur erweiterbar, sondern auch Gegenstand gelegentlicher Änderungen und sogar Streichungen, wenn der Rat des Wandels – ein Gremium von Gelehrten, welches alle zehn Jahre zusammentritt – dies für sinnvoll erachtet. (Für bloße Erweiterungen in Form erlassener Gesetze ist hingegen der Magistrat von Arkheim zuständig.) Das Buch des Wandels (abgekürzt BdW) beschreibt die Rechte und Pflichten aller Bürger und Pfoten Arkheims.

Der Rat des Wandels wird, als dessen letzte bedeutende Amtshandlung vor einer Neuwahl, vom Arkheimer Magistrat einberufen, welcher die Regierung Arkheims ist. Dem Magistrat gehören dreizehn Mitglieder an, von denen fünf nicht gewählt, sondern auf Grund ihrer Stellung in diesen Rang erhoben werden: Der Neokrat (das Oberhaupt des Gewandelten Glaubens – die Staatsreligion Arkheims); der oberste Richter Arkheims; der Admiral der Arkheimer Flotte; der oberste General der Landstreitkräfte; und der Meister der Anstalt von Arkheim (dieser ist das einzige grenzenlose Mitglied des Magistrats; ansonsten dürfen diesem ausschließlich Vollbürger angehören). Die Identität der übrigen acht Mitglieder des Magistrats ist geheim, wenn auch in manchen Fällen eine Zugehörigkeit bestimmter besonders einflussreicher Personen als allgemein bekannt gilt. In der Regel handelt es sich um besonders reiche oder gelehrte Arkheimer Bürger.

Sobald der Rat alle Änderungen am Buch des Wandels verkündet hat, beginnen die Arkheimer Wahlen, in denen jeder Bürger (mit Ausnahme Grenzenloser und verurteilter Straftäter, welche für die Dauer ihrer Strafe keine Bürgerrechte besitzen) eine Stimme hat. Es ist jedoch legal, sein Wahlrecht an andere Personen zu verkaufen. Bei den Wahlen treten nicht die Kandidaten für den Magistrat selbst an, sondern so genannte Surrogaten. Diese werden von potenziellen Kandidaten ausgesucht (welche über einen finanziellen Mindestbesitz, das so genannte Kandidatenvermögen, welches 20 Goldmark in Münzen beträgt, verfügen müssen), um für sie (ohne ihren Namen zu nennen) Wahlkampf zu führen. Jeder Bürger, der nicht bereits als Surrogat fungiert, und der nicht selbst über ein Kandidatenvermögen verfügt, ist verpflichtet, auf Anfrage eines Kandidaten diesen als Surrogat zu vertreten und dessen Wahlprogramm bekannt zu geben. So soll verhindert werden, dass von der Identität des Surrogaten auf diejenige des Kandidaten geschlossen werden kann. Seinen Pflichten als Surrogat nicht nachzukommen oder die Identität eines Kandidaten öffentlich zu machen ist Hochverrat.

Diejenigen acht Surrogaten, welche die meisten Wählerstimmen auf sich vereinigen, geben den fünf öffentlichen Magistratsmitgliedern die Identität der gewählten Kandidaten bekannt (eine Wiederwahl ist beliebig oft möglich). Nur die geheimen Posten werden durch die Wahl vergeben; die öffentlichen sind auf Lebenszeit durch den Magistrat bestimmt, wenn dieser ein Mitglied nicht mit einer Mehrheit von mindestens zehn Stimmen abberuft. Wahlen finden alle zehn Jahre statt. Das nächste Wahljahr wird 565 A.Z. sein.

Ähnlich wie das Konzil in der Tagmokratie regiert der Magistrat durch Junker und Beamte, die er direkt benennt (die Ebene der Quästoren ist nicht notwendig, da Arkheim viel weniger Einwohner als die Tagmokratie besitzt). Die wichtigsten Unterschiede zur Tagmokratie sind folgende: Es gibt keine Gemeinden, sondern so genannte Bezirke. Dies können Stadtbezirke sein (Teile der Stadt Arkheim), Ortsbezirke (Siedlungen außerhalb der Stadt Arkheim), Waldbezirke (weiträumige, dünn von Grünelben besiedelte Gebiete) oder Bergbezirke (Zwergenkolonien, welche sich meistens, aber nicht notwendigerweise immer tatsächlich im Gebirge befinden). Es gilt das freie Wegerecht: Jeder Bürger darf sich nach eigenem Gutdünken auf Fernland frei bewegen. (Für eine Ansiedlung in einem Bezirk bedarf es jedoch immer noch der Genehmigung des zuständigen Junkers). Ebenso gibt es ein allgemeines Waffenrecht (welches aber natürlich nicht zum Besitz von Knallpulver berechtigt).

In Arkheim wird eine Variante der Gerechten Sprache gesprochen – die so genannte Gemeinsame Sprache, oder auch kurz „das Gemein“ – welche zwar ein wenig anders ausgesprochen wird, und in der sich einige Wortbedeutungen und Redewendungen unterscheiden, die aber – auch auf Grund des ständigen Nachzugs weiterer Exilanten von Urland – nahe genug mit der Gerechten Sprache verwandt geblieben ist, dass sich Urländer und Arkheimer ohne Mühe miteinander verständigen können.

Da der tagmokratische Kalender in Arkheim übernommen wurde, und da beide vom selben Tag aus zählen (dem offiziellen Gründungsdatum sowohl von Genessos als auch von Arkos, der heutigen Stadt Arkheim), ist die Zeitrechnung in der Tagmokratie und in Arkheim identisch. Daten unterscheiden sich lediglich durch das angehängte „T.Z.“ (tagmokratische Zeitrechnung) oder „A.Z.“ (Arkheimer Zeitrechnung).

Grenzenlosigkeit wird in Arkheim nicht bestraft. Jedoch muss jeder Grenzenlose einen Fürsprecher haben, sonst ist er vogelfrei. Dies bedeutet, dass alle Bürger und Pfoten das Recht besitzen, ihn gefangen zu nehmen oder zu töten, falls sie sich von ihm bedroht fühlen.

In Arkheim gibt es keine Sklaverei. Alle Angehörigen der gerechten Völker gelten als gleichberechtigt. Dies gilt auch für die wenigen aus Wildland stammenden Bürger – Wüstenzwerge, Wildelben, Dschungelhalblinge und Dunkelmenschen, die von gekaperten Schiffen ihren Weg nach Fernland gefunden haben – sobald diese die Gerechte Sprache erlernt haben, was Grundbedingung für die Erlangung der Bürgerrechte ist. In der Praxis bringen es Einwanderer nicht-urländischer Herkunft jedoch auf Grund ihrer wilden Ursprünge üblicherweise nur selten zu Wohlstand, Bildung, politischem Einfluss oder gehobener sozialer Stellung.

Die Angehörigen der gerechten Völker dürfen in Arkheim in gemischten Siedlungen leben, auch wenn sie es häufig trotzdem bevorzugen, in eigenen Vierteln zu wohnen. Im Gegensatz zur Tagmokratie, wo dies als Ketzerei betrachtet wird, sind auch romantische Partnerschaften sowie eheähnliche Gemeinschaften zwischen Angehörigen verschiedener Völker gestattet, und Entsprechendes gilt auch für gleichgeschlechtliche Beziehungen – das Buch des Wandels schreibt weder Bürgern noch Pfoten vor, welchen Umgang sie haben sollen. Eine Ehe im Sinne des Gewandelten Glaubens mit kirchlichem Segen können aber natürlich nur ein Mann und eine Frau des selben Volkes eingehen, da nur aus solchen Verbindungen Kinder hervorgehen können.

Die Bevölkerungsanteile der gerechten Völker in Fernland entsprechen denen in der Tagmokratie. Auch hier neigen Elben besonders dazu, einflußreiche Positionen wahrzunehmen, aber in Arkheim haben auch die anderen Völker maßgeblichen Anteil an der gesellschaftlichen Gestaltung und politischen Führung des Landes, was in der Tagmokratie effektiv nicht der Fall ist.

Die Pfoten Fernlands werden nicht zu den gerechten Völkern gezählt, leben mit diesen jedoch in Ordnung zusammen. Sie sind nicht wild, und viele Bestimmungen und Gesetze aus dem Buch des Wandels gelten – teilweise in leicht abgewandelter Form – auch für sie. Andere wurden speziell für sie erlassen, insbesondere solche, welche den Pfotenkrieg betreffen.

Oger und Zentauren sind weitere mit Intelligenz begabte Völker, welche jedoch niemals in Ordnung gelebt haben; sie sind naturwild. Sie werden essenziell wie Bürger behandelt, denen dauerhaft die besonderen bürgerlichen Privilegien (insbesondere das Wahlrecht und das Recht auf Grundstückseigentum) entzogen wurden. Sie sind nicht von Natur aus vogelfrei, doch einzelne Angehörige dieser Völker können zu Vogelfreien erklärt werden, wenn sie eine Gefahr für die Bürger und Pfoten Arkheims darstellen.

Klöster existieren in Arkheim nicht. Von den Priestern des Gewandelten Glauben wird erwartet, dass sie inmitten der Bürgerschaft leben und dieser die Grundsätze dieses Glaubens täglich verkünden und vorleben. Kirchenbesuche sind in Arkheim keine Pflicht. Jedoch haben nur regelmäßige Kirchenbesucher Anrecht auf Unterstützung durch die Gemeinschaft (im Fall von Arbeitsunfähigkeit, Krankheit oder Alter), und diese wird über die Kirchengemeinde organisiert. Anders als in der Tagmokratie ist der Schlaf des Gerechten keine Verpflichtung, jedoch sind Bürger, deren Gebrechlichkeit ihnen den Kirchgang nicht mehr gestattet, auf private Pflege und Unterstützung angewiesen.

Die Alterseinteilung und das prinzipielle Schulsystem der Tagmokratie wurden in Arkheim übernommen. Allerdings ist jeder arbeitsfähige erwachsene Bürger selbst dafür verantwortlich, für sich und seine Familie zu sorgen – es gibt keine vom Staat zugewiesenen Arbeitsstellen, und es ist kein Mannrecht für Frauen notwendig, um bestimmte Arbeiten ausführen zu dürfen. Ebenso gibt es kein Mutterrecht – es liegt in der Selbstverantwortung jeder Frau, Nachwuchs zu bekommen und diesen zu versorgen. Nichtsdestotrotz werden Mütter nicht beim Militär zugelassen, und auch kinderlose Frauen machen deutlich seltener als Männer von der Möglichkeit Gebrauch, in den Dienst der Armee oder der Flotte einzutreten.

Auch in Arkheim gilt, dass es strafbar ist, fahrlässig Opfer eines Verbrechens zu werden. Da Fernland jedoch erheblich wilder, gefährlicher und ungeordneter ist als Urland, und da Wagemut und Pioniergeist als erstrebenswerte Tugenden gelten, findet dieses Gesetz nur in extremen Fällen Anwendung. Generell ist jeder Bürger selbst dafür verantwortlich, sein Leben vernünftig, sinnvoll und geordnet zu gestalten. Unvernünftiges, sinnloses und chaotisches Verhalten wird daher nicht bestraft, sofern es nicht gegen konkrete Gesetze verstößt.

Die Arkheimer Währung ist die Arkheimer Goldmark, welche 20 Silberschillingen entspricht, die wiederum jeweils einen Gegenwert von 100 Kupferkreuzern haben. Diese Kreuzer sind nach ihren kreuzförmigen Einprägungen benannt, die es möglich machen, sie (mit einem gewissen Kraftaufwand) in Viertel zu zerbrechen. Ein Laib Brot oder ein Glas Bier in einer Gaststätte kosten üblicherweise zwischen ein und zwei Kreuzer, ein Glas Wein oder eine Schüssel Suppe fünf Kreuzer, eine Übernachtung im Gemeinschaftsraum (ohne Frühstück) zehn Kreuzer. Für ein einfaches Hemd muss man ebenfalls ungefähr zehn Kreuzer veranschlagen, für eine grobe Hose zwanzig Kreuzer, für ein gebrauchtes Paar Stiefel einen halben Schilling. Ein ungelernter Arbeiter verdient vier bis fünf Kreuzer die Stunde.

Die wichtigste Pflicht jedes erwachsenen Bürgers und jeder erwachsenen Pfote ist die Orkpflicht: Wann immer sich die Gelegenheit bietet, ohne unzumutbare Gefahren für das Leben und den Besitz Arkheimer Bürger oder Pfoten (dies schließt einen natürlich selbst ein) Orks zu töten, ist man dazu verpflichtet. Falls dies ohne Hilfe nicht möglich erscheint, sind unverzüglich weitere Bürger zu benachrichtigen, um eine Posse zu bilden, welche gemeinsam Jagd auf die Orks macht. Sollte auch dies zu gefährlich erscheinen, muss unverzüglich der Junker des entsprechenden Bezirks oder direkt der Magistrat von Arkheim benachrichtigt werden. Die Vernachlässigung der Orkpflicht wird mit dem Entzug der Bürgerrechte bestraft. (Pfoten werden von ihrem Volk verstoßen und können sich keinen Rudeln mehr anschließen und keine Freistätten mehr aufsuchen.)

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Veröffentlicht on Januar 13, 2017 at 12:34 am  Kommentare deaktiviert für Zur Gesellschaft in Arkheim